Nr. 04/2013 vom 24.01.2013

«Kein Job, sondern eine Lebensform»

Eine Arbeit für Geist und Körper: Als Carlotta Holy-Steinemann mit siebzehn eine Filmkamera in die Hände nahm, war das der Beginn einer grossen Liebe.

Von Silvia SüessMail an AutorIn

«Willkommen in der Welt der Freelancer.» Dies schreibt Carlotta Holy-Steinemann in einer der E-Mails, die unserem Treffen vorausgehen. Dreimal mussten wir unseren Termin verschieben, weil die freischaffende Kamerafrau jeweils kurzfristig einen Auftrag erhalten hatte. Da nun aber ein Auftrag noch kurzfristiger wieder abgesagt wurde, findet unser Treffen statt.

«Im Dezember läuft immer wahnsinnig viel, und da im Januar eher Flaute herrscht, nehme ich so viele Aufträge wie möglich an», erklärt Carlotta Holy-Steinemann. Die 34-Jährige sitzt auf einem Bürostuhl in der Stube ihrer Wohnung in einem gemütlichen alten Haus in Zürich. Sie spricht schnell, mit dunkler Stimme in breitem Zürichdeutsch. In den letzten Tagen drehte sie einen Werbefilm, machte einen Tag Kamera für einen englischen Regisseur, der für seinen Dokumentarfilm in Zürich drehte, und reiste nach München, wo sie bei einem Spielfilm als zweite Kamerafrau aushelfen konnte.

Das angewachsene Werkzeug

«Wenn du dich entscheidest, in der Filmbranche zu arbeiten, wählst du nicht nur einen Job, du wählst eine Lebensform», sagt sie. Sie bereut ihre Wahl nicht. Mit siebzehn hat es ihr den Ärmel reingezogen. Eine Freundin, die Schauspielerin werden wollte, fragte Holy-Steinemann, ob sie mit ihr zusammen ein Drehbuch schreiben würde. Holy-Steinemann schrieb nicht nur das Drehbuch, sondern führte auch gleich die Kamera. Und da passierte es: «Es hat sich einfach richtig angefühlt, die Kamera in den Händen zu haben. Diese Kombination aus sinnlicher und körperlicher Arbeit hat mich völlig fasziniert.» Die Kamera sei wie ein am Körper angewachsenes Werkzeug, mit dem sie das Gesehene teile.

Nach abgebrochener Ausbildung an der École cantonale d’art de Lausanne besuchte Holy-Steinemann die Filmausbildung an der Zürcher Hochschule der Künste, die sie 2006 im Fach Kamera abschloss. Es folgten Engagements als Kameraassistentin und zweite Kamerafrau bei diversen Schweizer Spiel- und Dokumentarfilmen wie «Tandoori Love» von Oliver Paulus oder «Rocksteady» von Stasha Bader. Junge Kameraleute hätten es in der Schweiz nicht einfach, sagt Holy-Steinemann: «Es gibt ein paar gute, etablierte Kameramänner, und es ist schwierig, sich neben ihnen zu behaupten. Deshalb braucht man als junge Person in der Branche auch Glück.»

Das hatte sie Anfang 2011, als die Anfrage von Regisseur und Produzent Werner «Swiss» Schweizer («Von Werra») kam. Schweizer wollte sie als Kamerafrau bei seinem Film «Verliebte Feinde». Der Film, eine stimmige Kombination aus Dokumentar- und Spielfilm, erzählt von der Beziehung zwischen der Feministin Iris von Roten (Mona Petri) und dem Politiker Peter von Roten (Fabian Krüger) und feiert in Solothurn Premiere. «Ich kannte Carlotta nicht persönlich», so Schweizer, «aber sie hatte schon bei vielen Filmen unserer Produktionsfirma Dschoint Ventschr mitgearbeitet. Schon beim ersten Treffen mit ihr und dem anderen Kameramann, Reinhard Köcher, war klar, dass die Zusammenarbeit mit den beiden gut klappen würde.»

Agil und wendig

Als Schweizers Anfrage kam, war der Sohn der Kamerafrau sechs Monate alt. Da sie sich nicht vorstellen konnte, fünf Wochen Dreharbeit in Bern, im Wallis und in Zürich ohne ihren Sohn und ihren Mann zu verbringen, nahm sie beide mit. Ihr Mann kümmerte sich um den Sohn, während sie auf dem Set arbeitete. Sie hat diese Zeit sehr positiv erlebt, aber: «Klar brauchst du einen Mann, der das mitmacht. Mein Mann ist selbstständig und kann überall arbeiten, solange er einen Computer hat.» Auch Schweizer findet nur gute Worte: «Alle auf dem Set haben gesehen, dass die umgekehrte Arbeitsteilung sehr gut funktioniert.» So wurde das eigentliche Thema des Films, die von Iris von Roten radikal verlangte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau in Beruf und Familie, auf dem Set gelebt.

In Sachen Familie und Kamera sei sie als Frau eine Pionierin, so Holy-Steinemann. Ansonsten nehme sie kaum wahr, dass sie sich als Frau mit Kamera in einer von Männern dominierten Welt bewege:«Die Filmwelt ist ja keine Männerwelt, es gibt hier sehr viele Frauen.» Auch glaubt sie nicht, dass sie die Dinge als Frau anders sieht als ein Mann: «Jeder Kameramensch hat andere Augen, egal ob Frau oder Mann.»

Auf dem Set ist sie mit voller Konzentration und grosser Ausdauer dabei. «Als Kamerafrau hast du das Privileg, die erste Zuschauerin zu sein.» Die SchauspielerInnen bewegen sich heute bei den Aufnahmen freier als früher, als jeder Standort markiert, jeder Weg genau abgesteckt wurde. Dies ist für die SchauspielerInnen eine Entlastung, für die Kamerafrau jedoch bedeutet es, dass sie agil und wendig sein muss. Gerade das sei eine Stärke von Carlotta, so Schweizer.

Die Arbeit der Kamerafrau fängt allerdings nicht erst während des Drehs an. Ein wichtiger Teil ist die Vorbereitung. Dazu gehören die Gespräche mit dem Regisseur: «Das Drehbuch ist wie meine Bibel, damit steht und fällt alles. Für mich ist wichtig, dass ich nicht zu genaue Vorstellungen habe, sondern herausfinde, was der Regisseur möchte. Ich probiere, seine Vision zu übernehmen. Wenn ich weiss, in welche Richtung er denkt, kann ich in dieselbe Richtung gehen.» – «Als Regisseur bist du manchmal sehr sensibel, wie die Crew auf deine Ideen reagiert», so Schweizer. «Carlotta hat viel mit mir und dem Team diskutiert, sich stets selbst eingebracht, aber auch gespürt, was ich wollte.»

Im Bann des Schauspiels

Eine weitere wichtige Vorarbeit ist die Recherche vor Ort: Produzent, Regisseur, Aufnahmeleiterin, Kamerafrau, Oberbeleuchter und Ausstatterin gehen gemeinsam an die Drehorte, überprüfen und fotografieren diese. Jedes Kostüm und jede Maske sollten vor dem Dreh vor der Kamera begutachtet werden – doch da immer mehr gespart wird, kommt diese Arbeit häufig zu kurz. «Dabei gibt es fast nichts Schlimmeres, als wenn du erst während des Drehs merkst, dass die Maske nicht funktioniert.» Da müsse man als Kamerafrau dann eine Lösung finden. Überhaupt müsse man sehr pragmatisch sein: «Das Schlimmste an der Arbeit als Kamerafrau ist, dass du dauernd Leute verärgerst, weil du die Realistin bist.» – «Mit ihrem Charme und ihrer klaren, direkten Art hat Carlotta das ganze Team, das ständig um die Kamera schwirrt, total im Griff», widerspricht Schweizer. «Alle versuchen, ihre Anweisungen und Wünsche kreativ umzusetzen. Sie wirkt nie verärgert, und ihre positive, vorwärtstreibende Energie ist sehr ansteckend.»

Und wie merkt die Kamerafrau, dass eine Szene gelungen ist? Holy-Steinemann: «Wenn ich voll im Bann des Schauspiels bin und dabei fast vergesse zu schwenken oder wenn ich zu Tränen gerührt bin. Oder wenn das Sujet von innen heraus zu leuchten scheint und nicht ausgeleuchtet aussieht. Oder wenn eine magische Stimmung aufkommt: Beim Dreh zu ‹Verliebte Feinde› gehen Mona und Fabian baden, und ich möchte am liebsten auch ins Wasser.»

«Verliebte Feinde». Regie: Werner Schweizer, in: 
Solothurn, Konzertsaal, Fr, 25. Januar 2013, 21 Uhr, und Reithalle, Mo, 28. Januar 2013, 21 Uhr.

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