Nr. 51/2012 vom 20.12.2012

Einatmen. Ausatmen

«Hoch in die Lüfte empor» hiess einst die Fortschrittsdevise. Die ist blamiert. Hartnäckiger sollten wir an Luftschlössern festhalten.

Von Stefan Howald

Was uns umgibt, ist notwendig und hinderlich zugleich. Ohne Luft bleibt der Atem weg. Gegen sie setzen wir uns in Bewegung. «Rudern Sie mit Ihrem Stock nicht so in der Luft. Sie hetzen sich ja hinter dem Tod drein. Ein guter Mensch, der sein gutes Gewissen hat, geht nicht so schnell», klagt der Hauptmann in Georg Büchners «Woyzeck» gegenüber dem Doctor. Die Luft ist Widerstand, und man kann sich ihr nachgiebig anpassen, oder man kann sie kräftig mit dem Spazierstock zerteilen. Wer leistet wem Widerstand, und wer bricht ihn?

Dabei lässt sich, wie bei den Easy Rider Peter Fonda, Dennis Hopper und Jack Nicholson, der Fahrtwind als Freiheit im Haar spüren. Aber noch das schnellste Pferd oder Motorrad oder der schnellste TGV, der zwischen Basel und Paris auf 306 Stundenkilometer beschleunigt, bleibt dem Boden verhaftet.

Deshalb hiess die Losung seit langem: sich in die Lüfte schwingen.

Der Boden gleitet unter dem Heissluftballon hinweg, die Landschaft drunten ist von Strassen durchzogen, und droben steht man in prekärer Ruhe. Leichter als Luft ist der Ballon, und er fliegt nicht, sondern fährt mit dem Wind. Kein Lüftchen weht deshalb hier oben, doch die Luft ist dünner, schärfer.

Im Ammenmärchen von der Hybris, die den fliegenden Menschen ins Meer stürzen liess, kleidete sich die menschliche Obrigkeit in göttliche Gestalt. Beim Überblick von dort oben hätten ja die elenden Ketten hier unten sichtbar werden können und womöglich sogar ein Zeichen zu ihrer Beseitigung. So freut sich auch der Bischof über den Sturz des fliegenden Schneiders von Ulm, wie es Bertolt Brechts Ballade schildert.

Die Aufklärung riss die Masken vom Gesicht. Im Juni 1783 wurde der Luftraum durch den ersten Fesselballon erobert. Der stieg zuerst vertikal nach oben und trieb später horizontal weiter mit dem Wind. Zweckfrei, doch bald instrumentalisiert. Im Juni 1794 setzte das französische Revolutionsheer Ballone für die militärische Aufklärung gegen die konterrevolutionäre österreichische Armee ein. Einen Monat zuvor waren in Paris der Revolutionär Danton und seine Freunde hingerichtet worden. Ohne freiheitliche Luft blieb der Atem weg.

Die Entzauberung der von Denkverboten umstellten Natur ist Befreiung. Aber der Spruch über die Dialektik der Aufklärung bleibt, obwohl abgenutzt, zutreffend. Der Fortschritt wurde gewalttätig verteidigt, die Revolution frass etappenweise ihre Protagonisten.

Ein paar Jahrzehnte später wurde das Fahren, das noch dem Wind ausgeliefert bleibt, durchs Fliegen ersetzt: die Luft herrisch bezwungen durch etwas, was schwerer ist als sie. Die Luftfahrt war wagemutig, dann glamourös. Längst ist sie selbstverständlich geworden.

Die Raumfahrt zielte noch weiter. Zischend durch die Atmosphäre und aus ihr hinaus. Die Lösung irdischer Probleme durch Umsiedlungsfantasien. Die natürliche Atmosphäre durch künstliche Welten ersetzt. Der Mensch vielleicht ganz unabhängig vom heimischen Sauerstoff neu erschaffen. Diese Epoche ist zu Ende. Der technische Fortschritt kann nicht mehr so selbstsicher als Heilsweg verkündet werden. Er ist reduziert aufs Entertainment publizitätssüchtiger Rekordsprünge vom Rand der Atmosphäre.

Am Ende steht das Atmen. Oder in der Mitte. Samuel Beckett hat 1969 das 35 Sekunden kurze Theaterstück «Atem» geschrieben: ein Kinderschrei. Einatmen. Ausatmen. Ein Kinderschrei.

Die Luft bleibt uns dünn. Liesse es sich nur von Luft und Liebe leben? Der treuherzige Kalenderspruch hält die Luft in einem empfindlichen Gleichgewicht. Einerseits wird sie als lebensnotwendig bestätigt, andererseits wird ihr unterstellt, sie flirte illusionär mit handfesten Notwendigkeiten des Lebens. Gleich ergeht es dem Luftschloss. Es ist ein feines Gespinst, hübsch, aber untauglich. Doch steckt darin neben dem feudalen Relikt eine utopische Hoffnung. Die bleibt als Rohstoff überlebensnotwendig.

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