Nr. 38/2013 vom 19.09.2013

Verloren in der Bühnenlandschaft

Im Zürcher Schiffbau kommen Marie und Woyzeck an ein gewaltsames Ende. Die Inszenierung von Georg Büchners «Woyzeck» stellt dem Text ein Musical zur Seite.

Von Stefan Howald

Als Woyzeck sich zu Beginn in der Militärbaracke vom Bett erhebt, schaut er auf eine weite Bühnenlandschaft, vollgestellt mit Objekten und Gegenständen, Überbleibsel eines Lebens und der Gesellschaft. Der Familientisch mit Marie und ihrem Kind, der Barbierstuhl, wo Woyzeck den Hauptmann rasieren wird, das Labor, in dem ihn der Doktor seziert, die Promenade, auf der der Tambourmajor paradiert und sich Marie gefügig macht, das stille Gewässer, in das Woyzeck sein blutiges Messer werfen wird. Alles liegt simultan vor ihm, alle Orte, in Grau getaucht, wo innert kurzer Zeit zwei Leben zu Ende gehen werden. Woyzeck (Jirka Zett) streift darin zum Auftakt ratlos, auch prüfend herum, und das setzt einen falschen Ton. Der notwendige, vielleicht sogar beabsichtigte Effekt verkehrt sich ins Gegenteil. Sichtbar werden sollte das Klaustrophobische, die umfassende Unentrinnbarkeit der Umstände, die Woyzeck umklammert halten. Sichtbar werden die unverbundene Unverbindlichkeit vieler Bilder und Situationen und die Möglichkeiten der durch die ganze Länge des Schiffbaus ausgebreiteten Bühnentechnik (Stéphane Laimé, Katharina Faltner).

Vertrauen und Misstrauen

Georg Büchners Texte treffen nach 180 Jahren noch immer ins Herz des Einzelnen und der Gesellschaft, bohren sich unvergessen in Gehirn und Gemüt (siehe WOZ Nr. 29/13).

Regisseur Stephan Pucher vertraut Büchners Text durchaus. Er übernimmt die meisten Szenen praktisch wörtlich, inklusive mundartlicher Färbung. Es gibt zwei Zusätze zum historischen Textkorpus: einer passend, einer fatal.

Doch zugleich vertraut der Regisseur Büchner nicht. Also motzt er ihn auf, vor allem mit Musik. Auch Büchner gliederte seine fragmentarische Szenenfolge einst mit Liedern. So mag es recht und billig sein, dass im Zürcher Schiffbau eine Liveband um die US-amerikanische Wahlzürcherin Becky Lee Walters rockt und donnert. Wenn allerdings zu Beginn Woyzecks Kamerad Andres auf Denglisch ein Liedchen über einen «Hasen aus West Germany» trällert, der in die Schweiz mit ihrer «sanften property tax» gekommen ist, muss man das Schlimmste an oberflächlicher Parallelführung befürchten. Das, immerhin, bleibt dann aus, und auch die Zürcher und Schweizer Fahnen bleiben glücklicherweise eingerollt im Hintergrund.

Büchners Worte sind zuweilen bildhaft, geradezu epigrammatisch oder satirisch gegenüber Wissenschaft und Philosophie und Quacksalberei; zuweilen fiebrig, stockend, zerrissen. Das alles wird mit vollem Einsatz vorgetragen, und doch entsteht gelegentlich das Gefühl, die Figuren stünden neben ihren Worten. Der Tambourmajor (Jan Bluthardt) schlägt noch am überzeugendsten auf die Pauke. Ludwig Boettger als Handwerksbursche tritt von der Strasse herein und trägt eine dem Stück hinzugefügte Bänkelversion über den irrsinnigen Lauf der Welt passend maliziös auf die Bühne. Robert Hunger-Bühler als Doktor und Lukas Holzhausen als Hauptmann wissen dagegen nicht so recht, ob sie ihre Figuren zappelig oder lethargisch, bösartig oder melancholisch spielen sollen.

Das Geschehen auf der weiten Bühnenlandschaft wird zuweilen mit Videokameras eingefangen und riesig auf den Hintergrund projiziert, wo zugleich weitere Videofilme laufen, die vage zum gerade verhandelten Thema passen. Auch sonst setzt die Regie auf Zusatzeffekte: Die Seitenflügel der Spielstätte öffnen sich auf die Schiffbaustrasse hinaus, und der Blick auf den gegenüberliegenden Bauzaun samt Logo der Baufirma und auf die draussen vorbeigehenden Leute, die nicht wissen, wie ihnen geschieht und wie sie sich verhalten sollen, hat durchaus einen Verfremdungseffekt. Geboten wird also: der Text von Georg Büchner. Geboten wird zudem: ein Musical.

Das fatale Muss

Doch eigentlich handelt das Stück ja von Woyzeck und Marie. Wenn Woyzeck als Soldat zu dumpf rollender Marsch- und Bluesmusik über die Bühne hetzt, so ist das eindrücklich, ohne viel mit «Woyzeck» zu tun zu haben. Im zweiten Teil des Abends stellt sich Beklemmung ein, die zunehmende Besessenheit des Gejagten wird spürbar, die Verzweiflung von Marie (Henrike Johanna Jörissen), die Trost und Hilfe bei Jesus sucht und doch nichts, nichts spüren kann, und der Mord an ihr wird plausibel (was nichts an der Schrecklichkeit der Tat ändert). Aber danach rezitiert der in die Enge gedrängte Woyzeck aus «Dantons Tod», die berühmten Sätze über dieses fatale «Muss», das in die Welt gekommen ist und uns zu allen Schandtaten zwingt, und dass wir nur Puppen sind, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen: Dieser Zusatz ist ein Fehlgriff. Denn hier wird der Figur Woyzeck etwas in den Mund gelegt, was sie so nicht artikulieren könnte, und es werden unterschiedliche historische und gesellschaftliche Situationen vermengt. So gerät die Inszenierung doch noch in den Verdacht des Beliebigen, und alles kann zu einem geschmäcklerischen Brei vermanscht werden.

Weitere Aufführungen des «Woyzeck» im Zürcher Schauspielhaus, Schiffbau/Halle, bis Ende Oktober. www.schauspielhaus.ch

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