Nr. 47/2013 vom 21.11.2013

Beswingt durch die Krise

Wie tanzt es sich bei einer Arbeitslosenquote von 27,6 Prozent? Zwei Frauen und ein Mann erzählen aus einem schwieriger werdenden Alltag.

Von Theodora Mavropoulos, Athen (Text und Foto)

Dann und wann mal nicht an die Krise denken: Swingparty in der Athener Innenstadt.

Bei jedem Türöffnen schallen quirlige Swingklänge aus dem Café Floral auf die Strasse. Das Parkett gleich hinter dem Eingang ist voll, zu Glenn Millers «In the Mood» fliegen schweissnasse Kleider, Hosen, Hemden, Shirts durcheinander. Die Stimmung ist ausgelassen. Wie jeden Montagabend, wenn Swingparty ist im Café Floral – Eintritt frei – mitten in Athen, Griechenland, Krisenland, sechs Jahre Rezession in Folge, Arbeitslosenquote 27,6 Prozent.

Sofia (38) ist fast jeden Montag hier. Noch sitzt sie an der Bar hinter der Tanzfläche, doch wippt ihr Bein schon im Takt der Musik. Auf dem Tresen stehen Karaffen mit Leitungswasser und Schalen mit Erdnüssen. Nur wer will, kauft sich ein Getränk. Sofia belässt es bei ein, zwei Limonaden pro Abend, denn sie muss sparen, wie so viele hier. Und wie ebenfalls so viele hier will sie dann und wann mal nicht daran denken müssen. An die Krise. Alles scheint irgendwie leichter mit der Musik.

 … Who’s the lovin’ dolly with the beautiful eyes …

Sofia ist verbeamtete Anwältin und Mutter von zwei kleinen Kindern. «Früher war der Beamtenstatus eine sichere Sache. Heute besteht ständig die Gefahr, dass mir kurzfristig gekündigt wird», sagt sie. Noch in diesem Jahr sollen 4000 Staatsbedienstete gehen, bis Ende 2014 müssen 15 000 BeamtInnen entlassen werden. Das gehört zu den Bedingungen, um eine weitere Finanzspritze der internationalen Geldgeber zu bekommen. Stark gekürzt wurde bereits beim Lohn. Ihr Jahresgehalt habe sich von ehemals 30 000 Euro auf rund 16 000 Euro nahezu halbiert. Die Aussichten bis zum Jahr 2016 verheissen, dass das Gehalt auf 12 000 Euro gekürzt wird. «Das ist für meine Familie und mich dramatisch. Wir müssen beim Einkaufen alles abzählen und können nichts mehr planen.» Ausserdem müssen sie jedes halbe Jahr die Miete neu verhandeln, da sie die aktuelle nicht mehr zahlen können. Unterstützung von den Eltern gäbe es schon. Doch auch deren Rente wurde stark gekürzt. «Es hat uns alle erwischt», sagt Sofia. Dann rutscht sie von ihrem Barhocker und hüpft mit einem Bekannten auf die Tanzfläche.

 … She said ‹Don’t keep me waitin’ when I’m in the mood› …

Das Stück dauert vier Minuten. Vier Minuten Krisenstopp im Kopf.

Schon einmal hat der Swingtanz eine Krise versüsst – als mit dem Schwarzen Donnerstag, dem 24. Oktober 1929, ein jahrelanger Börsenaufschwung jäh endete und der Crash die Weltwirtschaftskrise auslöste. Geschäfte gingen pleite, die Menschen verloren massenhaft ihre Jobs. Aber das Tanzen brauchte nicht viel Geld. So ist das heute auch in Griechenland. Swing – der Krisentanz der zwanziger Jahre – boomt.

Eskapismus nennen PsychologInnen diese Sehnsucht nach vergangenen Zeiten, das Meiden der eigenen Realität. Ein Phänomen, das sich in Krisenzeiten verstärkt: Denn Bewährtes scheint zu wanken, vergangene Epochen werden idealisiert.

 … First I hold her lightly and we started to dance …

Sollte Sofia ihren Job verlieren, bekäme sie ein Jahr lang Arbeitslosengeld von höchstens 450 Euro. Die laufenden Kosten können damit nicht mehr gezahlt werden. Nach einem Jahr endet die Arbeitslosenhilfe, weitere Hilfe bietet der Staat nicht an. Die Menschen werden in die Armut entlassen.

Vor dem Eingang zum Café Floral steht mit knielangem Kleid und flachen Schuhen die 24-jährige Alexandra und wartet auf eine Freundin. Die Studentin bereitet sich gerade auf ihre Abschlussprüfung vor. Doch die Chancen, dass sie danach in Griechenland einen Arbeitsplatz findet, sind gleich null. Wahrscheinlich bleibe ihr nichts anderes übrig, als ins Ausland zu gehen, sagt sie. Das Braindrain-Phänomen. Ständige Unsicherheit, keine Zukunftsperspektive – mehr als zwei Drittel aller jungen AkademikerInnen in Griechenland im Alter zwischen 22 und 35 Jahren überlegen sich, ihre Heimat zu verlassen. Ihre Freundin kommt, Alexandra strahlt, jetzt geht es los, sie öffnen die Tür, die Musik schwillt heraus, und sie stürzen sich hinein. Einmal wenigstens kurz nicht darüber grübeln müssen, was aus ihr werden soll.

 … Hey, baby, it’s a quarter to three, there’s a mess of moonlight …

Einen Abend später findet eine Swingparty unter freiem Himmel in einer Fussgängerzone im Zentrum Athens statt. Aus zwei Boxen schallt Musik, die Tanzfläche ist ein Stück Marmorboden am Rand der Fussgängerstrasse. Auf den Rasenflächen haben viele junge Leute ihre Decken ausgebreitet, auf denen mitgebrachte Getränke und Snacks stehen. So auch Antonis. Der 37-Jährige hat fünf Jahre als Architekt in einem Unternehmen gearbeitet, das nun pleiteging. Danach bewarb sich Antonis auf alles, einmal auch als Lieferant für einen Zigarettenladen. «Dort wurde mir gesagt, es ist egal, ob du Mediziner bist oder eben Architekt. Hier haben sich 600 Leute beworben.» Vor ein paar Wochen hat er einen Job als Pizzakurier bekommen. 500 Euro bekommt er pro Monat für mehr als vierzig Stunden Arbeit pro Woche. Überstunden werden nicht bezahlt. Beschweren kann man sich nicht, denn die Chefs wissen, wie begehrt der Job ist. «Aber niemand kann von 500 Euro im Monat leben, egal wie sparsam er ist», sagt Antonis.

 … It didn’t take me long to say ‹I’m in the mood now› …

Was er macht? Er kaufe nie mehr als das Nötigste, gehe viel spazieren oder tanze wie hier auf freien Partys. Früher sprangen FreundInnen und Verwandte ein, wenn jemand seine Arbeit verlor oder krank wurde. Doch das funktioniert nicht mehr – fast jeder ist von der Krise betroffen, und so ist es ein Leichtes für die aufstrebende neofaschistische Partei Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte), sich als Helferin in der Not zu präsentieren. Mit Essensausgaben, Armenspeisungen in der Parteizentrale oder Nottelefonnummern.

«Viele Menschen hier in Griechenland haben wirklich nichts mehr», sagt Antonis. Und wenn da einer daherkommt und einen Job anbietet, ganz gleich, ob das zum Beispiel Chrysi Avgi ist, was dann? «Man will doch seine Familie ernähren!», ruft Antonis.

Auch in den zwanziger Jahren, nach dem Wirtschaftseinbruch, dauerte es nicht lange, bis die FaschistInnen einen Aufschwung erlebten. Das krisengeschüttelte Griechenland mit seiner verunsicherten Bevölkerung ist nun ebenfalls optimaler Nährboden für rechte Propaganda. Chrysi Avgi ist mittlerweile drittstärkste Partei im Land. Antonis schüttelt den Kopf. Nein, er hält sich lieber an den Tanz aus jener Zeit.

 … In the mood her crazy lovin’ …

Eine Freundin streckt Antonis ihre Hand hin. Mit einem Schwung zieht er sich nach oben. Und schon wippen die beiden im lässigen Swingrhythmus über die Tanzfläche. Der Alltag ist ausgeblendet. Wenigstens für eine kurze Zeit.

Zwischentitel aus Glenn Millers «In the Mood».

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