Nr. 49/2012 vom 06.12.2012

Ochsentour im Wassergraben

Mit 26 Jahren ist er der jüngste Gemeindepräsident von Baselland: wieso sich Marco Geu dieses Amt antut, warum es schwierig ist, «der Staatsmacht zum Durchbruch zu verhelfen», und wieso er Cédric Wermuth, Natalie Rickli und Co. als ParlamentarierInnen für ungeeignet hält.

Von Andreas Schneitter (Text) und Basile Bornand (Foto)

Gemeindepräsident Marco Geu: Fährt man bei Baurechtsverletzungen «die harte Linie oder bleibt man kulant? Das ist immer ein Drahtseilakt.»

Wer in der Schweiz von jungen Politikerinnen und Politikern spricht, meint Cédric Wermuth oder Natalie Rickli, Lukas Reimann oder Bastien Girod. Sie sind so medienkompatibel wie medienaffin, parteipolitisch eindeutig verankert und provozieren manchmal mit Vorschlägen, die sich nicht nach der konsensorientierten Machbarkeit richten.

Und dann gibt es Jungpolitiker wie Marco Geu. Von ihnen redet man nicht, weil sie Politik nicht als taktisches Spiel begreifen, sondern als Ochsentour. Zwanzig Jahre war er alt, als er in den Gemeinderat des Baselbieter Dorfs Rickenbach gewählt wurde. Seit einem halben Jahr, mit 26 Jahren, ist er der jüngste Gemeindepräsident im bürgerlich dominierten Kanton mit 86 Gemeinden. «Ich halte es für notwendig, dass Politiker Exekutiverfahrung haben, bevor sie sich in den Parlamenten austoben», sagt Geu. In Dörfern wie Rickenbach mit seinen 570 EinwohnerInnen profiliert man sich nicht mit der politischen Haltung zur Asylfrage, zum Militär oder zur EU, sondern «man hat dafür zu sorgen, dass das Dorf funktioniert». Und zwar ganz handfest: Geu stand auch schon an einem Freitagabend «im Graben, um eine Wasserleitung zu reparieren, wenn sonst grad keiner konnte».

Aber Geu ist nicht nur Dorfpolitiker, sondern ebenso angehender Akademiker. An der Universität Zürich absolviert er eine Masterausbildung zum Historiker, Schwerpunkt Sozial- und Kulturgeschichte. «Man hängt manchmal in der Luft zwischen akademischer Theorie und politischer Praxis», sagt er. Kein Alltag ohne logistische Mühen, allerdings überwiegen für Geu die positiven Seiten. «In der Kommunalpolitik gewinne ich Bodenhaftung, an der Universität Weitblick. Ich glaube, ich geniesse so eine umfassendere Bildung, als wenn ich nur auf einer Schiene fahren würde.»

Der Exot

Damit ist er in seiner Generation ein Exot, und das weiss Geu auch. «Ich darf nicht nur, ich muss Entscheide fällen. Und danach hinstehen und ihre Folgen auf mich nehmen. In meinem Alter übernimmt man in der Regel noch kaum Verantwortung und will sich nicht auf Entscheide festlegen.» Geu macht die Bürde nichts aus, weil er zwischen Amt und Person zu trennen weiss. Schwierig werde es, wenn die Bewohnerinnen und Bewohner diesen Schritt nicht tun. Und er «der Staatsmacht zum Durchbruch verhelfen» muss – oder zumindest müsste, korrekt nach dem Buchstaben des Gesetzes. «Wenn einer ohne Bewilligung ein Dachfenster einbaut, was tut man da? Fährt man die harte Linie oder bleibt man kulant? Das ist immer ein Drahtseilakt.» In der Gemeinde, sagt Geu, habe man keine «Zwangsmittel» und sei auf den Goodwill der Bevölkerung angewiesen. «Wir müssen zusammen auskommen können.»

Dominante Agglo

Dabei kommt ihm neben der Parteilosigkeit seine Bekanntheit im Dorf zugute, schon der Vater sass im Gemeinderat, der Sohn kennt drei Viertel des Dorfs persönlich und hat sich lang im Turnverein engagiert. Doch Geu ist kein Dorfkönig, seine Ambitionen sind begrenzt: Sobald das Studium beendet ist und er «in die geordneten Verhältnisse der Arbeitswelt» eintreten wird, lässt er Rickenbach hinter sich.

Rickenbach wird also 2016 einen neuen Präsidenten oder eine neue Präsidentin suchen müssen, und für Kleingemeinden wird es nicht einfacher, Ratsmitglieder zu finden. Geu weiss es aus nächster Umgebung, das nahe gelegene Dorf Hersberg musste 2008 vom Kantonshauptort Liestal aus zwangsverwaltet werden, weil der Gemeinderat nicht komplett war.

Ein Graben geht durch das Baselbiet, zwischen den stadtnahen, reichen Gemeinden vor den Toren Basels und dem ländlichen Oberbaselbiet, Empfänger des innerkantonalen Finanzausgleichs. «Die kleinen Gemeinden können sich kaum gegen die dominanten Vororte behaupten», sagt Marco Geu. Mit geeinter Stimme müsste die Region sprechen, aber mit den traditionellen politischen Strukturen entlang der Dorfgrenzen ist das nicht zu haben. «Wir sind nicht fähig, uns für unsere Region einzusetzen.» Eine Fusion müsste her. Darüber denkt Geu nach und bespricht es mit benachbarten Amtskollegen. «Schnell geht das nicht», eine Gemeindefusion sei in einer Region wie dem Oberbaselbiet «ein Generationenprojekt». Aber erste Schritte sind getan: 31 Gemeinden der Region haben sich zu einer gemeinsamen Vormundschaftsbehörde zusammengeschlossen.

Arbeitet Marco Geu daran, sein eigenes Amt abzuschaffen? Er winkt ab. «Das Dorf ist ein kultureller und sozialer Rahmen und erst danach ein politischer», sagt er und schliesst pragmatisch: «Wer das Loch in der Strasse flickt, ist nicht von Bedeutung, solange es getan wird.»

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