Nr. 44/2012 vom 01.11.2012

«Das geht Richtung Entsorgung»

Einst waren Tod und Trauer eine ritualisierte öffentliche Angelegenheit. Mittlerweile verschwinden sie mehr und mehr im Privaten. Herkömmliche Rituale treten in den Hintergrund, neue etablieren sich.

Von Andreas FagettiMail an AutorIn

Traditionelle Erdbestattungen sind rückläufig, stille Beisetzungen in anonymen Gemeinschaftsgräbern nehmen zu. Selbst Todes- oder Danksagungsanzeigen lassen längst nicht mehr alle publizieren. Ganz zu schweigen von Trauerkarten, vom Gebrauch von Trauerkränzen, Blumendekorationen oder der Ausrichtung eines Leichenmahls. Und so verlassen immer mehr diese Welt, ohne dass die Welt davon erfährt. Im Umgang mit dem Tod spiegelt sich der gesellschaftliche Wandel – Individualisierung, Vereinsamung, Anonymität, die Veränderung der Familienformen, die Erosion der kirchlichen Milieus. TraditionalistInnen beklagen es. Ein Bestatter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sagt: «Manchmal habe ich den Eindruck, das geht Richtung Entsorgung. Es muss rasch gehen, viele wollen sich mit Tod und Sterben nicht auseinandersetzen. Sie sind überfordert, finden keinen Halt. Aber sie unterschätzen die Folgen unterdrückter Trauer und Verdrängung.»

Ein Ring aus der Asche

An die Stelle der alten Traditionen treten neue Formen – designte Urnen, die im Heim von Hinterbliebenen einen Ehrenplatz finden, Beisetzungen in Friedwäldern, manche zerstreuen die Asche ihrer Toten auf dem Bodensee, auf Gletschern, überlassen sie dem Wind oder verarbeiten sie zu Diamanten oder Ringen.

Und wer keinen Priester am Grab haben möchte und seine Toten dennoch mit einer würdigen Zeremonie verabschieden will, wendet sich an eine Ritualbegleiterin. Zum Beispiel an Susanna Meier aus Solothurn. Die Theologin und Therapeutin bietet ihre Dienste seit fünfzehn Jahren an. Zunächst waren es FreundInnen und Bekannte, für die sie Abschiede gestaltete. Die Nachfrage stieg. Mittlerweile führt sie zusammen mit Angehörigen zwischen zehn und fünfzig Trauerfeiern pro Jahr durch. «Es sind Menschen, denen starre Rituale nicht zusagen, Menschen, die keinen Priester wollen oder aus der Kirche ausgetreten sind», sagt Susanna Meier. Areligiös sind sie deswegen nicht. «Der grosse Teil, der sich an mich wendet, ist modern spirituell und oft sehr religiös», sagt sie. Die Auseinandersetzung mit den Angehörigen sei sehr intensiv. Sie lerne deren Welt und die des Verstorbenen kennen, deren Sprache. Daraus gestalte sie eine Feier, kleine Rituale und symbolische Handlungen. Susanna Meier sieht in der Hinwendung zu privaten Trauerfeiern nichts Negatives. «Jeder erlebt den Tod anders, jeder verabschiedet sich anders. Individuell gestaltete Trauerfeiern nehmen dieses Bedürfnis auf. Übrigens gibt es durchaus Priester und Pfarrer, die dafür offen sind», sagt sie.

Ein Bedürfnis wie Essen und Trinken

Trauern – das ist ein Bedürfnis wie Essen und Trinken. Wer es ignoriert, erleidet Schaden. Die Spätfolgen können erheblich sein – bis hin zu schweren Erkrankungen. «Die Trauer», sagt Catharina Jlardo, «hat heute bei uns keinen Wert mehr.» Die Psychologin, Fachfrau für Gerontologie und Mitgründerin des Trauerforums Schweiz-Deutschland-Österreich, sagt, Trauer sei zu sehr mit Schamgefühlen besetzt. Wer offen trauere, gelte als schwach. Trauer, die man in sich begrabe, sei vergleichbar mit Wasser, das nicht mehr fliesse: «Es beginnt irgendwann zu stinken.» Früher war ein Trauerjahr für Hinterbliebene selbstverständlich. In Süditalien oder Griechenland sind diese Traditionen noch lebendig. Von Hinterbliebenen wird nicht erwartet, dass sie gleich nach der Beerdigung weiterfunktionieren. «Eine Witwe muss nicht kochen, die Verwandten und Nachbarn organisieren sich und bringen ihr jeden Mittag das Essen ins Haus», weiss Catharina Jlardo, die mit einem Neapolitaner verheiratet war.

Der Trauer wohne eine Kraft inne, die Kraft des Neubeginns, die Kraft der Lebensfreude. Das Trauerforum bietet Trauerseminare an, ja sogar Trauerferien auf einer einsamen griechischen Insel. Auf dem Eiland dürfen sich Trauernde offen ihren Gefühlen hingeben – und sie auf der Insel zurücklassen.

Es gibt Menschen, die trauern einsam – vor dem Computer. Sie gedenken ihrer Toten online. Auf Facebook, Trauerportalen oder Webfriedhöfen. Auch in den Social-Media-Netzwerken sterben FreundInnen. Facebook hat darauf reagiert. Digitales Gedenken auch hier: Profile verstorbener NutzerInnen leben dort auf Wunsch als Gedenkseiten weiter – mit strengen Zugangskriterien. Das Angebot wächst. In den USA, den Niederlanden oder Frankreich ist diese Form des Gedenkens und Trauerns bereits weitverbreitet.

In der Schweiz ist der Trend noch nicht angekommen. Aber in Deutschland fasst er Fuss. Da gibt es beispielsweise Doolia, die «Plattform für liebevolles Erinnern, pietätvolles Trauern». Neben kostenpflichtigen lassen sich auch kostenlose Traueranzeigen schalten und virtuelle Kerzen anzünden. Etwa für Daniel B., der am 20. November 2011 starb («Du warst noch jung und wurdest mit Gewalt aus dem Leben gerissen»). Die Seite ist dezent. Das lässt sich vom kostenlosen Onlinefriedhof «Strasse der Besten» nicht behaupten. Dort sind der kitschigen Fantasie kaum Grenzen gesetzt. Schmetterlinge flattern, Englein zwinkern, kuschlige Tierchen trösten. Es gibt eine «Halle der Besten», ein virtuelles Grabfeld. Ein Fluss mäandert durch eine grüne Wiese. Klickt man einen der Gedenksteine an, erscheinen der Name und ein meist opulent geschmücktes Grab mit dem Foto des Verstorbenen. In einer «Halle des Lichts» brennen Kerzen. Ein Klick, und es erscheinen Texte von Angehörigen: «Für meinen lieben Opi, den ich ganz schrecklich vermisse, deine Anrufe fehlen mir.»

Fragmente des Lebens im Netz

Auf Webfriedhöfe begibt man sich bewusst. Weil wenigstens Fragmente des eigenen Lebens im Netz weiterexistieren sollen – oder weil Angehörige wünschen, dass etwas von ihren Lieben in der Onlinewelt greifbar bleibt. Auf Webfriedhöfen behindert kein Reglement den Gestaltungsdrang. Man kann Lieblingslieder der Verstorbenen hochladen oder Familienstammbäume. Diese Gräber müssen nie geräumt werden – sofern die Website «bis in alle Ewigkeit» bestehen bleibt. Diese Stätten können Trauernde allzeit und von jedem entlegenen Winkel der Welt pflegen und besuchen.

Und dann ist da noch die Plattform «Longerlive»: «Wir machen es möglich, dass Sie sich nicht in Luft auflösen», versprechen die BetreiberInnen. Hier kann man die eigene Biografie online stellen, Fotos hochladen und E-Mails hinterlegen, die nach dem Ableben jene erreichen, die von unserem Tod erfahren sollen. Und selbst Onlinetresore sind im Angebot. ErblasserInnen können bestimmen, wer ihr Onlineerbe antritt. Den virtuellen Totenkulten sind kaum Grenzen gesetzt.

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