Nr. 36/2013 vom 05.09.2013

Rückkehr an einen feindlichen Ort

Vor vierzig Jahren putschte General Pinochet in Chile. Alfonso Ugarte, Sozialist und ehemals Hauptmann der Luftwaffe, wurde verhaftet und in das Nationalstadion gebracht, das der Diktatur als Folterzentrum diente. Mit der WOZ kehrte Ugarte ins Stadion zurück.

Von Toni Keppeler (Text und Foto)

«Es ist viel grösser, als ich es in Erinnerung hatte»: Alfonso Ugarte im chilenischen Nationalstadion in Santiago, in dem er im Herbst 1973 zwei Monate lang gefoltert und verhört wurde.

Das Nationalstadion in Santiago de Chile ist eine schlichte Arena aus Beton, bunt angestrichen, am Rand einer achtspurigen Stadtautobahn. Auf der anderen Seite der Strasse beginnt ein Mittelklasseviertel des Stadtteils Ñuñoa: Einfamilienhäuschen mit gepflegten Gärtchen. An klaren Tagen sieht man im Hintergrund die Gipfelkette der Anden. Kein Mahnmal, nicht einmal eine Plakette weist darauf hin, dass in diesem Stadion vor vierzig Jahren gefoltert wurde. Nach dem Militärputsch gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende vom 11. September 1973 waren hier Tausende inhaftiert. Alfonso Ugarte war einer vor ihnen.

Zwei Monate hat er damals im Stadion verbracht. Nach vierzig Jahren geht er zum ersten Mal wieder hinein. «Es ist viel grösser, als ich es in Erinnerung hatte», sagt er. Vorsichtig steigt er die Ränge hinauf, traut sich kaum, das Geländer anzufassen. Er braucht Zeit, schaut lange hinunter aufs Fussballfeld.

Vom Friseur gedemütigt

Ugarte erinnert sich daran, wie er dort unten morgens um zwei zusammen mit allen anderen Häftlingen antreten musste. Das Flutlicht war eingeschaltet, Maschinengewehre zielten auf die Menge. «Wir hatten Angst.» Erst als er dort unten stand, erhielt er eine Vorstellung davon, wie viele Menschen im Stadion inhaftiert waren. Der Fussballplatz war mit Menschenreihen gefüllt. Damals war Ugarte 33-jährig. Heute ist er 73. Ein kleiner drahtiger Rentner mit grosser Brille und Schnauz. Er spricht nachdenklich, leise, mit hoher, fast sanfter Stimme.

Er geht durch die dunklen Gänge unter der Tribüne. Immer wieder bleibt Ugarte stehen. «In dem Saal da wurde ich das erste Mal verhört», sagt er und weist auf einen grossen, leeren Raum, der nicht genutzt zu werden scheint. Damals standen ein paar Schreibtische drin, hinter jedem ein Soldat mit Schreibmaschine. Während die Gefangenen verhört wurden, fuhrwerkte ein Friseur an ihren Haaren herum. «Er sollte uns verunstalten, um uns zu demütigen.» Am Ende seines Verhörs wurde Ugarte ein nichtssagendes halbseitiges Protokoll vorgelegt, er sollte es am unteren Seitenrand firmieren. Als er seine Unterschrift direkt unter den Text setzen wollte, damit niemand etwas hinzufügen könne, «haben sie mich zusammengeschlagen». Bis ein Offizier vorbeikam und befahl, von ihm abzulassen. Der fragte den Geschlagenen nach seinem Namen. Er stellte sich als «Hauptmann Ugarte» vor. Da wurde der Ton freundlicher.

Alfonso Ugarte war damals schon nicht mehr beim Militär. Auf seinen Dienstgrad aber ist er bis heute stolz. Er war an der Militärakademie zum Luftfahrtingenieur ausgebildet worden und war auf der Luftwaffenbasis Cerillos am Rand von Santiago für die Wartung der Jagdflugzeuge vom Typ Hocket Hunter zuständig. Er könnte diese Maschinen noch heute auseinander- und wieder zusammenbauen.

Vier Jahre vor dem Putsch hatte er in die Privatwirtschaft gewechselt, als Personalchef der Metall verarbeitenden Fabrik Indura, die damals am Ende der Landebahn von Cerillos stand. Seit 1972 gehörte er zur Sozialistischen Partei Allendes. Er hat die Belegschaft bei Indura organisiert. «Rund die Hälfte der 200 Arbeiter sympathisierte mit uns.» Mit ihnen hatte er einen Plan zur Verteidigung der Fabrik ausgearbeitet – für den Fall, dass die Militärs sie übernehmen wollten.

Der 11. September 1973 war ein sonniger Frühlingstag. Kurz vor Mittag fielen die ersten Bomben auf die Moneda, den Präsidentenpalast im Zentrum von Santiago de Chile. Drinnen hatte sich Allende mit FreundInnen und Leibwächtern verschanzt. Kurz vor dem Angriff hatte er seine letzte dramatische Radioansprache gehalten: «Dies sind meine letzten Worte, und ich bin sicher, dass mein Opfer nicht umsonst sein wird. Ich bin sicher, dass es wenigstens ein symbolisches Zeichen ist gegen den Betrug, die Feigheit und den Verrat.» Kurz darauf erschoss er sich im «Saal der Unabhängigkeit».

Draussen am Stadtrand bekam Alfonso Ugarte von alledem nichts mit. Im Lauf des Vormittags hatte es ein paar diffuse Nachrichten im Radio gegeben, die Möglichkeit eines Putschs lag seit Wochen in der Luft. Um zwölf ging er, wie üblich, mit seinen KollegInnen aus der Geschäftsführung zum Essen. Es gab Small Talk. Als er zurück in die Fabrik kam, war Allende schon tot. Ugarte erfuhr das erst nach Feierabend. Und noch viel später erzählte man ihm, dass ehemalige Kameraden aus seiner Luftwaffenzeit unter den Piloten waren, die den Präsidentenpalast zusammengebombt hatten.

Verwechslung mit Pseudonym

Die Schäden am Präsidentenpalast wurden bald repariert. Nur frisch gestrichen wurde nicht. Dreissig Jahre lang stand der neoklassizistische Bau als düsterer graubrauner Block am Platz der Verfassung. Erst Ricardo Lagos, der erste sozialistische Präsident nach Allende (2000 bis 2006), liess den Palast in freundlichem Weiss renovieren, öffnete den Innenhof für FussgängerInnen und liess am Rand des Vorplatzes eine Allende-Statue errichten.

Allende, sagt Ugarte heute, das bedeutete Hoffnung auf ein besseres, solidarischeres Chile und darauf, dass ein menschlicher, demokratischer Sozialismus möglich ist. Er hat diese Hoffnung noch immer. «Jeder spricht heute noch von Allende», sagt er. «Aber Pinochet, das ist nur dunkle Vergangenheit.»

Vor vierzig Jahren, am Tag nach dem Putsch, wurden morgens um sechs im Radio Listen mit den Namen derjenigen verlesen, die sich dem Militär ergeben sollten. «Der zweite Name auf der Liste war meiner.» Ugarte glaubte, er höre nicht richtig. Sein Name, zwischen denen von Ministern und sozialistischen Parteifunktionärinnen? Er ging nicht zur Arbeit, versteckte sich bei einem Freund aus der Schulzeit. Später erfuhr er, dass er durch eine Verwechslung auf die Liste geraten war. Nicht er wurde gesucht, sondern ein kritischer Journalist, der seine gegen die Militärs gerichteten Kommentare mit einem Pseudonym unterzeichnet hatte: Alfonso Ugarte.

Nach drei Tagen ging Ugarte aus seinem Versteck zurück nach Hause und am nächsten Tag wieder zur Arbeit. Er zog sich warm an, für den Fall, dass er doch festgenommen werden sollte. Im September beginnt in Chile das Frühjahr, aber es kann noch empfindlich kalt werden. «Ich dachte, wenn etwas passiert, kann das höchstens ein paar Tage dauern.»

Fast schon privilegiert

Die Fabrik war geschlossen, nur der Produktionschef war da, und der informierte die Militärs. Ugarte kannte den Offizier, der ihn verhaftete. Auf der Ladefläche eines Pritschenwagens fuhren die Soldaten Ugarte zunächst ins Luftwaffenquartier auf dem Flughafen, dann zum Verteidigungsministerium und schliesslich ins Nationalstadion.

Dort wurden die Gefangenen nach dem ersten Verhör in einen langen düsteren Gang gebracht, und da standen sie dann die ganze Nacht, die Hände an der Wand, die Beine gespreizt. Jeder wurde von einem Soldaten bewacht. Alle paar Minuten kam ein Befehl. Die Soldaten traten vor und schlugen den Häftlingen mit dem Gewehrkolben in die Rippen. Ugarte wurde nicht geschlagen. Sein Wächter bremste den Gewehrkolben kurz vor dem Körper ab. Er flüsterte Ugarte zu: Schrei, du Depp! «Dann habe ich nach jedem Befehl geschrien.»

Die Zelle, in die er tags darauf gebracht wurde, musste er mit dreissig weiteren Gefangenen teilen. Heute ist dort eine Umkleidekabine: Spinde an der Wand, in der Mitte eine lange Bank. Damals gab es nur ein Loch im Boden, das als Toilette diente. Und es war so eng, dass die Gefangenen in Schichten schlafen mussten. Nach drei Tagen wurden sie zum ersten Mal vom Roten Kreuz mit Lebensmitteln versorgt. Ein bisschen Brot und ein Becher Milch. Immer wieder wurden die Gefangenen verhört und gefoltert. Die grösste Folter aber war das Warten, nicht zu wissen, was passieren wird. Zwei Monate später, am 13. November, wurde das Stadion geräumt. Es wurde für ein Fussball-Länderspiel gebraucht. Ugarte wurde ins Gefangenenlager Chacabuco im Norden von Chile verlegt.

Alfonso Ugarte spricht nicht gerne über diese Geisterstadt mitten in der Atacamawüste, die vorher eine verlassene Salpetermine war und nun zum Konzentrationslager wurde, eingezäunt mit Stacheldraht. Es ist bekannt, dass in Chacabuco gefoltert wurde. Auch Ugarte hat Narben auf der Seele. Aber er erzählt lieber, dass er auch dort als ehemaliger Militär schon fast privilegiert war im Vergleich zu anderen Häftlingen. Dass man ihm sogar angeboten habe, er könne gehen, wenn er erzähle, wie die Sozialistische Partei im Lager organisiert sei. «Aber ich bin doch kein Verräter!»

Die Hoffnung bleibt

Im Mai 1974 wurde er zum Prozess nach Santiago gebracht, ins Stadtgefängnis. Der hermetische Bau aus dem 19. Jahrhundert liegt am Stadtrand. Eine Trutzburg, deren weisse Mauern in der abendlichen Wintersonne strahlen. Er betrachtet sie von der anderen Strassenseite aus. Näher heran will er nicht. Nicht noch einmal diese Nähe zur Vergangenheit, die im Stadion über ihn gekommen war.

Die Nacht vor ihrem Prozess mussten die Häftlinge stehend verbringen, mit verbundenen Augen vor einer Wand. Sie sollten das Gefühl für Raum und Zeit verlieren. Auch Alfonso Ugarte wurde zu dieser Prozedur geführt. Erst kurz vor Prozessbeginn brachte ihn sein Wächter zu einem Bett. «Sie haben Freunde hier, Hauptmann Ugarte», flüsterte er ihm zu. «Machen Sie sich keine Sorgen.» Der Staatsanwalt warf ihm absurde Dinge vor: dass er einen Lieferwagen gestohlen habe; dass man gesehen habe, wie er in Uniform Arbeiter an der Waffe ausgebildet habe. «Ich habe seit meinem Abschied aus der Luftwaffe nie wieder eine Uniform getragen.»

Ugarte hatte Glück: Er wurde freigesprochen. Warum, das weiss er nicht. Andere Häftlinge wurden zu langen Haftstrafen verurteilt, wieder andere einfach exekutiert. Rund 3000 PutschgegnerInnen wurden ermordet, viele mit Stücken von Eisenbahnschienen beschwert von Helikoptern aus lebendig ins Meer geworfen. Zehntausende wurden gefoltert. Rund eine Million ChilenInnen flohen ins Ausland. Ugarte ging nach dem Freispruch nach Deutschland ins Exil. Fast zwei Jahrzehnte lebte er im schwäbischen Nürtingen.

Erst 1993, vier Jahre nach dem Ende der Diktatur, ist er nach Chile zurückgekehrt. Er hat zunächst in Santiago bei einer Versicherung gearbeitet, heute lebt er auf dem Land, in Rapel, zwei Stunden Autofahrt südlich von Santiago. Er ist weiterhin Sozialist, «der Ortsvorsitzende der Partei in Rapel». Er sagt das mit sehr viel Stolz in der Stimme und erzählt, wie viel Arbeit der Wahlkampf mache. «Michelle wird gewinnen», sagt er über die sozialistische Kandidatin Bachelet. «Hoffentlich gleich im ersten Wahlgang.»

Wahlen im November

Zwei Frauen, zwei Väter

Nie zuvor seit dem Ende der Diktatur war eine Präsidentschaftswahl in Chile so geprägt von der Vergangenheit. Am 17. November treten zwei Frauen gegeneinander an, deren Väter Generäle waren: Michelle Bachelet, Kandidatin einer Mitte-links-Koalition, und Evelyn Matthei für gleich zwei Rechtsparteien.

Michelle Bachelets Vater Alberto war ein Allende-treuer Luftwaffengeneral, der nach dem Putsch vom 11. September 1973 verhaftet und gefoltert wurde. Er starb nach sechs Monaten im Gefängnis. Auch Evelyn Mattheis Vater Fernando war General der chilenischen Luftwaffe, wurde nach dem Putsch deren Chef und gehörte zu der von Augusto Pinochet berufenen Militärjunta. Er ist heute 88 Jahre alt und im Ruhestand.

Haushohe Favoritin ist Bachelet. Sie war schon in den Jahren 2006 bis 2010 Präsidentin, danach Leiterin der Uno-Frauenorganisation. Sie hat versprochen, die von Pinochet geschriebene Verfassung des Landes grundlegend zu reformieren. Matthei gilt als knallharte Managerin. Sie hat für Banken und Rentenfonds gearbeitet, war Abgeordnete in Parlament und Senat und zuletzt Arbeitsministerin der rechten Regierung. Sollte keine Kandidatin im ersten Wahlgang über fünfzig Prozent der Stimmen bekommen, wird am 15. Dezember eine Stichwahl abgehalten.

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