Nr. 44/2012 vom 01.11.2012

«Abgeschlossen hat man nie»

Willi Keller verlor beide Söhne, Etrit Hasler seine Mutter und Hannah Blum früh ihre Mutter und dann auch noch den Vater. Dies sind ihre Geschichten über den Umgang mit dem Tod und über ihre Trauer.

Von Andreas FagettiMail an AutorIn (Text) und Lika Nüssli (Illustrationen)

Willi Keller:
«Ich wollte den Leichnam sehen»

Es verstreicht kaum ein Tag, an dem Willi Keller nicht an seine Söhne denkt. Dani, sein Ältester, war 17, als er starb, Norbert 25, als er sich seinen letzten Schuss setzte. Dani war in der Nacht vom 26. Juni 1982 mit seinem Freund Michi auf dem Motorrad unterwegs gewesen, sie gerieten in eine Polizeikontrolle und ergriffen die Flucht. Während der Verfolgungsjagd drängte das Polizeiauto die beiden Jugendlichen auf dem Motorrad an der Birmensdorferstrasse in Zürich an den Randstein ab und damit in den Tod. Eigentlich hätte Dani, der mit seinem Bruder bei der Mutter lebte, an jenem Wochenende mit Willi Kellers damaliger Freundin ins Rheintal kommen sollen, wo der Künstler ein Haus für sich umbaute. Telefon gab es keines auf der Baustelle. Und so erfuhr der Vater erst nach Ankunft seiner Lebensgefährtin am nächsten Morgen um sieben vom Tod seines Sohnes. Keller setzte sich ins Auto und fuhr nach Zürich. Doch er durfte den Leichnam von Dani nicht sehen. Der lag in der Gerichtsmedizin. Die Justiz gab ihn erst sechs Tage später zum Begräbnis frei. «Ich wollte ihn sehen, sonst hätte ich nicht glauben können, dass Dani tot ist», sagt Willi Keller. Daher liess er seinen Sohn nicht kremieren.

Die Beerdigung geriet in der jugendbewegten Stadt zur politischen Demonstration gegen die Polizei. Am Tod von Dani und Michi nahmen viele Anteil, es gab Ansprachen, aber keinen Pfarrer. An der Unfallstelle zündeten Menschen Kerzen an und hinterliessen Botschaften. «Die Polizei hat den Ort immer wieder geräumt», sagt Keller. Der Zorn auf die Bürokratie ist dem 68-Jährigen noch heute anzumerken.

Der Schock sass tief. Aber für längere Trauer war zunächst keine Zeit. Die Umstände des Todes der beiden Jugendlichen liessen Willi Keller und den Angehörigen von Michi keine Ruhe. Sie prozessierten gegen die beiden Polizisten und verloren in zwei Instanzen. «Heute», sagt er, «würde ich nicht mehr prozessieren. Die Beschäftigung mit den Ereignissen, das Politische, die Gerichtsprozesse haben meine Trauer blockiert. Von der Justiz wird man fertiggemacht in solchen Fällen. Ich wurde wie Dreck behandelt. Es war ein aussichtsloser Kampf.» Der Dokumentarfilmer Richard Dindo hat die Ereignisse im Film «Dani, Michi, Renato und Max» (1987) festgehalten.

1990 verliert Willi Keller seinen zweiten Sohn. Norbert stirbt an einer Überdosis Heroin. «Auch seine Kumpel aus der Drogenszene kamen an die Beerdigung. Es war nicht leicht für mich», sagt Keller. «Ich habe mich mit dem Tod meiner Söhne abgefunden, aber abgeschlossen hat man nie.»

Die Abdankungsfeier fand in einer Kirche statt. Und der Vater hielt eine Rede für seinen Sohn. Herkömmliche Rituale sind ihm zwar nicht fremd, aber anfangen kann er damit nicht viel. Im schaffhausischen Beringen im Quartier Enge, wo er aufwuchs, bahrten in seiner Kindheit die Menschen ihre Toten während dreier Tage zu Hause auf. Man liess die Toten nicht allein. Nachbarn und Angehörige hielten Totenwache. Am Tag der Beerdigung hievten Träger den Sarg auf einen schwarzen Wagen, vor den Pferde gespannt waren. Schliesslich folgten die Leute des Dorfs dem Leichenwagen auf den Friedhof. «Man sollte den Tod nicht ins Private abdrängen. Rituale an sich finde ich durchaus sinnvoll. Aber die müssen nicht kirchlich oder religiös sein.» Seinen Söhnen hat er zwar einen Grabstein setzen lassen, aber die Gräber besuchte er nicht oft. «Ich trage sie in meinen Gedanken und meinem Herzen. Bei ihren Gräbern sind sie nicht wirklich, meine Söhne, dort finde ich sie nicht.»

Als einer von Willi Kellers Künstlerfreunden starb, erfuhr er von dessen Tod erst, nachdem sein Freund begraben worden war. «Ich hätte mich gerne von ihm verabschiedet. Das war leider nicht möglich», bedauert er. Sein Freund wurde im engsten Familienkreis beigesetzt.

Etrit Hasler:
Die Trauer heruntergeschrieben

Etrit Hasler begrub seine Trauer jahrelang in sich. Er irrte umher. Kurz nachdem seine Mutter beigesetzt worden war, setzte er sich für eine Woche nach New York ab. Die Journalistin Barbara Hasler starb überraschend im Alter von vierzig Jahren an einer Hirnblutung. Ihr Sohn war 21. Am Tag, als sie auf der Arbeit zusammenbrach, war Etrit Hasler im Kung-Fu-Training. Als er gegen 23 Uhr in seiner Wohnung eintraf, klingelte das Telefon. Die Sekretärin der Inlandredaktion des «Tages-Anzeigers» meldete sich: «Deiner Mutter ist etwas passiert. Sie liegt im Spital. Du musst sofort nach Zürich kommen.» Ein Kollege fuhr ihn von St. Gallen nach Zürich ins Unispital. Seine Mutter war an eine Beatmungsmaschine angeschlossen, die Hirnaktivitäten hatten ausgesetzt. Die erste Frage eines Assistenzarztes an den Sohn: «Wie stand Ihre Mutter zu Organspenden?»

«Das machte mich wütend», erinnert sich Hasler. Er sass Stunden bei seiner Mutter und übernachtete dann bei Freunden. «Wir kifften und redeten. Ich stand unter Schock. Ich kann mich bloss noch vage erinnern. Ich lag im Bett und fand keinen Schlaf. Ich war in einen schwarzen Nebel getaucht, im Kopf waren weder Bilder noch Worte.» Am nächsten Tag starb die Mutter.

Etrit Hasler klapperte die Ämter ab. «Zum Glück wusste ich den PIN-Code meiner Mutter, ohne Geld wäre ich in diesem Moment aufgeschmissen gewesen.» Das Lokalradio meldete den Tod seiner Mutter bereits einen Tag nach ihrem Hinschied. «Ich rief empört auf der Redaktion an. Viele haben sie ja gekannt, sie standen wohl selbst unter Schock und haben sich nicht viel dabei gedacht.» Die Mutter hatte für den Fall ihres Todes ein Testament und eine PatientInnenverfügung hinterlegt. Sie hatte ihrem Sohn schon früh eingeschärft, dass kein Priester an ihrem Grab stehen sollte. Die Regelung des Todesfalls lenkte ihn davon ab, dass er, das Einzelkind und Sohn einer alleinerziehenden Mutter, auf sich gestellt war. Er hatte nicht nur seine Mutter verloren, sondern auch «meinen besten Freund». Seinen Vater, einen kosovarischen Arzt, der in Belgien praktiziert, kannte er damals noch nicht. «Wirklich allein wäre ich nicht gewesen. Die Familie meiner Mutter hätte sich um mich gekümmert, wenn mir danach gewesen wäre.»

Die Beerdigung fand im engsten Freundes- und Familienkreis statt. Ein mit der Familie befreundeter Bildhauer gestaltete den Grabstein. Freunde liessen sich Begriffe einfallen, die die Mutter charakterisieren. Sie sind in den Grabstein eingraviert – «fadegrad» ist einer. Ebenso eine stilisierte violette Socke und eine rote Haarsträhne. Die Socke erinnert an die letzte Kolumne der Mutter. Die Feministin hatte sich darin über einen Aufruf zum internationalen Frauensolidaritätstag lustig gemacht, wonach alle Frauen zum Zeichen der Solidarität eine violette Socke ins Fenster hätten hängen sollen. Die rote Haarsträhne erinnerte daran, dass sich Barbara Hasler ihre Haare feuerrot färbte. Die Beerdigung war kurz. Etrit Hasler hievte die Urne eigenhändig ins Grab, er rezitierte Konstantin Weckers Gedichtsong «Wer nicht geniesst, ist ungeniessbar», Freundinnen und Freunde legten Gegenstände ins Grab – Blumen oder einen Ohrring in Form einer Hexe. «Für die anderen war das Zeremonielle wichtiger als für mich damals. Es war mir unmöglich, sie loszulassen. In der ersten Zeit wollten alle mit mir reden, ich verweigerte mich.»

Etrit Hasler stürzte sich stattdessen in die Arbeit, schrieb wieder täglich, liess St. Gallen hinter sich, leistete Zivildienst in Genf, schmiss sein Anglistikstudium, lernte seinen Vater und seine drei Halbschwestern kennen, slamte erfolgreich auf den Bühnen der Schweiz und Europas und stieg schliesslich in den Journalismus ein, auch bei der WOZ. Er stürzte sich ins Leben, zog herum und brach Brücken hinter sich ab. Er war finanziell unabhängig. Die Mutter hatte gut vorgesorgt.

Und dann «nistete» sich Etrit Hasler wieder in seiner Heimatstadt ein. Die Trauer, vor der er davongerannt war, kam nach Jahren hoch, als auf toxic.fm, dem St. Galler Studentenradio, bei dem er arbeitete, ein sentimentaler Song der deutschen Indieband Kettcar lief. Er handelt von Sterben und Tod. «Ich fiel in ein depressives Loch.» An einem Abend setzte sich der Slampoet hin und schrieb in einem Zug seine Trauer herunter. Darüber setzte er als Titel den Todestag seiner Mutter – «8. März». Etrit Hasler trug diesen Text auf der Bühne vor. «Es war hart, weinen fällt mir schwer, aber in diesen Momenten musste ich die Tränen unterdrücken.» Das war der Beginn seiner Trauerverarbeitung. Er sagt: «Schreiben erfüllt heute keinen therapeutischen Zweck mehr, ich breche keine Brücken mehr hinter mir ab, ich gebe Menschen, die mir wichtig sind, nicht mehr leichtfertig her. Was würde ich anders machen im Rückblick? Einige Therapiestunden nach dem Tod meiner Mutter hätten mir gutgetan. Meine Geschichte wäre dann wohl anders gelaufen. Aber ich wollte damals nicht. Ich habe lieber die Nächte durchgegamet.»

Hannah Blum:
Der Todeskampf war ein Schock

Hannah Blums* Vater hatte seine Beerdigung vor seinem Tod geplant. Es wurde eine traditionell angehauchte Trauerfeier in der Kirche mit Pfarrer, Angehörigen, FreundInnen und Bekannten der Familie. Hannah Blum und ihre Schwester setzten einen Brief auf, den der Priester vorlas. Trost fand sie in diesem Moment nicht. «Mein Vater war gerade gestorben. Da brauchte ich keinen Trost. Der Tod ist sinnlos.» Die Urne ihres Vaters ist noch nicht begraben. Noch ist nicht entschieden, ob seine Asche auf einer Insel im Mittelmeer oder unter einer Linde zur Ruhe gebettet wird.

Hannah Blums Vater starb mit Mitte fünfzig an Krebs. Sie hat das Bild des Tages noch vor sich, als die Hiobsbotschaft eintraf. Es war ein heisser Spätsommerabend. Sie und ihre Schwester kochten, ein Freund hatte sich überraschend angemeldet. «Wir waren gut drauf. Das Telefon klingelte, mein Vater war am Apparat, ich plauderte fröhlich drauflos. Er unterbrach mich und sagte: ‹Ich bin an Krebs erkrankt, er hat bereits Metastasen gestreut.›» Hannah Blum war fassungslos. Sie hatte in ihrer Kindheit bereits die Mutter verloren. Sie war 22 Jahre alt. Das Leben war gut. Und nun drohte der Verlust des Vaters. Sie wollte alles wissen über die Erkrankung, sammelte Informationen. «Danach wusste ich: Ich werde meinen Vater verlieren. Ich glaube nicht an Wunder. Er litt an einer sehr aggressiven Form von Darmkrebs, der in vier Stufen verläuft. Der Krebs meines Vaters hatte die letzte erreicht.»

Hannah Blums Vater wollte bloss wissen, was man gegen den Krebs tun konnte, er mochte keine umfassende Diagnose hören, keine Prognosen. Er kämpfte auf seine Weise. Wenige Wochen nach der Diagnose operierten die Ärzte ihren Vater, er unterzog sich einer palliativen Chemotherapie, die sein Leben verlängern, aber die Krankheit nicht heilen würde. «Mein Vater aber sprach von einer Heilungstherapie.» Sie wünschte sich eine Auseinandersetzung mit der Krankheit, dem Sterben, dem Abschied – gemeinsam mit dem Vater. Er verweigerte sich diesem Wunsch. «Als ich ihn in seiner Hoffnung sah, verstummte ich», sagt sie.

Nach der Operation ging es tatsächlich aufwärts. Der Vater nahm an Gewicht zu, die Chemotherapie schlug gut an. «Er hat nicht einmal seine Haare verloren. Das Leben ging weiter. Erstaunlicherweise gewöhnt man sich selbst an belastende Lebensumstände ziemlich schnell.» Dem trotzigen Optimismus ihres Vaters gewinnt Hannah Blum im Rückblick auch Gutes ab: Ihre Schwester und sie konnten ihr Leben weiterführen wie bisher. Beinahe wenigstens. Ein Wunder trat aber nicht ein. Unmittelbar nach der ersten musste sich ihr Vater einer zweiten Chemotherapie unterziehen. Der aggressive Krebs hatte sich sofort wieder ausgebreitet. Mit ihrer Schwester redete Hannah Blum offen über Sterben, Tod, Trauer und den sich abzeichnenden Verlust.

Ihr Vater blieb optimistisch, er bewarb sich für eine neue Stelle und bekam sie. Die Metastasen bildeten sich zurück. Er fuhr in die Ferien. Er blühte auf. Und schliesslich hoffte auch Hannah Blum, die Skeptikerin. Weshalb nicht: Ihr Vater schien tatsächlich allen Prognosen für die Krankheit zu trotzen.

In der Vorweihnachtszeit häuften sich die gesundheitlichen Probleme im geschwächten Körper – eine zweite Operation, Lungenentzündung, Nierenentzündung. «Für Vater waren das bloss Rückschläge, keine Zeichen des nahenden Endes.» Ihr war nun vollends klar: Hoffnung auf Heilung war eine Illusion. Er würde bald sterben. «Mein Vater wollte das nicht wahrhaben. Er sprach von einer dritten Operation, wollte nichts unversucht lassen.» Doch diesmal machten ihm die Ärzte klar: Eine weitere Operation würde sein Leben verkürzen. Sie könnten nichts mehr für ihn tun. Sie gaben ihm noch Tage oder wenige Wochen. Ihr Vater rief seine Freunde an und sagte ihnen: «Ich sterbe.» In diesem Moment dachte Hannah Blum: bloss noch so wenig Zeit. Sie meldete sich bei der Arbeit ab, bis auf Weiteres. Sie wollte ganz bei ihrem Vater sein. Doch er lehnte ab, sie dürfe nicht von der Arbeit wegbleiben, sonst verliere sie ihre Stelle. Sie müsse sich jetzt gut um sich selbst kümmern.

Ihr Vater haderte nicht mit seinem Schicksal. Und kämpfte dennoch um jeden Tag seines Lebens. Sechs Wochen hielt er noch durch – sechs Wochen ohne Nahrung, zwei ohne Flüssigkeit. Am Ostermorgen 2011 starb er zu Hause. Hannah Blum, ihre Schwester, die Stiefmutter und die Schwester ihres Vaters begleiteten ihn auf seinem letzten Weg. Ihn im Todeskampf zu sehen, mit verdrehten Augen, war ein Schock. Sie träufelten dem Sterbenden mit Wattebäuschchen Wasser in den Mund, hielten seine Hand, achteten auf Gesten. Als er die unsichtbare Linie zwischen Leben und Tod überschritt, war Hannah Blum nicht im Zimmer. Einige Minuten zuvor hatte sie es verlassen und nicht geglaubt, dass er genau in diesem Moment sterben würde. Als sie ins Zimmer zurückkehrte, stellte sich ein Moment des Friedens ein. Ihr Vater sah ruhig aus. Sie alle hatten es so gut gemacht, wie sie es konnten. «Ich hätte mir manches anders gewünscht, aber so, wie es lief, war es wohl wahr. Man kann planen, wünschen, hoffen – wirklich vorbereiten kann man sich nicht. Es ist anders, als man es erwartet.»

Hannah Blums Stiefmutter wusste, was zu tun war. Sie wusch ihren Mann, kleidete ihn ein, so, wie er es sich gewünscht hatte – Jeans, ein violettes Hemd, seine Lieblingsturnschuhe. Er blieb zwei Tage zu Hause aufgebahrt, ehe der Leichnam ins Krematorium gebracht wurde. Hannah Blum und ihre Schwester besuchten am Abend seines Todes einen Freund, sie tranken Wein und redeten über den Tod und das Leben. «Es war kein deprimierendes Gespräch, es hat mir gutgetan, unter Freunden zu sein. Ich hätte an diesem Tag nicht allein sein können.» Doch sie trägt auch eineinhalb Jahre nach dem Tod des Vaters ihre Trauer in sich. Manchmal verspürt sie Wut, Wut und Trauer darüber, dass sie sich nicht mit ihrem Vater auseinandersetzen konnte, als er noch am Leben war.

* Name von der Redaktion geändert.

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