Nr. 12/2013 vom 21.03.2013

«Bleiben Sie in der Hütte. Lesen Sie was!»

Von Iris Schär

Dass ich lesen kann, habe ich vor allem Heinz F. Schafroth zu verdanken. Der leidenschaftliche Literaturkritiker, -förderer und -herausgeber war am Gymi in Biel mein Klassen- und Lateinlehrer. Letzte Woche ist er in Biel verstorben.

Kamen Lateinprüfungen zurück, gings nicht nur darum, Korrekturen zu machen. Sondern diese zu kommentieren. Was heisst das? «Ich hab dummerweise den Dativ mit dem Ablativ verwechselt.» Sein Kommentar zum Kommentar: «Ich bin Ihr Lateinlehrer, nicht Ihr Beichtvater.»

Man kann jemanden mutig nennen. Jemanden einen Feigling zu nennen, ist anmassend: Auch so etwas lernten wir im Latein.

Schafroth, der Klassenlehrer. Skilager. Einmal am Tag fährt die Klasse gemeinsam den Hang hinunter. Zwei SchülerInnen werden zur «Nachhut» bestimmt. Ihre Aufgabe: «Muntern auf und sammeln ein.» Als eine der zwei schlechtesten Skifahrerinnen der Klasse wusste ich diese Erziehung zu sozialem Verhalten zu schätzen.

Im Lager ein Hustenanfall, die ganze Nacht durch. Bis Schafroth mit einem Pülverchen kommt: «Sie müssen morgen nicht aufstehen.» Und dann am Morgen: «Sie dürfen in der Hütte bleiben. Lesen Sie was.» Das Buch war «Max» von Matthias Zschokke – eine neue Welt tat sich auf.

Dann die Quartareise im Tessin. Unser Begleiter: der Schauspieler Daniel Kasztura – schuld daran, dass mich plötzlich ein Theaterstück von Hans Henny Jahnn interessiert.

Bei der Maturareise war es einem Schüler wegen Allergien unmöglich, in den Süden zu fahren. Also entschied sich die Klasse für Holland – ein Erfolg für Schafroths Erziehung.

Daniel Weber, damals Gymilehrer, heute Chefredaktor des «NZZ Folio», hatte uns auf Einladung von Schafroth nach Holland begleitet. Bei der Einfahrt in den Rotterdamer Hafen holte er sein Kassettengerät hervor und liess Jacques Brels «Dans le port d’Amsterdam» laufen. Grandios.

Einen Vortrag zu halten, war auf der Reise Pflicht. Mein Vorschlag: Tulpen. Kein Problem. Einzige Vorgabe: «A priori et a posteriori.» Kulturgeschichte mit dem Alltag in Verbindung bringen – und merken, dass mehr als Botanik im Thema steckt. Auch das hat Schafroth mir beigebracht.

Ich hab nie gern geschrieben. Aber immer gern gelesen. Und ich wollte verstehen. Das hab ich vor allem bei einem gelernt: Heinz F. Schafroth. Merci.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch