Nr. 47/2012 vom 22.11.2012

«Mittlerweile sind wir ja alle mehr oder weniger Städter»

Seit 35 Jahren dreht der Innerschweizer Filmemacher Erich Langjahr Dokumentarfilme über die bäuerliche Schweiz. Sein neustes Werk «Mein erster Berg. Ein Rigi-Film» kommt diese Woche in die Kinos. Woher diese Obsession?

Interview: Geri Krebs

WOZ: Herr Langjahr, in einem Ihrer frühen Filme, «Ex Voto» von 1986, sprachen Sie beiläufig von Ihrer Liebe für das bäuerliche Leben in der Schweiz. Sie selbst stammen aus einem kleinbürgerlichen Zuger Elternhaus, wären selber aber gerne Bauer gewesen. Trifft das immer noch zu?
Erich Langjahr: Ja, ich habe als Kind gerne Bauernhof gespielt, mit Holzkühen und mit einem kleinen Stall, und ich baute Zäune. Mich faszinierte schon damals die Vorstellung, auf dem eigenen Boden etwas zu machen, selber über die eigenen Lebensgrundlagen zu bestimmen – und das alles in einem überschaubaren Rahmen. Die Stadt Zug war in den vierziger und fünfziger Jahren, als ich ein Kind war, noch sehr ländlich geprägt. Unweit von unserem Quartier, bei der damaligen Metallwarenfabrik, standen mehrere Bauernhöfe. Ich ging oft zu den Bauern – und half manchmal auch mit.

Nun aber sind es schon 35 Jahre, in denen Sie sich als Dokumentarfilmer mit der ländlichen Schweiz befassen. Woher stammt diese Obsession?
Begonnen hat das wohl 1977. Ich hatte damals, als es in der Schweiz noch keine Filmförderung in der heutigen Form gab, zuhanden der Zuger Regierung ein Dossier eingereicht: «Sieben mögliche Filme». Eines der Projekte hatte den Titel «Morgarten findet statt» – und die Zuger befanden das als förderungswürdig. Das war mein erster langer Film. In der Begleitbroschüre schrieb ich: «Die Idee, die Innerschweiz bilderbuchartig in einer Reihe von Filmen zu erforschen, hat mich schon lange fasziniert. Dabei will ich ein anderes Kino, ein Anschauungskino, das den Zuschauer für mündig hält. Für mich ist der Film ein Dialog und der Zuschauer ein Partner.» 

Schon damals hatte ich mich für eine Bildsprache entschieden, die weitgehend ohne Dialoge und ganz ohne Kommentare auskommt. Geprägt von der 68er-Bewegung, versuchte ich mit diesem Film zu ergründen, wie Morgarten, ein Symbol der Freiheit, gefeiert und verstanden wird. Und ich fragte: Welche Vorstellung haben unsere Väter von Freiheit?

Jener Film spielte zwar in einem ländlichen Milieu, aber es stand noch nicht das Leben der Bauern im Zentrum wie in all Ihren darauffolgenden Filmen.
Der Schritt in die bäuerliche Welt war nur folgerichtig. Denn so wie es in «Morgarten findet statt» um die Mythen der Väter ging, das Vaterländische, so war der nächste Film «Ex Voto» ein Film über das «Mutterland». Dort standen die alte Bäuerin Frau Heggli und die Ordensschwestern auf dem Gubel im Mittelpunkt.

Seither sind grosse Teile der Schweiz weitgehend urbanisiert, und Sie haben sich in all den Jahren in keinem Ihrer Filme mit städtischen Lebenswelten auseinandergesetzt …
Vielleicht hat es gerade damit zu tun, dass wir in einer rasanten Urbanisierung leben und sich das Ländliche überall auf dem Rückzug befindet. In meinem Film «Bauernkrieg» von 1998 zeigte ich das sehr zugespitzt mit den Bildern einer militanten Bauerndemo. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der mir sagen würde: Ich finde das eine gute Entwicklung, so wie das läuft mit der Urbanisierung. In meinen Filmen thematisiere ich diesen Widerspruch zwischen Wunschvorstellung und Realität.

Gewiss, wir müssen uns nichts vormachen: Mittlerweile sind wir ja alle mehr oder weniger Städter. Auch ich lebe ein städtisches Leben, auch wenn ich in einer Randzone zwischen Zug und Luzern lebe. Und viele Städter haben eine starke ländliche Seite in sich, die sie dann in den Ferien und in der Freizeit ausleben. Inzwischen kennen wir ja die katastrophalen Folgen der Landflucht in der sogenannten Dritten Welt, wir blicken besorgt dorthin – bei uns aber findet Ähnliches statt, einfach in einem sozial verträglicheren Rahmen. Mit meinen Filmen möchte ich erlebbar machen, was das alles für uns bedeutet.

Lange Zeit waren Sie fast der Einzige, der sich filmisch der bäuerlichen Schweiz widmete. Seit einigen Jahren gibt es hierzulande nun aber geradezu eine Welle von Filmen, die sich in diese Welt begeben. So manche dieser neuen Filme haben einen eher romantisierenden oder nostalgischen Blick …
Es ist doch interessant, dass mit Manuel von Stürlers Film «Hiver Nomade» das Thema der Hirten nun auch im Welschland aufgegriffen wurde – so wie ich das vor Jahren mit der «Hirtenreise ins dritte Jahrtausend» versucht habe. Ein Anachronismus wie die Wanderviehwirtschaft ist in unserer heutigen Zeit ja fast schon eine Provokation – ein Film darüber kann ein Beitrag zur Reflexion sein. Ich bin davon überzeugt, dass Industrialisierung, Rationalisierung, Globalisierung und Digitalisierung dem Menschen das Wesentliche nicht nehmen können: nämlich den Anspruch auf ein erfülltes und sinnvolles Leben. Hirten und Älpler sind für mich nicht einfach nur Zeugen einer versunkenen Überlebenskultur – sie machen mir vielmehr bewusst, was es bedeutet, sich der Natur zu stellen.

Mich hat in meinen Filmen immer interessiert, was die Menschen mit ihren Tätigkeiten den jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklungen entgegensetzen. In einer Zeit, in der das ländliche Leben oft eine nostalgische oder kompensatorische Funktion im vorherrschenden urbanen Leben einnimmt, ist es mein Anspruch, Kino aus einer ländlichen Wirklichkeit der Schweiz heraus zu machen – verbunden mit dem Wunsch, etwas zur Diskussion zum Stadt-Land-Verhältnis beizutragen. Der Grundwiderspruch unserer Zeit ist die Unvereinbarkeit unseres Wissens mit unserem Handeln. Über die Menschen in meinen Filmen wird mir meine eigene Zerrissenheit bewusst.

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