Nr. 12/2013 vom 21.03.2013

Ist dieser Papst der beste Denunziant Gottes?

Die Vorwürfe gegen Papst Franziskus wegen seiner Rolle unter der argentinischen Militärdiktatur stammen von vielen unabhängigen ZeitzeugInnen. Die Indizien sind erdrückend, doch der Vatikan wischt alle Kritik beiseite.

Von Jens Andermann

Im Zweifel ist der Bote schuld. In seiner ersten Pressekonferenz nach der Wahl des Kardinals Jorge Mario Bergoglio zum neuen Papst griff Vatikansprecher Federico Lombardi auf eine erprobte Taktik zurück. Um Fragen zur Rolle des Pontifex unter der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983 zu entschärfen, sagte er, die «niemals konkreten oder glaubwürdigen» Anschuldigungen seien Teil der Kampagne einer antiklerikalen Publikation. Damit meinte er die argentinische linke Zeitung «Página/12», die den Kardinal Bergoglio bezichtigte, zwei von der Diktatur entführte und inhaftierte Priester nicht ausreichend geschützt zu haben. Bergoglio habe dies sowohl vor Gericht wie auch schriftlich stets bestritten und sei nie eines Vergehens angeklagt worden. Im Gegenteil habe er nachweislich Personen vor den Militärs geschützt, die Auseinandersetzung der Kirche mit ihrer Vergangenheit vorangetrieben und sich öffentlich für deren Versäumnisse entschuldigt.

Andere VertreterInnen der katholischen Kirche und Familienangehörige von Opfern der Diktatur sehen das anders. Bereits 1986 schrieb Emilio Mignone – Christdemokrat und führende Figur der Laienorganisation Acción Católica – in seinem Buch «Kirche und Diktatur», einzelne Bischöfe hätten den Streitkräften «persönlich grünes Licht» zur Ermordung missliebiger Priester und Laien gegeben. Als Beispiel nannte Mignone den damaligen Vorsteher der Jesuiten, Jorge Bergoglio, der die in einem Armenviertel aktiven Priester Orlando Yorio und Francisco Jalics wissentlich an die Schergen des Regimes ausgeliefert habe, indem er ihnen die Ordenslizenzen entzog. Als Folge waren beide mehrere Monate in Folterzentren inhaftiert. Mignone war mit dem Fall vertraut, weil seine Tochter zusammen mit den beiden Priestern entführt worden war und seither verschwunden ist.

Armenpriester preisgegeben

Jalics schrieb 1995 in seiner Autobiografie, dass in der Kirchenhierarchie soziale Arbeit von vielen abgelehnt worden sei, weil sie als Unterstützung der Guerilla galt. «Wir wussten, woher der Wind wehte und wer für diese Verleumdungen verantwortlich war», schrieb Jalics. «Ich ging also direkt zu der betreffenden Person und erklärte ihr, dass sie mit unserem Leben spielte. Der Mann versprach mir, den Militärs zu übermitteln, dass wir keine Terroristen seien. Aufgrund von Aussagen eines Offiziers und von Dokumenten, zu denen ich später Zugang bekam, konnte ich zweifelsfrei feststellen, dass dieser Mann sein Versprechen nicht gehalten und im Gegenteil sogar falsche Anschuldigungen gegenüber den Militärs erhoben hatte.» Sein Kollege Yorio hatte 1977 ähnliche Vorwürfe erhoben. In einem Brief aus seinem italienischen Exil an einen jesuitischen Amtsträger machte er Bergoglio – der damals als Provinzial die höchste Autorität des Jesuitenordens in Argentinien war – für die gewaltsame Auflösung der Basisgemeinde verantwortlich.

Zahlreiche ZeitzeugInnen haben unabhängig voneinander bestätigt, dass Provinzial Bergoglio hinter dem Entzug der Ordenslizenzen Yorios und Jalics’ stand. Jesuiten wie der inzwischen verstorbene Juan Luis Moyano Walker und Bergoglios ehemaliger Chauffeur Ignacio Mom Debussy beschuldigten Bergoglio, auch andere Armenpriester dem Regime preisgegeben und bewaffnete Kommandos innerhalb der eigenen Universität geduldet zu haben. Auch die Verleihung der Ehrendoktorwürde an den Oberkommandierenden der Marine, Admiral Emilio Massera, durch die Ordensuniversität der Jesuiten sei ohne Einverständnis des Provinzials nicht möglich gewesen.

2010 wurde Bergoglio im Prozess um das grösste Folterzentrum der Militärdiktatur befragt, das sich in der Technikschule der Marine (Esma) befand. Bergoglio nahm das Kurienprivileg der «nicht öffentlichen Aussage» in Anspruch und bestritt alle Vorwürfe: Yorio und Jalics hätten selbst um eine Befreiung von ihren Ordenspflichten nachgesucht; er habe nach deren Entführung persönlich bei Marinechef Massera und Juntachef Jorge Videla vorgesprochen, um ihre Entlassung aus der Esma zu verlangen. Auf Nachfrage konnte sich Bergoglio indes nicht daran erinnern, wie er die Internierung von Yorio und Jalics in der Esma ausfindig gemacht haben konnte. Hingegen machte Bergoglio zwei interessante Aussagen: Dokumente zu Verschwundenen seien im ihm unterstellten Archiv der argentinischen Bischofskonferenz nicht vorhanden. Und die Problematik klandestiner Adoptionen von in der Esma geborenen Kindern sei ihm bis in die achtziger oder neunziger Jahre unbekannt gewesen.

Des Papstes Gedächtnislücken

Beide Aussagen sind höchstwahrscheinlich falsch. Später nämlich, im Mai 2011, bezeugte Bergoglio vor Gericht eine Information von Estela de la Cuadra, deren Schwester Ana 1977 hochschwanger entführt worden war und die seither verschwunden ist. Anas und Estelas Eltern hatten damals bei Bergoglio vorgesprochen, der ihnen einen Termin beim Vizechef der Provinzpolizei vermittelte. Dieser bestätigte den Eltern zwar die Geburt einer Enkeltochter, riet aber von weiteren Nachforschungen ab, da «die Kleine in guten Händen» sei. Bergoglio sagte 2011 vor Gericht, er könne sich zwar an das Gespräch mit den Eltern erinnern, nicht jedoch an ein in Gefangenschaft geborenes Enkelkind – obwohl die Provinzpolizei erst auf seine Vermittlung hin Recherchen angestellt hatte.

Und im Mai 2012 übergab Bergoglios Nachfolger an der Spitze der Bischofskonferenz, José Arancedo, der Richterin eines anderen Menschenrechtsprozesses ein Dokument aus dem Archiv der Bischofskonferenz: ein internes Protokoll über ein vertrauliches Gespräch dreier Bischöfe mit General Videla vom 10. April 1978, in dem der Juntachef die Ermordung der meisten «Verschwundenen» einräumte.

Ein Gesuch der französischen Justiz, die Bergoglio als Zeuge im Prozess um die Ermordung des Geistlichen Gabriel Longueville im Juli 1976 vorgeladen hatte, liegt seit April 2011 unbeantwortet bei der argentinischen Justiz. Es ist kaum zu erwarten, dass der Vatikan die beschleunigte Bearbeitung des Dossiers verlangt. Aber vielleicht setzt Franziskus ja ein weiteres Zeichen der Volksnähe und steht beim zuständigen Gericht in Paris öffentlich Rede und Antwort zum Verhältnis der Kurie zur Diktatur.

Jens Andermann ist Professor für lateinamerikanische Studien an der Universität Zürich.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch