Nr. 45/2012 vom 08.11.2012

Mitgehen wie ein Ultra

Kann man BDP-Aushängeschild sein und gleichzeitig Graffiti schön finden und mit Fussballfans gegen das Hooligankonkordat kämpfen? Ja: Die wirblige Berner Gemeinderatskandidatin Vania Kohli ist der Beweis.

Von Dinu Gautier (Text) und Ursula Häne (Foto)

Vania Kohli: «Ich bin viel zu weit gereist, um Bern eine dreckige Stadt zu finden.»

Ist diese Frau eine Politikerin oder ein Wirbelsturm? Die Stimme rauchig und laut, das Lachen ansteckend, die Augen ein Glitzerregen an Enthusiasmus: Das ist Vania Kohli, 53-jährig, Anwältin (pardon: Fürsprecherin) und Kandidatin für Berns Stadtregierung. «Ich bin keine Bürgerliche», sagt das Aushängeschild der Bürgerlich-Demokratischen Partei (BDP) der Stadt Bern.

Eine Kernkompetenz des bürgerlichen Mainstreams geht ihr tatsächlich ab: das Sich-Beklagen. Sich beklagen über die dreckige versprayte Stadt, darüber, dass man sich des Nachts in den Gassen nicht mehr sicher bewegen könne, dass das Kulturzentrum Reitschule ein Schandfleck sei. Kohli sagt stattdessen: «Ich finde einige Graffiti sehr schön, und ich bin viel zu viel gereist, um diese Stadt dreckig zu finden.» Oder: «Das ist eine sehr sichere Stadt. Wir brauchen nicht mehr, sondern weniger Polizei.» Und: «Ich habe früher in der Reitschule selber nächtelang an der Frauendisco getanzt.»

Fragt man sie, welche Betäubungsmittel sie schon konsumiert habe, fragt sie zurück: «Welche noch nicht?» Um dann mal wieder laut zu lachen. Sie fordert, harte Drogen seien in Apotheken abzugeben – wenn die Süchtigen sie dann auch dort konsumierten. Eine Linke ist sie dennoch nicht. Wirtschaftspolitisch nicht, und im Smartvote-Fragebogen sagt sie «eher ja» zur Frage, ob alle Asylsuchenden nur noch Nothilfe bekommen sollen.

«Euch zeige ich es!»

Einst hiess Kohli nicht Kohli, sondern Fusina. Als sie acht Monate alt war, kam ihre frisch verwitwete Mutter aus den Dolomiten nach Bern, um als Haushälterin zu arbeiten. Klein Vania wohnte zunächst bei einer Pflegefamilie in Wabern, später im Haushalt, in dem ihre Mutter arbeitete. Es waren die späten sechziger Jahre, die Zeit der Schwarzenbach-Initiative, eine Zeit, als die Kinder in der Schule Versli über die «Tschinggen» aufsagten. «Wie soll man als Kind auch verstehen, dass einen ein grosser Teil der Bevölkerung wegschicken will, obwohl die Mutter gekommen ist, um hart zu arbeiten?», sagt Kohli. Sie habe sich damals als Bürgerin zweiter Klasse gefühlt. «An so etwas geht man entweder kaputt, oder man sagt sich: ‹Euch zeige ich es.›»

Vania Kohli tat Letzteres: Heute hat sie eine eigene Anwaltskanzlei mit sechs Angestellten. Sie führt Organisationen wie den Schweizerischen Verband der Telekommunikation. Vor vier Jahren trat Kohli, die aus Frust über den Rechtsrutsch die FDP verlassen hatte, mehr oder weniger zufällig der BDP bei, dann wurde sie Stadträtin, 2011 Präsidentin des Rats. Als sich ein BDP-Grossrat im Militär beim Benzindiebstahl erwischen liess und zurücktrat, rutschte sie ins kantonale Parlament nach. Seit der Heirat ist die zweifache Mutter Bernburgerin.

Ist sie jetzt statt Bürgerin zweiter Klasse als Burgerin eine Mehrbessere, eine Pseudoadlige? Kohli widerspricht, wie immer laut und energisch, für einmal aber empört: «Wir haben kein ‹von› im Namen. Klar braucht man auch Glück im Leben, aber wir haben uns alles hart erarbeitet.»

Doch keine Masochistin

Fällt das Stichwort «YB», dann funkeln Kohlis Augen noch stärker. Dass sie während der Spiele mitgeht wie ein Ultra, glaubt man ihr sofort, obwohl sie jeweils nicht in der Fankurve, sondern vor einer VIP-Loge steht. Sie sitzt im Beirat des Fussballklubs.

Am Montag dieser Woche traten die Kantone Luzern und Zürich dem verschärften Hooligankonkordat bei – Widerstand in den Parlamenten leistete nur Linksaussen. Vania Kohli seufzt. Dann sagt sie: «Bern ist manchmal weiter als andere.» Sie sitzt im Komitee, das den Beitritt Berns zum Konkordat verhindern will, und weibelt fleissig, auf dass der Widerstand ähnlich breit wie in Basel werde. Bereits sind einige Bürgerliche mit an Bord.

Kohli zieht an ihrer dünnen Mentholzigarette und sagt: «Mir wäre es neu, dass man Gewaltprobleme mit Repression in den Griff bekäme.» Dann referiert sie über den Inhalt des Konkordats, über die privaten Sicherheitskräfte, die polizeiliche Kompetenzen erhielten, über die Pflicht der gemeinsamen Anreise für Gästefans («Wenn ich eine Sitzung in Zürich habe, muss ich nach Bern zurück, um dann wieder nach Zürich an den YB-Auswärtsmatch zu fahren!»), über Ausweiskontrollen ohne Verdachtsmoment und so weiter. «Dank Fanarbeit und baulichen Sicherheitsmassnahmen wären wir ja auf dem richtigen Weg. Das sagt sogar Reto Nause.» Reto Nause (CVP) ist amtierender Sicherheitsdirektor der Stadt und glühender Verfechter des Hooligankonkordats. Er kandidiert auf derselben Liste für die Stadtregierung wie Kohli.

Anfang 2011 sagte Kohli auf die Frage der «Berner Zeitung», ob sie einen Sitz in der Stadtregierung anstrebe, Folgendes: «Nein. Nie. Auf keinen Fall.» Sie sei dafür zu wenig masochistisch veranlagt. Heute sagt Kohli lapidar: «Klüger werden ist ein Menschenrecht – dumm bleiben auch.» Dann verspricht sie für den Fall einer Wahl, dass sie mit vollem Enthusiasmus ans Werk gehen würde. Die Person, die daran zweifelt, muss noch gefunden werden.

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