Nr. 51/2012 vom 20.12.2012

Das hier zu überstehen

Theodora Mavropoulos über die Krise im griechischen Buchhandel.

Theodora Mavropoulos

Die familiengeführte Buchhandlung Korfiatis im Stadtzentrum Athens bekommt die Krise hart zu spüren. Giannis Korfiatis übernahm das Geschäft von seinem Vater und hat heute selbst einen Sohn. Dass dieser den Laden jemals erben wird, ist aber nicht mehr sicher. «Unser tägliches Leben hat sich durch den starken Rückgang der Buchkäufe komplett gewandelt. Wir schränken unsere Ausgaben so weit wie möglich ein», sagt Korfiatis. Er hat Angst, dass es wirtschaftlich noch weiter bergab geht. «Dann wird es für uns kaum mehr möglich sein, den Laden zu halten. Aber wir leben von diesem Geschäft. Wir haben keine anderen Einnahmen.» Vielen griechischen BuchhändlerInnen geht es ähnlich. Denn der Buchverkauf ist in Griechenland, wie schon auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober bekannt wurde, um zwanzig Prozent eingebrochen – und es wird immer schlimmer. Zahlreiche Buchhandlungen mussten bereits aufgeben.

Für Sokratis Kampouropoulos, Leiter des Buchzentrums in Athen, ist das ein quasi natürliches Phänomen der Krise: «Bücher gehören eben nicht zu den überlebenswichtigen Gütern wie zum Beispiel Nahrung. Die Reaktion war vorhersehbar.» Wegen der ausbleibenden Einnahmen im Buchverkauf kam eine Kettenreaktion in Gang: Buchläden können ihre Rechnungen bei den Verlagen kaum mehr bezahlen. Für diese wird es deshalb schwieriger, die Herstellung der Bücher zu finanzieren. Auch die Honorare an AutorInnen und ÜbersetzerInnen werden oftmals verspätet und teilweise gar nicht ausgezahlt. Die Buchbranche Griechenlands kämpft.

Gleichzeitig verzeichnen die rund 300 öffentlichen Bibliotheken im Lande regen Zulauf. Die Mitgliedschaft ist dort gratis. Despina Melou, Direktorin der Bibliothek Palataki im Athener Stadtviertel Xaidari, sagt, Bibliotheken in Griechenland seien nicht mehr blosse Ausleihstellen, sondern eher Anlaufstellen. Aus unterschiedlichsten Gründen kommen Menschen in Bibliotheken: Arbeitslose suchen nach Zerstreuung, MigrantInnen profitieren vom kostenlosen Griechischunterricht. Im Winter erwartet Melou einen besonders starken Zulauf, da in vielen Haushalten Einsparungen beim Heizöl vorgenommen werden.

Die steigende BesucherInnenzahl bestätigt zwar die gesellschaftliche Wichtigkeit der Bibliotheken, bringt ihnen aber nicht die Finanzspritze, die auch sie nötig hätten. Im Gegenteil. Das Monatsgehalt der Direktorin Melou wurde von 1600 auf 1000 Euro gekürzt, KollegInnen wurden entlassen und Verträge nicht verlängert. Seit drei Jahren konnten keine neuen Bücher mehr bestellt werden. Doch Melou bleibt optimistisch. Sie setzt auf Buchspenden und freut sich trotz allem über den Zuwachs an BesucherInnen.

Auch im griechischen Buchverkauf rücken manche vom Profit ab, um die Krise zu meistern. So hätte Lefteris Tzanakakis – Besitzer einer mittelständischen Buchhandlung unweit des Omoniaplatzes im Athener Stadtzentrum – längst einige seiner MitarbeiterInnen entlassen müssen. «Aber ich kenne diese Menschen schon seit Jahren», sagt er. «Das sind Leute mit Familien. Ich habe also allen gesagt: ‹Wenn es sein muss, werden wir gemeinsam unsere Ausgaben kürzen. Wir werden gemeinsam versuchen, das hier zu überstehen.› So handhaben es mittlerweile viele Besitzer – damit sie ihre Angestellten halten und ihnen wenigstens einen geringen monatlichen Lohn zahlen können.»

Theodora Mavropoulos 
schreibt für die WOZ aus Griechenland.

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