Nr. 02/2014 vom 09.01.2014

Musizieren auf dem Laptop

Der Komponist und Elektronikmusiker Sam Pluta und das New Yorker Wet Ink Ensemble gastieren beim Festival Con voce des Forums Neue Musik Luzern.

Von Thomas Meyer

Sie interpretieren, was sie füreinander komponieren, und sie komponieren, damit es die anderen interpretieren, aber sie improvisieren auch gemeinsam. In Europa sind diese Sphären oft noch arg getrennt. Im angelsächsischen Raum aber gibt es einige Ensembles, die von Komponisteninterpretinnen in Personalunion geleitet werden, so etwa das bekannte, 1987 von David Lang, Julia Wolfe und Michael Gordon gegründete Bang on a Can.

Seit 1998 existiert in New York das siebenköpfige Wet Ink Ensemble, zu dem die Komponierenden Kate Soper (Stimme), Alex Mincek (Saxofon), Eric Wubbels (Klavier) und Sam Pluta (Elektronik) gehören. Hinzu kommen als reine InterpretInnen die Flötistin Erin Lesser, der Geiger Joshua Modney und der Perkussionist Ian Antonio. Mühelos – und das macht die besondere Qualität aus – können sie alle jederzeit auch in die Improvisation hinüberwechseln. Da ist dann die Tinte noch so nass, dass sie sich gar nicht auf dem Papier fixieren lässt.

Manipulierte Klänge

Kommende Woche tritt das Wet Ink Ensemble zweimal beim Luzerner Minifestival Con voce auf, einmal mit Stücken der in San Diego lehrenden Schweizer Komponistin Katharina Rosenberger, dann mit Werken von Ensemblemitgliedern, so etwa mit Sam Plutas «American Tokyo Daydream V».

Kürzlich traf ich diesen 34 Jahre jungen Komponisten bei den Tagen für Neue Musik in Zürich. Plutas Werdegang ist für seinesgleichen nicht untypisch: Er macht Musik auf dem Laptop, ein «normales» Musikinstrument hat er zunächst nicht erlernt. Erst an der Highschool entschied er, für viele überraschend, Musik zu studieren. Er lernte Klavier spielen, singen und komponieren. Bald jedoch sattelte er auf Liveelektronik um, die es ihm seither erlaubt, das zu realisieren, was ihm vorschwebt: «Ich spiele Laptop, nehme die Klänge, die von den anderen Liveperformern stammen, und dann manipuliere ich sie mit meiner eigenen Software, die ich über viele Jahre entwickelt habe – durch Verzögerung, Hall, Granulation und so weiter.»

Die enge Zusammenarbeit von Komponistinnen und Interpreten im Wet Ink Ensemble sei ideal, sagt Pluta. «Für einen Komponisten ist es unbezahlbar, wenn er weiss, dass seine Musik auf dem absolut höchsten Niveau aufgeführt wird.» Gemeinsam sind sie ständig daran, Neues auszuprobieren. «Es ist schwierig, Neues zu schaffen, aber ich glaube nicht, dass alles schon gemacht wurde, gerade auch in Bereichen, die wir zu kennen glauben.»

Mit solchem Optimismus stürzt sich Pluta in die Musik, nicht nur als Komponist, sondern auch als Improvisator. Das Zweite überwiegt mittlerweile sogar in seiner Tätigkeit. Dazwischen gibt es vielfältige Überschneidungen, die Pluta immer wieder thematisiert. Aus einer Improvisation mit dem Trompeter Peter Evans und dem Geiger Jim Altieri, die auf der CD «sum and difference» festgehalten ist, entwickelte er zum Beispiel das Ensemblestück «Portraits / Self Portraits» – freie Trioimprovisation wurde zu festgefügter Ensemblekomposition.

Faszinierende Obertonklänge

Wichtig ist Pluta die Klarheit der musikalischen Form. Einige Stücke sind sogar monolithisch gestaltet – als Klangblöcke, wie man sie vor allem aus der US-amerikanischen Musik kennt. Das Streichquartettstück «Lyra» besteht zum Beispiel aus minutenlangen, in höchster Lage ausgehaltenen Tönen, harmonisch geprägt von den obertonreichen Klängen der französischen Spektralisten, also von Gérard Grisey sowie von Tristan Murail, bei dem Pluta in New York studierte. «Wenn man einmal diese Obertonklänge zu erforschen beginnt, entdeckt man ihre Faszination. Die meisten Nachfolger der Spektralisten allerdings verwendeten die gleiche Gestik und vergassen darüber die Obertonreihe. Meine Kollegen von Wet Ink und ich rückten diesen Aspekt wieder in den Vordergrund und reduzierten die Form.»

So entstehen klare Klangbilder. Pluta möchte, dass die ZuhörerInnen mit einem deutlichen Eindruck des Stücks den Konzertraum verlassen und später zurückkommen und weitere Details entdecken können. «Starke Gegensätze erzeugen starke Klarheit.» Sein Vorbild ist dabei der Filmregisseur Quentin Tarantino: «Seine Filme gehören oberflächlich betrachtet einem bestimmten Genre an, auf einer zweiten Ebene bieten sie aber starke Gegensätze, und auf einer dritten beziehen sie sich auf die Vergangenheit der Filmgeschichte.» Ähnliches sucht er auch in der Musik: «eine Klarheit an der Oberfläche und dahinter eine vielschichtige Komplexität».

Das Wet Ink Ensemble tritt am 18. Januar 2014 
im Südpol Luzern im Rahmen des zweitägigen Festivals Con voce an zwei Konzerten auf. 
www.forumneuemusikluzern.ch

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