Nr. 42/2013 vom 17.10.2013

Zirkelschlüsse, um Georg Büchner zu entpolitisieren

Wer war Georg Büchner? Der Autor von Werken wie «Woyzeck» oder «Dantons Tod» sei ein bedeutender Christ mit Impotenzangst gewesen, versucht eine neue Biografie zu beweisen.

Von Stefan Howald

Der «Spiegel» hat sich jetzt auch gemeldet. Rechtzeitig zum 200. Geburtstag an diesem Donnerstag, dem 17. Oktober, ist ein grosser Artikel von Matthias Matussek über den Schriftsteller Georg Büchner mit dem Titel «Heiliger Rebell» erschienen. Der Titel gibt die Richtung vor: Das Rebellische lässt sich bei Büchner nicht abstreiten, aber es wird nun ins Licht des Religiösen getaucht. «Noch immer», schreibt Matussek, strahle Büchner «als revolutionärer Held. Das könnte ein Missverständnis sein.» Dieser Held muss vom Sockel gestürzt und durch einen christlich an der Welt Leidenden ersetzt werden.

Dieses angeblich neue Büchner-Bild basiert wesentlich auf der jüngsten Büchner-Biografie des emeritierten Mainzer Literaturhistorikers Hermann Kurzke. «Georg Büchner. Geschichte eines Genies» ist strategisch günstig publiziert worden. Aufs 200-Jahr-Jubiläum konnte man etwas Neues brauchen. Die letzte grosse Büchner-Biografie, von Jan-Christoph Hauschild, wurde vor zwanzig Jahren veröffentlicht. Seither erschienen viele wissenschaftliche Einzelstudien und eine historisch-kritische Werkausgabe, aber eine Gesamtdarstellung fehlte. Mit seinem bereits im Frühjahr auf den Markt geworfenen Werk konnte Kurzke eine Marktlücke besetzen. Friedmar Apel meint in der FAZ, hier werde das Büchner-Bild «revolutioniert», und nennt die Biografie «hingebungsvoll», während sie Manfred Koch in der NZZ schlicht für «meisterhaft» hält. Kurzke hat auch den «Woyzeck»-Inszenierungen im Zürcher Schiffbau und am Opernhaus als Gewährsmann gedient. Gegenwärtig ist er auf ausgedehnter Lesetournee, in der Schweiz tritt er am 26. Oktober 2013 an der Buch Basel auf.

Danton trifft Kohlhaas

Kurzke will explizit gegen die «linke Büchner-Orthodoxie» und deren «Revolutionssentimentalität» Büchner als «bedeutenden Christen» reklamieren. Manfred Koch meint in der NZZ zustimmend, mit Büchners «Leidensmystik» hätten die «Linksbüchnerianer» bisher nichts anfangen können. Dazu zählen wohl auch wir WOZ-AutorInnen (siehe das Dossier in WOZ Nr.  29/13, Links finden Sie im Anschluss an diesen Text). Na, dann nehmen wir den Fehdehandschuh im kulturellen Klassenkampf doch auf.

Hermann Kurzke arbeitet mit zwei Ansätzen. Zum einen will er aus den lebens- wie zeitgeschichtlichen Bedingungen erklären, wie das Werk entstanden ist und wie sich diese Biografie im Werk niedergeschlagen hat. Weil aber die Faktenbasis bei Büchner eher schmal ist, reichert er sein Buch mit «Imaginationen» an. Das kommt zuweilen in der Möglichkeitsform daher: «Es mochte sein, dass Büchners Begehren schweifend war wie dasjenige Dantons.» Oder: «Fühlte Büchner, dass er sich verantworten müsse, musste er deshalb schreiben. (…) Erschrieb er sich einen guten Platz im Himmel?» Zuweilen aber ist das auch direkt nachempfunden. Kurzke montiert Textfragmente aus Briefen und Werken zu inneren Büchner-Monologen, lässt Büchner den Weg von dessen Titelfigur Lenz als eine «Art Kontrollwanderung» nachgehen, denkt als Minna Jaeglé, die langjährige Verlobte, wie sie sich wohl ihren Georg zurechtgerückt hat, seziert mit dem Naturwissenschaftler Büchner Fische und inszeniert zum Schluss «Im himmlischen Garten» einen philosophischen Diskurs zwischen Büchner, dessen Dramenfigur Danton und Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas.

Philister und Genie

Sein neues Büchner-Bild baut Kurzke auf vier Thesen auf: Erstens schwört Büchner nach dem Scheitern seiner Radikalopposition mit dem «Hessischen Landboten» im Herbst 1834 – in einer «Wende des Lebens» – jeglicher Politik ab, wird aber von Verfolgungsängsten und Schuldgefühlen über das Schicksal der von ihm im Stich gelassenen ehemaligen Mitverschwörer heimgesucht. Zweitens schlägt sich seine in der langjährigen Verlobung unterdrückte Sexualität in den gloriosen Frivolitäten und Obszönitäten des Werks nieder, da er eigentlich «satyroman», sexsüchtig, gewesen ist. Drittens bemüht er sich später mit seiner wissenschaftlichen Tätigkeit darum, den strengen, strafenden Vater zu versöhnen, droht dabei allerdings zu einem der früher von ihm so verspotteten «Philister» zu werden, wobei glücklicherweise die Kunst wie ein Blitz hervorbricht. Viertens ist Büchner nicht nur kein Atheist gewesen, sondern hat letztlich eine «jesuanische Religiosität» vertreten.

Kurzke verkleinert also den Menschen Büchner, um den Dichter Büchner umso mehr erhöhen zu können. Kunst ist die eruptive Kompensation für den banalen Alltag. Das ist die alte Zerfällung des romantischen Geniekults. Kurzkes Buch enthält durchaus erhellende Analysen der Werke anhand bestimmter Motive, übergiesst das aber mit einer ungeniessbaren Sauce.

Was ist von seinen Thesen inhaltlich zu halten? Zuerst zur Politik. Die früher herrschende Auffassung sah in «Dantons Tod» die Absage des enttäuschten Revolutionärs Büchner, interpretierte dessen späteres Werk nihilistisch-pessimistisch und gestand höchstens eine diffuse allgemeinmenschliche Sozialkritik ein. Dann entdeckte der Historiker Thomas Michael Mayer Mitte der siebziger Jahre ausführliche Akten der Prozesse gegen die oberhessische Demokratiebewegung um den Büchner-Freund Friedrich Ludwig Weidig. Sie zeigten, dass Büchner stärker und länger in der Oppositionsbewegung involviert war. In den achtziger Jahren wurden diese Erkenntnisse allmählich in der Forschung aufgegriffen. Jetzt will Kurzke das Vor-Mayer-Bild rekonstruieren.

Nun sind einige der «linksbüchnerianischen» Interpretationen tatsächlich übers Ziel hinausgeschossen. Man kann nicht das ganze Büchner-Bild auf dem «Hessischen Landboten» aufbauen. Der arme Woyzeck lässt sich nicht als Frühproletarier interpretieren, da er sich als Soldat in einer kleinbürgerlich-ständischen Welt bewegt. Richtig ist zudem, dass sich Büchner nach seiner Flucht im März 1835 nicht mehr aktiv politisch betätigt hat. Aber das heisst nicht, dass er nicht mehr politisch interessiert war und politisch geschrieben hat.

Statt der Politik entdeckt Kurzke andere Motive, etwa eine gestörte Sexualität von Büchner. «Impotenzangst trieb ihn wie nur je einen Intellektuellen.» Für eine solche Konstruktion bleibt Kurzke jegliches Indiz schuldig. Überhaupt, die Liebe und der Sex. Kurzke erfindet, als «Imagination», eine Dienstmagd, die «fabelhafte Regine», die dem jungen Büchner die Wonnen des Fleischs nahegebracht habe. Besonders hat es dem Biografen ein weiteres Motiv angetan. In tagebuchartigen, später bearbeiteten Aufzeichnungen schreibt der Büchner-Freund Alexis Muston, der zwanzigjährige Büchner habe sich in eine «fille perdue» verliebt, die er habe retten wollen. Dieses «gefallene Mädchen» und die entsprechende Fantasie tauchen in allen vorhandenen Dokumenten nirgends mehr auf. Was Kurzke nicht daran hindert, sie zu einem zentralen Antrieb für Büchners Leben und Werk zu machen. In allen Frauenfiguren der Werke blickt irgendwo und irgendwie die mythische «fille perdue» hervor. Der in Kurzkes Methode latent angelegte Zirkelschluss tritt hier krass hervor: Eine angebliche lebensgeschichtliche Erfahrung wird in den Werken aufgespürt, was wiederum die Bedeutung dieser lebensgeschichtlichen Erfahrung bestätigt.

Der wilde Religiöse

Am Herzen liegt Kurzke vor allem die Eingemeindung von Büchner als religiösem Menschen: «Seinem Urgestein nach ist das Büchner-Gebirge christlich.» Natürlich wäre es lächerlich, das weiss auch Kurzke, Büchner irgendeine Kirchenfrömmigkeit überstülpen zu wollen. Also schreibt er ihm eine «wilde Urreligiosität» zu, die sich aber als «jesuanische Religiosität» doch christlich konkretisiert und verengt. Zweifellos durchziehen religiöse Themen und Motive Büchners Werk und seine Briefe. Macht ihn das zum religiösen Menschen? Kurzke beginnt seine Beweisführung mit einer einfachen Aussage: «Christlich ist der Raum, in dem sich Büchner bewegt, nicht das Bekenntnis.» Das ist hübsch formuliert, aber letztlich eine Binsenwahrheit: Wir denken in der Kultur, in der wir leben.

Um Büchner eine «heimliche Identifikationslinie mit Jesus» nachzuweisen, muss ihm Kurzke allerdings auf die Sprünge helfen. Der inhaftierte Aufklärer Thomas Payne sagt in «Dantons Tod»: «Merke dir es, warum leide ich? Das ist der Fels des Atheismus. Das leiseste Zucken des Schmerzes, und rege es sich nur in einem Atom, macht einen Riss in der Schöpfung von oben bis unten.» Das ist zuerst einmal Figurenrede, aber womöglich doch auch Büchners Meinung. Kurzke will kein Risiko eingehen und widerlegt deshalb Payne/Büchner: «Wo es einen Riss gibt, kommt Licht herein.» Das sei Gott, der mit eigenen, menschlichen Begriffen verfehlt werde. «Er ist der, ohne den nichts ist.» Mit Büchner hat das zwar nichts zu tun, aber vermutlich hält es Kurzke für einen Beitrag, um den von ihm beklagten «traurigen Zustand der Kirche von heute» zu verbessern. Zu einer anderen Stelle, in der Büchner eine atheistische Kritik formuliert, heisst es: «Das ist kein Beleg dafür, dass Büchner Atheist gewesen sei, sondern ein Symptom seiner Angst davor.» Solche Verkehrungen und Zirkelschlüsse werden laufend angeboten, um Büchner als «bedeutenden Christen» einzugemeinden.

Daraus folgt als politische Konsequenz: Büchner habe das individuelle, religiös geprägte Leiden samt Schuld- und Sühneproblematik interessiert, nicht die soziale Kritik. Büchner sei «Sozialromantiker, nicht Sozialrevolutionär». Entsprechend betont Kurzke die romantischen und melancholischen Momente und Stimmungen. Das ist ideologisch: (Apolitischer) Sensualismus und (antipolitische) Religiosität sollen Büchner entpolitisieren.

Wie aber hält es Büchner tatsächlich mit der Religion? Er begreift sie als prägende Kraft seiner Zeit, bedient sich ihrer taktisch (im «Hessischen Landboten»), inszeniert sie im weltgeschichtlichen Disput («Dantons Tod»), geht der Frage nach, wie Menschen mit ihr ringen (im «Lenz»), wie sie die Menschen prägt und verformt (im «Woyzeck»). Das ist ebenso bildkräftig wie analytisch.

Sein ungebärdiger Sensualismus steht ebenfalls quer zu der von Kurzke behaupteten Religiosität. Das Lob der Sinnlichkeit ist leibhaftig, diesseitig. Die Macht der Triebe wird immer gesellschaftlich situiert. Romantik? Natürlich spielt Büchner damit, aber er sieht immer scharf durchs Spiel hindurch. Melancholie (in «Leonce und Lena»)? Selbstverständlich; wie sollte er auch nicht angesichts der Weltläufte? Die ebenso romantische wie wahnhafte Entzweiung mit der Welt (im «Lenz»); die Verzweiflung der geschundenen Kreatur (im «Woyzeck»): alles notwendig vorhanden. Aber nicht das Religiöse grundiert Büchners Werk, sondern das Soziale. Das macht seine Kunst scharf schneidend und Anteil nehmend zugleich.

Hermann Kurzke: «Georg Büchner. 
Geschichte eines Genies». C. H. Beck. 
München 2013. 592 Seiten. Fr. 40.90.

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