Nr. 12/2022 vom 24.03.2022

Mit einem Wimpernschlag

Wie sich der Dominanz des weissen Blicks entziehen? Die Künstlerin Frida Orupabo verarbeitet Archivmaterial zu Collagen, die nicht zuletzt auf die historische Verantwortung der Fotografie zielen.

Von Giulia Bernardi

Nehmen wir das Gegenüber wirklich wahr, wirklich ernst? Frida Orupabos «Batwoman» (2021). Foto: © Frida Orupabo und Galerie Nordenhake Berlin / Stockholm / Mexiko-Stadt

Ein dunkler Raum, vor uns ein Raster ständig wechselnder Bilder; Bilder von Menschen, von Landschaften, von Polizeigewalt auf offener Strasse. Schonungslos werden sie vor uns an die Wand projiziert. Die Aufnahmen aus dem Instagram-Profil der norwegisch-nigerianischen Künstlerin Frida Orupabo vergegenwärtigen verschiedene Erfahrungen von Blackness. Sie sind vielstimmig, «die Frau» oder «die Schwarze Frau» gibt es nicht. Zwischen die Bilder und Videos mischen sich Sätze der Dichterin und Musikerin Elaine Kahn: «I have seen a million pictures of my face and still I have no idea»: Ich habe mein Gesicht millionenfach abgebildet gesehen und habe trotzdem keine Vorstellung – keine Ahnung vom eigenen Selbst, vom eigenen Selbstbild.

Dulden oder hinterfragen

Die Ausstellung von Frida Orupabo im Fotomuseum Winterthur verdeutlicht, wie zigfach reproduzierte rassistische und sexistische Bilder Einfluss auf unsere Vorstellungskraft und unser Denken nehmen: Sie bestimmen, was wir sehen, welche Schlüsse wir daraus ziehen. Und sie tragen Deutungshoheiten weiter, die aus ganz spezifischen Machtkonstellationen stammen, aber gesellschaftlich und historisch als universell deklariert werden.

Während wir den Blick durch den Raum schweifen lassen, ihn langsam von der schnell getakteten Projektion lösen, bemerken wir eine grossformatige Collage hinter uns an der Wand. Es ist die Fotografie eines weissen Pin-up-Girls; es wendet uns den Rücken zu, auf seinem Körper ist der verdrehte Kopf einer Schwarzen Frau platziert. Sie sieht uns frontal an, fordert unsere Aufmerksamkeit ein. Dieser Blick verleiht dem passiven weiblichen Körper plötzlich eine aktive Rolle, lässt die Schwarze Frau zur Akteurin werden, die uns in die Verantwortung zieht. Denn unser Blick ist nicht neutral; mit jedem Wimpernschlag entscheiden wir, ob wir dominante Machtstrukturen stillschweigend dulden oder sie an Ort und Stelle hinterfragen.

Die Collage ist ein Beispiel dafür, wie Frida Orupabo mit historisch gewachsenen Hierarchisierungen bricht. Oder wie sie es selbst in einem Interview mit dem Fotomuseum formulierte: «Es ist der Versuch, ein Œuvre (und ein Leben) zu schaffen, das nicht vom weissen Blick dominiert wird.» Diesen Versuch führt sie im nächsten Ausstellungsraum fort. Dort sind analoge grossformatige Collagen an den Wänden angebracht. Sie setzen sich aus verschiedenen Schichten zusammen, aus Körpern und Körperteilen, aus Armen und Beinen, die teilweise verdreht oder nur schemenhaft erkennbar sind. Für diese Bildkompositionen verwendete Orupabo grösstenteils Fotografien aus historischen Archiven der Kolonialzeit. Auch in diesem Raum sind die Blicke direkt auf uns gerichtet, rufen zu einer Begegnung auf Augenhöhe auf. Nehmen wir das Gegenüber wirklich wahr, wirklich ernst? Und was würde das genau bedeuten?

«Listening is the act of authorization towards the speaker.» Zuhören ist ein Akt der Autorisierung der Sprechenden, schrieb die Autorin und Künstlerin Grada Kilomba in «Plantation Memories» (Erinnerungen an die Plantagen): Wir können erst sprechen, wenn uns jemand zuhört. Auszüge aus ihrem Buch werden ebenfalls auf dem Instagram-Profil von Orupabo geteilt, wodurch die Räume inhaltlich miteinander verknüpft werden.

Prägende Bildsprache

Welche historischen Archive Frida Orupabo für die Collagen verwendete, wird nicht präzisiert. Entsprechend können wir uns fragen: Wie beeinflusst das unsere Betrachtungen, wenn der Kontext nicht bekannt ist? Oder: Würden wir das Gesehene besser verstehen, wenn wir die Herkunft, sei es die geografische oder zeitliche, der Fotografien kennen würden? Indem Orupabo solche Informationen nicht offenlegt, richtet sie den Fokus ganz auf die rassifizierende und objektivierende Bildsprache, die unser kulturgeschichtliches Gedächtnis grundlegend prägt: die Kolonialherren als Subjekte, die Kolonisierten als Objekte.

Mit ihrer künstlerischen Praxis macht Frida Orupabo deutlich, wie das Medium Fotografie an der Entstehung und der Fortschreibung kolonialer Machtverhältnisse immer schon beteiligt war und diese bis heute fortführt. Sie weist aber auch auf die jeweiligen Zirkulationssysteme hin, die bestimmen, welche Bilder sichtbar werden – und welche eben nicht. Auf der Fotografie eines Gesichts, das Orupabo für eine Collage verwendete, ist noch das Wasserzeichen einer Bildagentur zu sehen. Das Logo verweist auf die Tatsache, dass mehrheitlich weisse Institutionen die Rechte an kolonialen Archiven besitzen und somit weiterhin definieren, in welchen Kontexten das Material gezeigt wird.

«Colonial history keeps hunting us because it has not properly been buried», sagte Grada Kilomba einmal. Die Kolonialgeschichte treibt uns deshalb vor sich her, weil ihre Anerkennung und Aufarbeitung immer wieder ins Stocken gerät. Dagegen sind die Geschichten, die Frida Orupabo mit ihren Collagen entstehen lässt, der Versuch, neue, selbstbewusste Akteur:innen und Sprecher:innenpositionen aus den alten Bildwelten herauszulösen.

Frida Orupabo: «I have seen a million pictures of my face and still I have no idea». Bis 29. Mai 2022 im Fotomuseum Winterthur. www.fotomuseum.ch

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