Nr. 43/2012 vom 25.10.2012

Das mit den Klischees geht vorbei

Das Schweizer Transgender Network hat einen neuen Kopräsidenten: den fünfzigjährigen Kunsthistoriker und leidenschaftlichen Sänger Henry Hohmann aus Bern.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Annette Boutellier (Foto)

Henry Hohmann: «Jetzt sehe ich endlich so aus, wie ich mich selbst immer gesehen habe.»

Henry Hohmann hat viel zu tun. Gerade ist er erkältet von der Frankfurter Buchmesse zurückgekehrt, und jetzt steht fast jeden Abend eine Chorprobe an: Der Singkreis Wabern singt in der Französischen Kirche Bern Mozarts c-Moll-Messe. Der begeisterte Sänger Hohmann verstärkt nicht nur den Bass, sondern ist auch Vereinspräsident.

In Hohmanns zweitem Chor geht es ganz anders zu und her: Die Schwulen Berner Sänger (Schwubs) singen nicht mit Notenblättern, sondern auswendig und bewegen sich auch noch dazu. «Am Anfang war das nicht einfach», erzählt der Mann mit der markanten Glatze. «Wenn ich mich auf die Bewegungen konzentrierte, vergass ich sofort den Text!» Doch er ist begeistert von den schrillen Schwubs-Sängern: «Schon in der ersten Probe vor einem Jahr wusste ich: Da bleibe ich, das ist genau das, was ich immer gesucht habe.»

Erst seit 2009 lebt Hohmann so, wie er sich schon lange fühlt: als Mann, der Männer liebt. Denn es dauerte lange, bis er das verstand. «Bis vor etwa vier Jahren wusste ich nicht einmal, dass es Transmänner gibt.» Dann ging es schnell: Hohmann entschloss sich zu einer Geschlechtsangleichung. «Jetzt sehe ich endlich so aus, wie ich mich selbst immer gesehen habe.»

Offiziell nicht existent

Hohmann wurde 1962 in der Nähe von Frankfurt am Main geboren. Schon als Kind fühlte er sich als Junge. «In den siebziger Jahren aufzuwachsen, war ganz gut. Ich durfte Hosen tragen, Jungs konnten lange Haare haben und Mädchen kurze. Kinder hatten mehr Freiheiten als heute; dass sie frech waren, galt als selbstverständlich – und nicht etwa nur die Jungs.» Er studierte Kunstgeschichte und doktorierte zusammen mit seinem späteren Mann. «Wir haben beide den gleichen Beruf – wie langweilig», lacht Hohmann. «Sein Forschungsschwerpunkt ist das 11. Jahrhundert, meiner das 12.» Es klingt nach grosser Liebe: Michael habe die Geschlechtsangleichung von Anfang an mitgetragen, ihn sofort allen als Mann vorgestellt, als er sich entschieden habe. In die Schweiz kamen sie vor elf Jahren, weil ein Museum in der Nähe von Bern Hohmann einen Job anbot. Heute arbeiten sie beide dort.

So sind Henry und Michael jetzt etwas, was es in der Schweiz offiziell gar nicht gibt: ein verheiratetes Männerpaar. Auf den Ämtern führt das bisweilen zu absurden Situationen: Als der Fünfzigjährige kürzlich seinen Ausweis verlängern wollte, weigerte sich der Computer. «Wenn sie ‹verheiratet› eingaben, sprang die Geschlechtsbezeichnung automatisch auf ‹Frau›. Die Realität hat den Computer überholt.»

Natürlich würden sie heute anders angeschaut als früher, «wenn wir als Paar durch eine Ausstellung gehen». Aber abschätzige Bemerkungen habe er nie gehört. Und in der Schwulenszene? Dort sei noch ein grosses Unwissen, auch Unsicherheit gegenüber Transmännern zu spüren. Mit Freunden will er demnächst eine Broschüre entwerfen, die sich speziell an Schwule richtet. «Wenn mir einer sagt, ich sei kein richtiger Kerl, verletzt mich das schon. Manchmal habe ich Lust, darüber zu streiten – woran macht ihr denn Geschlecht fest?»

Im Einsatz für Transmenschen

Seit der Gründung des Transgender Network Switzerland (TGNS) vor zwei Jahren ist Henry Hohmann im Vorstand. Das Präsidium teilten sich bisher der Zürcher Alecs Recher und die Neuenburgerin Alicia Parel. Jetzt wechselt Recher in den Vorstand von Transgender Europe, Hohmann wird neuer Kopräsident. «Ich habe zuerst gezögert, weil ich weiss, wie viel Arbeit Alecs geleistet hat.» Langweilig war es ihm ja auch bisher nicht: ein Hundertprozentjob, zwei Chöre, und Revisor bei den Homosexuellen Arbeitsgruppen Bern ist er auch noch. Aber er scheint noch Energie übrig zu haben.

Was will er mit dem TGNS erreichen? «Wir möchten die Anlaufstelle und Lobbyorganisation für alle Transmenschen sein, egal ob sie Hormone nehmen oder nicht, operiert sind oder nicht, ob sie sich transsexuell oder Transgender nennen.» Im Zentrum stünden Beratung und Vernetzung von Transmenschen, aber auch Aufklärung und Sensibilisierung der Öffentlichkeit. Im November organisiert das TGNS eine Veranstaltung zu Rechtsfragen, nächstes Jahr soll die erste grosse Schweizer Transtagung stattfinden.

«Am Anfang musste ich viele Codes neu lernen: Wie begrüssen sich Männer? Berühren sie sich dabei? Schwule tun das untereinander, aber wie ist es mit Heteros? Und gehen Männer gemeinsam aufs Klo?» Natürlich seien das Klischees, aber am Anfang denke jeder Transmensch extrem in Klischees. «Mit der Zeit geht das vorbei.»

Dann muss Henry Hohmann los, zur Chorprobe nach Wabern. Für ein Abendessen reicht die Zeit nicht. Doch er wirkt nicht gestresst, sondern ganz vergnügt.

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