Nr. 51/2012 vom 20.12.2012

Informieren oder formieren

Die linke italienische Tageszeitung «Il Manifesto» kämpft wieder ums Überleben – und steht vor schwierigen politischen Diskussionen.

Von Jens Renner

Das Jahresende naht. Ob damit auch das endgültige Aus für die 1971 gegründete und schon oft totgesagte linke italienische Tageszeitung «Il Manifesto» kommt, ist aber noch offen. Obwohl das Blatt seit Februar 2012 insolvent ist, arbeitet die Redaktion mit vollem Einsatz und macht seither das scheinbar Unmögliche möglich: Unter Aufsicht des Ministeriums für Wirtschaftsförderung erscheint «Il Manifesto» weiterhin sechsmal pro Woche.

Die Ursachen der Zeitungskrise sind vielfältig. Das Internet und veränderte Lesegewohnheiten vor allem der jüngeren Generation setzen auch finanzstärkeren Printmedien zu. Im Fall von «Il Manifesto» kommt jedoch noch die Sparpolitik der im November 2011 installierten TechnokratInnenregierung unter Mario Monti hinzu: Mit einem Federstrich hatte sie kurz nach ihrem Antritt die Subventionen für Periodika von Parteien, Vereinen und Genossenschaften auf ein Drittel gekürzt. Demgemäss hätte «Il Manifesto» statt drei Millionen Euro künftig nur noch eine Million im Jahr bekommen. Doch dann wurden die Subventionen noch einmal gekürzt – und die Zeitung musste Insolvenz erklären.

Inhaltliche Beliebigkeit …

Da diese Rahmenbedingungen kurzfristig kaum zu ändern sind, konzentriert sich die zeitungsinterne Debatte auf das «Wie weiter?» und die politischen Aspekte der Krise. Auch VeteranInnen aus der Gründungsgeneration melden sich zu Wort – ohne Anflug von Altersmilde. So intervenierte schon im September die 88-jährige Rossana Rossanda mit einem längeren Strategiepapier. Darin forderte sie, dass sich «Il Manifesto» auf die soziale Frage konzentrieren und der Krise in Europa Ausdruck verleihen müsse. Der Redaktion warf sie inhaltliche Beliebigkeit und blosse Krisenverwaltung vor. Ende November erklärte Rossanda ihre Mitarbeit bei der Zeitung dann für beendet. Sie begründete diesen Schritt mit mangelnder Diskussionsbereitschaft der Redaktion.

Rossandas Abschied löste bei den LeserInnen und diversen lokalen Unterstützungszirkeln grosse Bestürzung aus, zumal er nicht der einzige blieb. Auf Versammlungen und in LeserInnenbriefen riefen aber auch viele von denen, die Rossanda inhaltlich recht geben, alle (noch) Beteiligten zum Weitermachen auf. Bei aller Kritik an der Redaktion überwiegt doch die Anerkennung für deren Leistung, zehn Monate lang fast ohne Geld das Erscheinen der Zeitung ermöglicht zu haben.

Nun geht es ums Ganze. Bis zum Jahresende muss eine im November von allen beteiligten Interessierten gewählte Arbeitsgruppe mehrere abstimmungsreife Vorschläge ausarbeiten: ein Statut für eine neue Genossenschaft mit dem Arbeitstitel «Il Manifesto 2», einen Stellenplan und eine politische Absichtserklärung. Und nicht zuletzt muss dem Ministerium ein plausibles Finanzierungskonzept vorgelegt werden. Das gebieten die Sachzwänge.

… oder Pluralität der Meinungen?

Auch wenn der Fortbestand von «Il Manifesto» für 2013 gesichert wäre, dürften die Debatten um die Identität der Zeitung weitergehen. Die Fragen liegen seit langem auf dem Tisch und werden unterschiedlich beantwortet: Ist «Il Manifesto» mehr als eine Zeitung? Nein, sagen die einen. Andere wollen ihn zwar nicht als ein Blatt mit einer politischen Linie im Stil eines Zentralorgans sehen, aber doch als Sprachrohr für die gesamte italienische (und europäische) Linke.

Ein langjähriger Mitarbeiter schrieb, die Zeitung diene «weniger der Information als der Formation» – ohne allerdings genau zu sagen, was sich seiner Meinung nach unter Mitwirkung der Zeitung formieren solle. Ein allzu enger Bezug auf eine Partei (wie vor Jahren auf Rifondazione Comunista) oder auf «die Bewegungen» im Allgemeinen hat der Zeitung schon in der Vergangenheit nicht gutgetan.

Im Unterschied zu Rossanda sieht ein anderer Altlinker, der 79-jährige Alberto Asor Rosa, die Pluralität der Themen und Meinungen nicht als reine Beliebigkeit. Er erkennt die historische Funktion des «Manifesto» – damals wie heute – darin, «Tendenzen und Meinungen der Gemeinschaft der Dissidenten» zum Ausdruck zu bringen. Da die Zeitung die Stimme der «pluralen Linken» sein müsse, steht für ihn auch der bislang unantastbare Namenszusatz «kommunistische Tageszeitung» zur Disposition.

Das klingt vernünftig. Ob es den Kern des Streits trifft, ist für Aussenstehende allerdings nur schwer einschätzbar. Offenkundig gibt es im Kollektiv des «Manifesto» massive persönliche Zerwürfnisse. Und nicht zuletzt hängen am Projekt auch Arbeitsplätze. Gibt es Zwischenlösungen? Soll «Il Manifesto» als Online-Tageszeitung weiter erscheinen, wie manche vorschlagen, und einmal pro Woche eine Printversion herausgeben? Doch auch im günstigsten Fall ist eines klar: Es müssen Stellen abgebaut werden.

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