Nr. 42/2012 vom 18.10.2012

Sind Sie denn wirklich einflussreich?

Statt Details zu diskutieren, sollte man die Finanzbranche mit harten Schnitten verändern, meint Antoinette Hunziker-Ebneter. Die Exbankerin erklärt, warum das nicht einfach ist und sie am liebsten keine Regeln hätte.

Von Carlos Hanimann (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Antoinette Hunziker-Ebneter: «Ich wünsche mir ein Abstecken des Spielfelds. Und darauf darf dann gespielt werden.»

WOZ: Frau Hunziker-Ebneter, Sie wurden vom «Wall Street Journal» einmal als eine der einflussreichsten Frauen Europas bezeichnet.
Antoinette Hunziker-Ebneter: Ja, damals war ich Chefin der Schweizer Börse. Aber wissen Sie, es wird so viel über einen geschrieben, das nimmt man gelassen. Richtiger Einfluss wäre, wenn ich die Börse wirklich verändern könnte.

Was würden Sie dann tun?
Ich würde eine neue Börsenplattform schaffen, an der sich nur langfristig orientierte Anleger und nachhaltige Emittenten treffen könnten, mit Regeln, die für Spekulanten nicht attraktiv sind.

Sie waren doch Chefin der Börse …
Ich habe mich damals auch sehr stark für die Demokratisierung der Information eingesetzt. Ich war zuerst stellvertretende Projektleiterin der elektronischen Börse Schweiz. Wir wollten Transparenz an der Börse schaffen. Aber dann kamen Sachen auf wie High-Frequency-Trading, computergestützter Handel, wo mit spezifischen Algorithmen in Sekundenbruchteilen Wertpapiere gekauft und verkauft werden und enorme Umsätze generiert werden. Hinter solchen und anderen Entwicklungen wollte ich nicht stehen und bin gegangen.

Kann eine Börse nicht einfach bestimmen: Hochfrequenzhandel wollen wir nicht?
Doch, natürlich könnte man das als CEO dem Verwaltungsrat vorschlagen. Nur wird man dann abgewählt. Die Corporate Governance ist zurzeit so, dass die am Hochfrequenzhandel interessierten Banken das Sagen haben.

Sie waren also doch nicht so einflussreich …
Ich habe schon versucht, einiges zu bewegen. Immerhin habe ich mit meinen Mitarbeitenden eine paneuropäische Börse aufgebaut, die dann die Banken doch nicht nutzten. So gesehen: Man könnte viel bewegen, aber nicht mit dem Selbstverständnis, das heute herrscht.

Diese Woche haben elf EU-Länder angekündigt, eine Finanztransaktionssteuer einzuführen. Kann man sagen: endlich?
Mit der Einführung der Transaktionssteuer werden Aktivitäten wie Day Trading und Hochfrequenzhandel reduziert. Das hilft.

Sie befürworten eine Frauenquote, eine Lohnobergrenze, eine Finanztransaktionssteuer, auch für ein Trennbankensystem haben Sie sich schon ausgesprochen. Das sind nicht gerade typische Forderungen für eine Exbankerin.
Ich habe in meinem Leben einfach gesehen, dass die Selbstregulierung in dieser Branche nicht funktioniert hat – leider. Das «Too big to fail»-Problem lösen wir nur, wenn wir die Investmentbanken von den Geschäftsbanken trennen. Eine Bank muss bankrottgehen können, sonst höhlen wir die Marktwirtschaft aus. Gerade die grössten Verfechter der Marktwirtschaft führen hier Planwirtschaft ein.

Wenn wir ein Trennbankensystem hätten, bräuchten wir auch nicht ständig über die genaue Ausgestaltung und Berechnung der Eigenkapitalvorschriften zu diskutieren. Wir machen es uns da zu kompliziert.

Verstehe ich Sie richtig: Man hat an Schräubchen gedreht, statt harte Schnitte zu machen?
Ja. Es braucht grundsätzliche Regeln, damit die Probleme, die wir heute haben, nicht mehr entstehen. Als in den USA der Glass-Steagall Act noch galt, Geschäfts- und Investmentbanken getrennt waren, da hatte man nicht solche Exzesse, wie wir sie in der Finanzkrise erlebt haben. Wir müssen zusehen, dass nicht mehr unendlich spekuliert wird. Die Finanzmärkte müssen die Bedürfnisse der Kunden, also der Emittenten und der Anleger, befriedigen und nicht vor allem diejenigen von einigen Zwischenhändlern und Finanzintermediären.

Sie haben sich als liberal beschrieben. Passt das zu all den Verboten und Regeln, die Sie aufstellen wollen?
Ich bin liberal. Ich wünsche mir nur ein paar ganz grundsätzliche Regeln, ein Abstecken des Spielfelds, wenn Sie so wollen. Und darauf darf dann gespielt werden. Aber im Moment fehlen diese Regeln, die es früher einmal gab.

Am liebsten wären mir natürlich keine Regeln. All die Eigenkapitalregulierungen haben dazu geführt, dass die Banken ihre Eigenmittel massiv senken konnten und die Kunden draussen das Gefühl hatten: Das ist alles sicher, die Banken sind ja reguliert. Wenn es jetzt aber gar keine Regeln gäbe, dann müssten die Banken uns beweisen, dass sie genug Eigenkapital haben. Niemand würde sein Geld einer Bank geben, die nur zwei Prozent Eigenkapital hat.

Glauben Sie im Ernst, dass das System ohne Regeln funktionieren würde?
Ja, bestimmt. Die Banken würden sich enorm bemühen, genug Eigenkapital zu haben und ihre Bilanz möglichst transparent und verständlich zu gestalten. Denn sonst bringt ihnen niemand mehr Geld.

Sie setzen voraus, dass der Kunde sich informiert und dann rational entscheidet.
Ja. Heute sagt sich der Kunde: Es gibt Eigenkapitalvorschriften, ich brauche mir keine Sorgen zu machen. Wenn ich mich nicht auskenne mit einer Materie, mache ich es doch auch so: Ich verlasse mich auf Regulatoren, auf ein Gütesiegel. Wenn es das aber nicht gibt, dann beginne ich, mich selbst damit zu befassen.

Antoinette Hunziker-Ebneter (51) gründete
 2006 mit PartnerInnen die Forma Futura
Invest AG, eine Vermögensverwaltungsfirma,
 die auf nachhaltige Anlagen setzt.

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