Nr. 02/2013 vom 10.01.2013

Der dicke Geri

Ruedi Widmer über einen Skandalfranzosen.

Von Ruedi Widmer

Der Schauspieler mit dem dicken Wanst und dem dazu passenden Portemonnaie bzw. Neufranzösisch Koshelek, Gerard Dépardieu, hätte gar nicht nach Russland gehen müssen, um seine Steuerfrancs zu sparen. Er hätte, ganz patriotisch und erst noch solidarisch mit seinen ebenso reichen französischen MitbürgerInnen, mit einem Bruchteil seines Vermögens 2000 StudentInnen anheuern können, die die französischen Onlineforen mit neoliberalem Textsalat aufgefüllt hätten.

Der ungeliebte Sozialist im Élyséepalast, François Hollande, wäre von diesem dépardieuschen Studentenaufstand hinweggefegt worden, ganz Economiesuisse-like. Der dicke Geri mit seiner blau-weiss gestreiften ObelixHose wäre, vergleichbar mit dem grünen Dani von 1968, zum Gesicht dieser neuen Studentenbewegung geworden. Hätte Geri so viel im Kopf wie im Bauch, hätte er erkennen müssen, dass es den StudentInnen heute, ähnlich wie ihm, nicht um die Gesellschaft geht, sondern um den sofortigen Profit. Der Exodus reicher Franzosen hätte so gestoppt werden können, und diese hätten Hunderttausende Arbeitsplätze geschaffen. Die angeheuerten SchreibstudentInnen hätten diese Arbeitsplätze dann besetzen und vollsprayen können.

Stattdessen hockt der dicke Geri nun auf der Krim oder an der Moskva und muss sich mit talentfreien reichen Leuten abgeben, die ebenfalls in einer Art Schauspielerei verkehren und sich mit protzigen Tüchern wie aus dem Kostümverleih kleiden.

Geri ist es aber gewohnt, in Kulissen zu wirken. Er blüht richtig auf. Seine Reisen in den Westen lässt er sich vergolden. Er wird als Skandalfranzose und Steuerhinterzieher zu den rechten Filmfestivals eingeladen, so, wie Skandalfranzose und Kindsmisshandler Roman Polanski zu den linken Filmfestspielen geladen wird.

Doch er kehrt immer wieder gern in den Schoss von Väterchen Putin zurück, der ihn jeweils innig umarmen will, mit seinen Armen aber nicht um seinen neuen Staatsbürger herumkommt. Schon der noch kleinere Nicolas Sarkozy ist früher nicht um den dicken Geri herumgekommen, wenn sich dieser bei ihm für die allmonatlichen Steuererleichterungen bedankte. Wenn Asterix Obelix umarmen will, kommt Ersterer auch nicht um des Letzteren Wanst herum.

Doch Wladimir Putin ist überhaupt kein Wohlfühlmann und hat auch Forderungen an den Frankorussen: Der dicke Geri soll nämlich abnehmen und auf eine umarmungsfähige Grösse gebracht werden. Putin heuert zu diesem Zweck hübsche Putinjugend-Studentinnen an, die dem Altfranzosen körperlich auf die Sprünge helfen sollen. Doch in den Fresspalästen Putins ist das gar nicht so leicht. Geri wird dicker und dicker, und die Studentinnen brauchen Leitern, um ihn verwöhnen zu können. Irgendwann klagt auch Putin, dass er nicht mehr an Geri herankommt, weil die Tür zu seinem Gemach nicht mehr aufgeht. Das neureiche Fleisch dehnt sich immer mehr aus, quillt aus den Fenstern des Kremls auf den Roten Platz. Irgendwann ist der Leichnam Lenins vollkommen von Geris Fleisch umschlossen.

Putin kommt unter Zugzwang. Er muss den roten Platz freigeben, denn es sieht für seine militärischen Gegner nicht besonders einschüchternd aus, wenn die Parade der russischen Streitkräfte mit ihren mobilen Atomraketenstartrampen um die Fleischberge kurven muss. Putin kann aufatmen, als ein Telegramm aus dem Westen im Kreml eintrifft. Dépardieu bekommt die Schauspielrolle seines Lebens, die ihm perfekt auf den Leib geschnitten ist: Er soll alle existierenden Obelix-Geschichten gleichzeitig spielen.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur.

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