Durch den Monat mit Urs Buess (Teil 3) : Basel als progressive, linke Stadt – das ist doch überholt, oder?

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Der gebürtige Baselbieter Urs Buess hegt Sympathien für den FC Zürich (solange der Verein Zweiter wird) und erklärt, wie gross der Einfluss der Pharmabranche auf die Basler Medien und die Politik ist.

Urs Buess: «Jede Basler Regierung, ob bürgerlich oder rot-grün, setzt sich reflexartig für die Pharmaindustrie ein.»

WOZ: Herr Buess, Sie werden sich grossartig fühlen! Der FC Basel steht wieder einmal vor dem Gewinn der Schweizer Fussballmeis­terschaft. Für den FC Zürich bleibt wohl nur der zweite Rang.
Urs Buess: Natürlich bin ich ein FCB-Anhänger und freue mich über die Erfolge des Vereins. Ich muss allerdings gestehen, dass ich auch für den FCZ Sympathien hege. Ich habe ja von 1996 bis 2002 beim «Tages-Anzeiger» gearbeitet und in Zürich gewohnt. Da gab es auf der Redaktion zwei Fraktionen: eine für den FCZ und eine für den Grasshopper Club Zürich. Ich habe mich auf die Seite des FCZ geschlagen.

Der FCB, die Messen, die Chemie, die Fasnacht: Wie kaum eine andere Schweizer Stadt verbindet man Basel mit ganz bestimmten Begriffen. Was macht für Sie die Basler Identität aus?
Die geografische Lage im Dreiländereck – mit dem Rhein als Mittelpunkt – ist sehr prägend. Gerade während meiner Zeit in Zürich ist mir bewusst geworden, dass die Basler ein anderes Verhältnis zum Raum und zu ihren Nachbarn haben: Wenn man hier den Autoverkehr beobachtet, dann fährt erst ein Basler vorbei, gefolgt von einem Elsässer, einem Lörracher und schliesslich einem Baselbieter. Die umliegende Nachbarschaft vermischt sich stark in der Stadt. Darauf bilden sich die Basler viel ein, aber die Grenzen bleiben natürlich trotzdem bestehen.

Sie stammen aus Wenslingen im Oberbaselbiet, sind also kein gebürtiger Stadtbasler. Bekommen Sie das manchmal zu spüren?
Während des Studiums musste ich mir ab und zu Sprüche von städtischen Cliquen anhören, aber mittlerweile ist das überhaupt kein Thema mehr. Die strikte Trennung in die Halbkantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft, die seit 1833 gilt, ist meiner Meinung nach immer weniger möglich. Das hat etwa die Abstimmung vom Februar über die Subvention des Theater Basel im Baselbiet gezeigt: Während der stadtnahe Bezirk Arlesheim die Subvention befürwortete, lehnten sie die stadtfernen Bezirke ab. Der Gemeindepräsident von Arlesheim hat vor der Abstimmung gedroht, er würde sich lieber an den Zentrumskosten der Stadt beteiligen als am innerkantonalen Finanzausgleich. Das hat für reichlich böses Blut gesorgt im Baselbiet. Die Agglomerationsgemeinden sind in den letzten Jahren näher an die Stadt gerückt.

Ist eine Eingliederung des Bezirks Arlesheim in den Stadtkanton denn überhaupt ­realistisch?
Nein, das wird auch nirgends ernsthaft diskutiert. Eher noch denkbar wäre eine Vereinigung der beiden Halbkantone. Aber dagegen würde sich das Oberbaselbiet wehren. Und wenn die Frage doch konkret würde, müsste sich die Stadt genau überlegen, ob sie eine Fusion will. Wahrscheinlich müsste sie das Baselbiet via Finanzausgleich unterstützen.

Sie haben Ende 2010 für die «Basler Zeitung» ein langes Gespräch mit Novartis-Chef Daniel Vasella geführt. Sie haben durchaus kritische Fragen gestellt, aber mit einer gewissen Zurückhaltung. Sind die Pharmariesen Novartis und Roche in Basel unantastbar?
Nein, die «BaZ» hat auch Kritik an den beiden Unternehmen geübt – im Bereich der Lohndebatte rund um die Managergehälter beispielsweise oder auch bei Gleichstellungsgeschichten. Direkte Einflüsse auf die Redaktion, dass etwa Artikel untersagt worden wären, gab es – soweit ich weiss – nicht. Wobei mir natürlich klar ist, dass Einflussnahmen subtil ablaufen. Auf jeden Fall: Eine wohlwollende Haltung gegenüber der Pharmabranche lässt sich nicht leugnen.

Das zeigt sich allerdings nicht nur bei den Medien, sondern auch in der Politik.
Wirtschaftlich gesehen ist die Pharmabranche für Basel ungemein wichtig, entsprechend gross ist die Abhängigkeit von Novartis und Roche. Deshalb spielt es auch keine Rolle, ob Basel bürgerlich oder wie jetzt gerade rot-grün regiert wird: Jede Regierung setzt sich reflexartig für die Pharmaindustrie ein. Das zeigt sich bei Themen wie dem Patentschutz oder den Tierversuchen, wo die Regierung voll dahintersteht.
Die pharmafreundliche Politik wirkt sich sogar auf die Stadtentwicklung aus: Die Stadt will den Arbeitnehmenden der Pharmaindus­trie ein gutes Wohnangebot und Umfeld anbieten. Das ist legitim, aber Basel lebt von allen Schichten und Kulturen, die hier leben. Wenn man eine graffitifreie Bilderbuchstadt aufbauen will, in der keine unkonventionellen und freien Sachen möglich sind, wird es ­langweilig.

Basel gilt in der Schweiz gemeinhin als progressive und linke Stadt. Ist dieses Etikett überholt?
Das Ironische an der jetzigen rot-grünen Regierung ist, dass sie eine weit wirkungsvollere bürgerliche Politik umsetzt als die ehemalige bürgerliche Regierung. Die rot-grüne Regierung senkt Steuern, hat eine Pensionskassenreform durchgebracht und wertet die Stadt für gute Steuerzahler auf. Ein sehr bürgerliches Programm. Ich denke allerdings, dass die Stadt nach wie vor offen und tolerant ist. Ich lebe jedenfalls sehr gerne hier.

Ich nehme an, der FCB wird auch in der neuen Online- und Wochenzeitung, die Sie ab Ende Jahr leiten werden, eine wichtige Rolle spielen?
Ohne den FCB geht es in Basel nicht! Ich kenne praktisch keinen Basler, der sich nicht für den Verein interessieren würde.