Nr. 24/2018 vom 14.06.2018

Dieser Heilige Vater hat neue Töne angeschlagen

Manchen sozial engagierten Menschen erscheint Papst Franziskus als mythischer, reiner Monarch. Auch der neue Film von Wim Wenders, begleitet von Patti Smith, befördert diese Interpretation. Doch welche Politik verfolgt der Papst tatsächlich?

Von Franz-Xaver Hiestand

Franz-Xaver Hiestand

«Papst Franziskus – ein Mann seines Wortes»: Der Film von Wim Wenders, der in diesen Tagen in die Kinos gelangt, spiegelt schon im Titel die positive Stimmung, die in sozial engagierten und ökologisch sensiblen Kreisen vis-à-vis dem Pontifex in Rom herrscht. Im Film sehen wir bewegte Massen, die Papst Franziskus zujubeln. Wir sehen, wie Boliviens Präsident Evo Morales im Juli 2015 stolz auf ihn wartet, wie Franziskus im selben Jahr im September als erster Papst überhaupt vor beiden Kammern des US-Kongresses spricht und die milliardenschweren Waffenlieferungen und die Todesstrafe in den USA scharf kritisiert. Wenders fügt auch Bilder der ersten grösseren Reise ein, die das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche unternommen hatte. Sie hatte den «Mann in Weiss» im Juli 2013 auf die italienische Insel Lampedusa geführt. Dort forderte er vor etwa 10 000 MigrantInnen und InselbewohnerInnen die Abkehr von der «Globalisierung der Gleichgültigkeit».

Mit Humor, Empathie und Zärtlichkeit geht Franziskus im Film auf Bäuerinnen und Arbeiterinnen, Kinder und Erwachsene, Gefangene, Flüchtlinge und BewohnerInnen von Elendsvierteln zu. Christinnen und Nichtchristen wäscht er die Füsse. Unterlegt werden die Filmszenen mit mitreissender Musik. Und zwar nicht nur mit «Sólo le pido a Dios» von Mercedes Sosa, das wäre noch zu erwarten gewesen, sondern auch mit suggestiven Takes von Patti Smith.

Der «Anti-Trump»

Diese ist nicht nur gut bekannt mit Wenders, sondern hat Franziskus schon im Jahre 2013, wenige Wochen nach seiner Wahl zum Papst, bei einer Generalaudienz aufgesucht. Nach der Rücktrittserklärung von Benedikt XVI. habe sie gebetet, erzählte Patti Smith damals, dass sich sein Nachfolger «Franziskus» nenne. Dass sich der Argentinier Jorge Mario Bergoglio, wie der Papst vorher hiess, dann tatsächlich nach dem Heiligen Franz von Assisi benannt habe, sei «schön und mutig». Denn der Heilige aus dem 12. Jahrhundert verkörpere Demut, Liebe zur Natur und Absage an materielle Werte.

Stellenweise wirkt Wim Wenders’ Werk wie der Tourneebericht eines hingerissenen Fans über eine Supergruppe mit ihren Hits. Schlag auf Schlag folgen die öffentlichkeitswirksamsten bisherigen Szenen und Bonmots aus dem fünfjährigen Pontifikat von Franziskus, als wären sie eine «Best of»-Sammlung. Der Film will so eher überwältigen als zum Nachdenken einladen.

Wenders’ Film und Patti Smiths Aussagen stehen für eine erstaunliche Erwartungshaltung vieler älter gewordener Künstlerinnen und sozial engagierter Menschen rund um den Erdball. In ihnen artikulieren sich übergrosse Hoffnungen auf die archetypische Vaterfigur, die das Schicksal der Welt doch noch zum Guten lenken möge. Die «New York Times» rief Bergoglio zum «Anti-Trump» aus. Das «Wall Street Journal» kürte ihn an Weihnachten 2016 zum «Führer der globalen Linken».

Die symbolische Macht

Im Jahre 2004 charakterisierte der evangelisch-reformierte Publizist Urs Meier einige Aspekte der Papstfigur. Damit lässt sich erklären, weshalb Patti Smith, Wim Wenders und viele weitere so begeistert von Franziskus sind. Meier schrieb: «Im Unterschied zum Gewaltcharakter von Diktaturen eignet dem Papsttum eine fast ausschliesslich symbolische und moralische Macht.» Dadurch erscheine es als rein.

Die Exotik der einzigen «reinen» Monarchie tauche das Papsttum in ein mythisches Licht. Das altersweise Gesicht des Papstes, seine warme Stimme, seine gebeugte Gestalt im weissen Ornat, seine in alle Welt übertragenen segnenden Gesten würden ihn von den weltlichen Machthabern abheben und, so Meier, «ein vielleicht schillerndes, aber dennoch vergleichsweise positives Bild» vermitteln. Doch was wird geschehen, wenn sich viele Hoffnungen, die in Franziskus gesetzt waren, nicht erfüllen?

Man darf nicht vergessen, dass Franziskus und mit ihm die römisch-katholische Kirche in einer Dynamik stehen, die durch Franziskus’ Vorgänger Benedikt XVI. ausgelöst wurde. Jener hatte im Jahre 2013 sein Amt niedergelegt, dadurch das Papstamt entmystifiziert und eine Reform ungeahnten Ausmasses eingeleitet. Der damals 86-jährige Bayer machte vor allem gesundheitliche Gründe für seine Entscheidung geltend. Manche Kommentatoren halten es indes für möglich, dass er den Eindruck hatte, den administrativen und Leitungsanforderungen des Amtes nicht mehr gewachsen zu sein. Jedenfalls ist Benedikts Verzicht auf das Papstamt in symbolischer und kirchenhistorischer Hinsicht epochal. Diese Kirche steht seither immer noch teilweise unter Schock und bewegt sich dennoch.

Sozial klar, kulturell diffus

Zweifellos hat Franziskus in sozialpolitischer und ökologischer Hinsicht neue Töne angeschlagen. Vor allem seine Enzyklika «Laudato si’» (2015) wird als ernst zu nehmender Aufruf zum weltweiten kirchlichen Umdenken in Umwelt- und Klimafragen beurteilt. Die Eröffnungsworte «Laudato si’» beziehen sich auf den Sonnengesang des heiligen Franz von Assisi und leiten Überlegungen zum Klimaschutz ein, die auch mit dem Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung abgestimmt wurden.

Sichtbarstes Merkmal für diese Akzentverschiebung ist die kommende Heiligsprechung des 1980 in El Salvador ermordeten Erzbischofs Oscar Romero. Dieser war von reaktionären Kreisen jahrzehntelang als Kommunist verschrien worden, während er für VertreterInnen der Befreiungstheologie seit langem eine Ikone ist. Nachdem er von den Campesinos ohnehin seit langem als Heiliger verehrt wird, wird Romero nun auch offiziell, wie es traditionell heisst, «zur Ehre der Altäre erhoben».

Doch Erwartungen an den Papst hegen nicht nur Menschen, die mit Armut oder sozialer Ungerechtigkeit konfrontiert sind, sondern auch Leute, die aus dem Vatikan differenzierte Klänge zur Ökumene, zum Umgang mit geschiedenen Menschen, zu Homosexualität, Abtreibung, Stammzellenforschung und Sterbehilfe, zur Gestaltung der Sexualität oder zu Genderfragen vernehmen möchten.

Hier ist die Lage diffus. Indizien legen nahe, dass zwischen wichtigen Akteuren, zwischen bewahrenden (nicht zuletzt in den USA) und fortschrittlichen Exponenten komplexe Kräftemessen im Gange sind, deren Ausgang ungewiss ist. Papst Franziskus hat in diesen Bereichen nicht selten Aussagen gemacht, die sich deutlich widersprechen. Einige kirchliche Exponenten drängen ihn, zu bestimmten Fragen eindeutig Stellung zu nehmen. Doch so, wie er sich früher in Argentinien zu brennenden Fragen kaum deutlich äusserte, wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit weiterhin Freiräume für Diskussionen zulassen, sich aber mit klaren Positionsbezügen sehr zurückhalten.

Die Sünderin bei den Aposteln

Feststellen lässt sich immerhin, dass er im Sommer 2016 Maria Magdalena den zwölf Aposteln gleichgestellt hat. Jahrhundertelang galt diese Frau als kniende, schöne, zuerst erotisch unzuverlässige und danach reuige Sünderin. Nun erlangt sie denselben liturgischen Rang wie die Apostel. In dieser Entscheidung liegt sehr viel brachliegendes Potenzial für theologische Reflexionen über das Verhältnis von Mann und Frau.

Mit viel Interesse warten TheologInnen auch darauf, was an der geplanten Versammlung der Bischöfe des Amazonasgebiets 2019 geschehen wird und ob Franziskus die Enzyklika «Humanae Vitae», in der einer sein Vorgänger, Paul VI., 1968 die künstliche Geburtenregelung verurteilt hat, tatsächlich überprüfen lassen wird.

In seinem ersten wichtigen Interview als neu gewählter Papst sagte Franziskus 2013, dass er ein Sünder sei, der von Jesus trotzdem angeschaut worden sei. Man nimmt ihm ab, dass er es ernst meint. Früher habe er, Jorge Mario Bergoglio, seine Entscheidungen «auf sehr schroffe Weise» getroffen, erzählt der Papst. Seine «autoritäre und schnelle Art» habe ihn in eine tiefe innere Krise geführt. Heute wolle er «echte, keine formellen Beratungen».

Spektakuläre Pässe

Noch immer entscheidet er freilich zuweilen atemberaubend hart und brüsk. Doch daneben greift er manchmal selbst zum Telefon oder reisst Grenzen ein, indem er Menschen umarmt, die ein Papst früher nie hätte umarmen dürfen. Und nicht nur den VertreterInnen der Kirchen macht er Gesprächsangebote, sondern auch AkteurInnen der Zivilgesellschaft und Angehörigen anderer Religionen.

Die Vaterfigur des Papstes, die über Jahrhunderte hinweg mythisch entrückt war, bleibt auch in der Interpretation von Franziskus teilweise abgehoben. Doch real bewegt er sich bewusst in Grenzgebiete und Konfliktzonen hinein. Der früher leidenschaftliche Fussballfan Bergoglio schlägt bald spektakuläre, bald riskante Pässe. An seinen MitspielerInnen liegt es, seine Intentionen kreativ und mutig umzusetzen.

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