Nr. 03/2012 vom 19.01.2012

Die kleine Diktatur

Der Aargauer Filmemacher Urs Odermatt bricht filmische Tabus.

Von Geri Krebs

Liest man die ersten Sätze der Synopse von der «Der böse Onkel», könnte man zum Schluss gelangen, es handle sich um eine späte Verfilmung des «Falls Köbi F.». Das war jener Skandal um sexuelle Ausbeutung von Schülerinnen durch ihren Turnlehrer im Aargauer Dorf Möriken, der 1997/98 hohe Wellen warf. Dank der Beharrlichkeit und dem Mut von Ruth Ramstein, der Mutter einer der betroffenen Schülerinnen, wurde der Fall ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt.

Wenn nun der 1955 geborene Urs Odermatt einen an diese Geschichte erinnernden Film nur zehn Kilometer von Möriken entfernt dreht, kann das durchaus als Provokation gesehen werden. Von der Filmförderung des Kantons Aargau hat der im Aargau wohnende Odermatt jedenfalls keinen Rappen erhalten, auch der Bund wollte sich nicht beteiligen. «Der böse Onkel» wurde mit 60 000 Franken eine Low-Budget-Produktion, alle SchauspielerInnen haben gratis gearbeitet.

Odermatt betont, es sei ihm um eine Geschichte der «kleinen Diktatur in unserem Alltag» gegangen, nicht um einen konkreten Fall: «Jeder Ort hat seinen bösen Onkel. Eindeutige moralische Zuschreibungen interessieren mich nicht» – und diese Uneindeutigkeit überträgt sich auch auf die filmische Form. Rasend schnell wechseln sich Theaterelemente, eigentliche filmische Tabus – so wird fast durchwegs direkt in die Kamera geblickt –, Slapstick- und Tanzszenen ab, bilden eine bizarre Collage um eine komplexe Beziehung zwischen alleinerziehender Mutter, pubertierender Tochter und schmierigem Turnlehrer. Die Sprache ist bisweilen so vulgär, dass sensible ZuschauerInnen wohl geschockt sein werden.

Schon Odermatts «Mein Kampf» war in Solothurn 2010 für den «Prix du public» nominiert, wurde aber kaum wahrgenommen – zu spröde war diese auf einem Theaterstück über den jungen Adolf Hitler beruhende Groteske. Dabei hatte Odermatt früher mal Filme fürs grosse Publikum gemacht, sein Erstling «Gekauftes Glück» war erfolgreichster Schweizer Kinofilm des Jahres 1989, und auch «Wachtmeister Zumbühl» war 1994 ein kommerzieller Erfolg an den Schweizer Kinokassen.

Landhaus, Sa, 21. Januar, 23.15 Uhr, und Kino Canva Club, Mi, 25. Januar, 20.30 Uhr.

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