Nr. 02/2013 vom 10.01.2013

Als alle Parteien die Entnazifizierung stoppten

Von Pit Wuhrer

Es hat bekanntlich sehr lange gedauert, bis sich die bundesdeutsche Gesellschaft ernsthaft mit der Nazizeit und den während des «Dritten Reichs» begangenen Verbrechen zu beschäftigen begann. Erst ab Mitte der achtziger Jahre setzte die sogenannte Vergangenheitsbewältigung ein: Die Opfer wurden sukzessive rehabilitiert, Firmen liessen allmählich (unter öffentlichem Druck) ihre Nazigeschichte überprüfen, HistorikerInnen publizierten viele Untersuchungen über die Verbrechen der Wehrmacht, der Justiz, des Aussenministeriums oder die Nazivergangenheit von JournalistInnen, in Berlin wurden Denkmäler eingeweiht – kaum eine andere europäische Gesellschaft hat sich so umfassend mit jener Zeit auseinandergesetzt. Das war in Deutschland ja auch dringend nötig.

Und doch verblüfft, wie wenig die Öffentlichkeit heute noch über die ersten Jahre «der Bewältigung der frühen NS-Bewältigung» weiss – über die Anfangszeit der BRD, als sich alle Parteien darin einig waren, dass die von den Alliierten betriebene Entnazifizierung sofort beendet werden muss. Nicht nur die von Altnazis durchsetzte Adenauer-Regierung oder die rechtsnationale Klientelpartei FDP, auch die damals «schroff anti-alliiert und betont national» eingestellte SPD wollte unbedingt einen Schlussstrich ziehen. Sie taten das auch mit dem ersten Gesetz, das den gerade konstituierten Bundestag einstimmig passierte: dem Straffreiheitsgesetz von 1949, dem fünf Jahre später das Straffreiheitsgesetz von 1954 folgte.

Wie kam es dazu? Welche Kräfte und Allianzen sorgten dafür, dass zahllose Kriegsverbrechen ungeahndet blieben, von den Alliierten verurteilte NS-Schergen frühzeitig freikamen, Hunderttausende von Nazibeamten wieder ihren Dienst antreten konnten? In seinem Buch «Vergangenheitspolitik» analysiert der Historiker Norbert Frei die machtpolitischen Verhältnisse in den Jahren 1949 bis 1954. Es zeigt, wie sehr das «neue» Deutschland in der NS-Vergangenheit verstrickt blieb. Eine hervorragend dokumentierte Studie – die allerdings die antifaschistischen Kräfte der damaligen Zeit kaum berücksichtigt. Denn die gab es auch.

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