Nr. 38/2010 vom 23.09.2010

« ... dass ich heute um einiges glücklicher bin»

Zum ersten Mal schliessen sich Transsexuelle aus der ganzen Schweiz zusammen, um sich für ihre Anliegen einzusetzen. Die WOZ hat zwei junge AktivistInnen getroffen.

Von Bettina Dyttrich

Sie sitzen in einer Küche im Zürcher Kreis 5: Martina und Niels. Martina, eine grosse Frau mit blonden Locken und blauen Augen, wirkt gelöst. Sie lacht oft, auch über sich selbst, gestikuliert, trinkt viel Kaffee. Die 28-Jährige hat Mikrotechnik studiert und arbeitet heute für eine Firma, die Tomografen baut. Auf ihrem T-Shirt prangt gross Jimi Hendrix, passend dazu spielt sie auch selber Gitarre. Und Tennis.

Niels ist kleiner, ernster, trägt die braunen Haare kurz, eine karierte Jacke und ein auffälliges Piercing im Ohr. Er spricht ruhig und überlegt. Zurzeit studiert er Zeitgeschichte und Altgriechisch in Freiburg. Er mag Langstreckenlauf und Kickboxen. Seinen Master möchte er im Fach Internationale Beziehungen machen. Mit diesem Abschluss wird es ihn wohl später nach Genf verschlagen. Oder ins Ausland.

«Aber im Moment ist mir meine Transition wichtiger als meine Berufspläne.» Niels wurde vor zwanzig Jahren im Jura geboren – als Mädchen. Die Transition ist der Weg vom Geschlecht, zu dem er offiziell gehört, dorthin, wo er sich zu Hause fühlt.

Niels und Martina sind zusammen mit gut dreissig anderen dabei, das Transgender Network Switzerland zu gründen (vgl. «Trans-was?» weiter unten). Es soll die erste gesamtschweizerische Organisation für Transsexuelle und Transgender werden. «Einerseits geht es um Lobbyarbeit zur Verbesserung der rechtlichen Situation», sagt Alecs Recher, Transmann, Ko-Präsident, Zürcher Gemeinderat und Jusstudent. «Anderseits darum, Transmenschen und ihr Umfeld zu beraten und die Gesellschaft zu sensibilisieren.»

Das fängt bei der Sprache an: «Eines unserer Projekte ist eine Sprachbroschüre für die Presse», verrät Recher. Dass zum Beispiel Transmänner da und dort immer noch als «weibliche Transsexuelle» bezeichnet werden, ist den AktivistInnen ein Dorn im Auge. Auch den Begriff «Geschlechtsumwandlung» lehnen sie ab, denn da werde nichts umgewandelt, nur angeglichen.

Ein endloser Krampf?

Aufgewachsen ist Niels dort, wo der Jura am weitesten ist: in den Freibergen. In einer «sehr guten Familie», wie er sagt. Die Probleme begannen, als sein Körper zu pubertieren begann. Die Brüste, die Menstruation: «Eine Katastrophe.» Er ahnte bald, worum es ging, und begann, im Internet zu recherchieren. «Das erste Bild, das ich von Trans bekam, war schrecklich.» Ein endloser Krampf schien ihm bevorzustehen: «Zuerst die Psychotherapie, dann die Hormone, die du das ganze Leben nehmen musst, und dann die Operationen. Ich dachte: Nein, das kann nicht ich sein. Unmöglich.» Auch ein Treffen mit einer Psychotherapeutin half nicht weiter. «Sie wollte mich gleich in irgendein Spital einweisen, ein psychiatrisches wahrscheinlich. Ich weigerte mich.»

Ein Dokumentarfilm im Schweizer Fernsehen über eine Transfrau verstärkte seine Verzweiflung noch: «Ihre Operationen waren nicht gut gelaufen, sie hatte keine Arbeit, keine Freunde, keine Familie. Sehr dramatisch. Ich dachte, wenn ich eine Transition mache, wird es mir auch so gehen, und hatte grosse Angst.»

Niels versuchte, das Thema zu verdrängen. Bis es nicht mehr ging. Mit knapp achtzehn stiess er auf die Website von Agnodice, der Lausanner Stiftung für «Menschen mit atypischen Geschlechteridentitäten». «Die Präsidentin lud mich gleich nach Lausanne ein. Sie sagte, eine Transition werde schwierig sein, aber nicht unmöglich. Und es gebe Menschen, die danach wirklich glücklich seien. Das hat mich ruhiger gemacht.»

Dank Agnodice fand er einen Psychiater ohne Vorurteile. Mit neunzehn konnte er mit der Hormonbehandlung beginnen. Seine Familie unterstützt ihn. Den Stimmbruch hat er bereits hinter sich.

Wer sein Geschlecht angleichen will, muss sich an ein langwieriges Prozedere halten: Nach der Diagnose beginnt der «Alltagstest», das Leben im gefühlten Geschlecht, noch ohne medizinische Eingriffe. Danach kann die Hormonbehandlung folgen, einige Zeit später auch die chirurgische Angleichung, falls gewünscht. Allerdings gibt es heute Psychiaterinnen und Psychologen, die keinen Alltagstest verlangen. Wie lang die Fristen zwischen den einzelnen Schritten sein sollen, ist ebenfalls umstritten.

«Weil es in der Schweiz kein Transsexuellengesetz gibt, sind Erfolge vor Gericht besonders wichtig», erklärt Alecs Recher. Viele Krankenkassen orientierten sich bisher an zwei Urteilen von 1988: Darin wurde festgehalten, dass die Kassen die Operationskosten erst nach einer zweijährigen psychologischen Behandlung übernehmen müssen. 2004 hielt die Aargauer Transsexuelle Nadine Schlumpf die Zweijahresfrist nicht ein, weil sie schon 67 war und keine Zeit mehr verlieren wollte. Daraufhin weigerte sich die Krankenkasse Swica, die Operation zu zahlen. Der Rechtsstreit führte bis vor das Eidgenössische Versicherungsgericht, wo Schlumpf verlor. Erst vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg fand sie Gehör. Am 15. September hat nun das Bundesgericht das Urteil des Versicherungsgerichts aufgehoben.

Für Martina begannen die Schwierigkeiten später als für Niels. Noch als Martin schrieb sie sich an der ETH Lausanne ein. «Irgendwann bin ich ziemlich depressiv geworden.» Die Suche nach einem geeigneten Psychiater war nicht einfach: «Der erste hat mich überhaupt nicht unterstützt, wollte nur über meine Kindheit reden. Auch als ich schon als Frau lebte, durfte ich es nicht thematisieren. Und nach eineinhalb Jahren wechselte er an ein Privatspital und liess mich hängen.»

Sterilisation obligatorisch

Erst in Zürich, nach dem Studium, fand Martina Unterstützung. «Ich brauchte lange, um zu akzeptieren, dass ich medizinische Hilfe beanspruche und meinen Körper verändere.» Sie habe ein zwiespältiges Gefühl dabei – auch weil sie die Idee von zwei Geschlechtern mit klaren Grenzen ablehne. «Aber schliesslich muss ich mir doch eingestehen, dass ich heute mit den Hormonen um einiges glücklicher bin.»

Während an der Männlichkeit von hormonbehandelten Transmännern nach dem Stimmbruch und dem ersten Bartwuchs meist niemand mehr zweifelt, haben es Transfrauen schwerer. Die Barthaare lassen sich epilieren, doch die Stimme bleibt tiefer, der Körper oft ungewohnt gross und breit für eine Frau. Und gerade der Anfang der Transition ist eine Herausforderung. Das hat auch Martina erlebt: «Vor den Hormonen habe ich das einmal probiert: mich nicht rasiert, nicht geschminkt, einfach einen Jupe mit Strümpfen und schönen Schuhen angezogen – da hats an der Kreuzung beinahe Unfälle gegeben!» Sie lacht wieder einmal los.

Wer hierzulande auch vor dem Gesetz das gefühlte Geschlecht annehmen will, muss fortpflanzungsunfähig sein, sich also sterilisieren lassen – anders als etwa in Spanien, Finnland oder Ungarn. «Dieser Operationszwang muss weg!», sagt Alecs Recher. Was ebenfalls fehlt, ist die «kleine Lösung»: Damit kann man in Deutschland den Vornamen auch ohne Hormone oder Operationen ändern. Voraussetzung sind zwei unabhängige psychologische Gutachten. In der Schweiz gibt es keine einheitliche Praxis – die Kantone sind für Vornamensänderungen zuständig.

Keine Regeln, nur Tendenzen

Niels und Martina betonen immer wieder, dass nicht alle die gleichen Bedürfnisse haben: «Viele Ärzte glauben immer noch, das Wesentliche sei für uns, unsere Körper möglichst vollständig anzugleichen», sagt Niels. «Aber jede Transperson hat andere Wünsche.» Martina: «Ich kenne auch Leute, die trans leben und gar nichts an ihrem Körper ändern wollen. Andere wollen nur Hormone.» – «Oder nur Operationen», ergänzt Niels. Aber das ist heute nicht möglich.

Wie vielen Transmenschen ihrer Generation ist es Martina und Niels ziemlich egal, ob sie dem entsprechen, was gesellschaftlich als weiblich oder männlich gilt. Ingenieurin Martina erinnert sich: «Ich habe als Kind auch gern mit Käpselipistolen gespielt. Oder mit Lego. Ich habe Raumstationen gebaut und dann mit der Besatzung Soap-Operas nachgespielt ...» Niels erzählt: «Mein Griechischprofessor sagt: Es gibt in der Grammatik nicht Regeln und Ausnahmen, es gibt nur Tendenzen. Ich glaube, so ist es auch bei den Geschlechtern.»

Im Französischen hat die Transition eine zusätzliche sprachliche Komponente. Wer von sich spricht, braucht unweigerlich geschlechterbestimmte Formen: «Je suis contente, je suis heureuse.» Als Mädchen aufgewachsen, war auch Niels daran gewöhnt, von sich als Frau zu sprechen. Irgendwann hörte er damit auf. «Eine Zeit lang vermied ich solche Formen, suchte nach Umschreibungen.» Aber das ist vorbei. Heute kann Niels selbstbewusst sagen: «Je suis content.»

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