Nr. 04/2013 vom 24.01.2013

Das Rustico und der Hase

Jeshua Dreyfus hat mit seinem Erstling ein intensives Kammerspiel geschaffen.

Von Geri Krebs

Es beginnt wie eine harmlose Teenieklamotte: Zwei übermütige Jungmänner sind auf einer deutschen Autobahn unterwegs, ihre Konversation dreht sich um Frauen und darum, welche Art von Männern diese fremden Geschöpfe bevorzugen. Auf einem Parkplatz schalten die beiden eine Pinkelpause ein, und bei dieser Gelegenheit macht Fine (Anna von Haebler), eine junge Frau, dem etwas schüchternen Jonas (Oliver Russ) offene Avancen. Ob er nicht Lust habe, mit ihr, ihrer Schwester Babs (Jamila Saab) sowie deren Freund David (Stefan Leonhardsberger) mit in den Urlaub zu fahren.

Jonas willigt ein, holt zu Hause seine Sachen, und es vergehen keine vier Filmminuten, bis Jonas mit Fine, Babs und David im Auto sitzt und in Richtung Schweizer Berge fährt. Unterwegs nehmen sie noch Mara (Karen Dahmen) mit. Sie sei, wie Fine Jonas kurz aufklärt, etwas verrückt, halte sich für erleuchtet, sei einmal nackt zur Uni gegangen, weshalb sie dann in einer Klinik landete, aber jetzt gehe es ihr wieder gut.

Das Urlaubsziel in den Schweizer Bergen erweist sich als idyllisch im Wald gelegenes Rustico im Tessin, nur per Kleinstseilbahn – jener von Rasa im Centovalli – und längerem Fussmarsch erreichbar. Dort angekommen, wird schnell klar, dass Mara heimlicher Kopf des Quintetts ist. «Wahrheitsrunde» heisst das Spiel, das die entschlossen wirkende Frau bereits am ersten Abend organisiert und bei dem es darum geht, dass jedeR in der Runde «ehrlich» über sich sprechen muss, ohne dass die anderen darauf reagieren dürfen. Natürlich läuft das Ganze aus dem Ruder.

«Die Wahrheit» wollte der 1985 in Brienz geborene, heute in Basel lebende Jeshua Dreyfus seinen Erstling ursprünglich betiteln. Doch das wäre für diesen weitgehend als Kammerspiel für fünf verletzte Seelen funktionierenden Ensemblefilm zu absolut gewesen. Seine formale Geschlossenheit, ein kluger Einbezug von Landschaft und Natur – einzig eine Hasenmetapher wirkt etwas aufgesetzt – und vor allem überzeugend agierende SchauspielerInnen machen «Halb so wild» zu einem Beziehungsfilm ganz ohne Peinlichkeiten und übersteigerte Prätentionen.

«Halb so wild». Regie: Jeshua Dreyfus, in: Solothurn, Landhaus, Mo, 28. Januar 2013, 20.30 Uhr, und Reithalle, Mi, 30. Januar 2013, 12 Uhr.

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