Nr. 38/2012 vom 20.09.2012

«Die Kinder sind nicht einsam, gewalttätig oder dick geworden»

Das Handy ist unter Kindern und Jugendlichen mittlerweile so verbreitet, dass auch die Volksschulen nicht umhinkommen, sich mit dem Gerät auseinanderzusetzen. Erste Erfahrungen zeigen: Richtig eingesetzt kann das Handy im Unterricht eine Bereicherung sein.

Von Jan Jirát

Seit Jahren leite ich Skilager für PrimarschülerInnen. Dabei gilt der Grundsatz: Das Handy bleibt zu Hause! Diese Vorgabe stösst zunehmend auf Widerstand – und zwar bei Kindern und Eltern gleichermassen. «Ich will wissen, wie es meinem Kind geht», sagen die Eltern, und die Kinder wiederholen den Satz dankbar, denn auch sie wollen das Handy dabeihaben, wenn auch meist aus anderen Gründen.

Das Handy ist aus der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen nicht mehr wegzudenken. Wie handyvernarrt die Schweizer Jugend ist, belegt auch die Statistik: Gemäss dem aktuellen Forschungsbericht «Handygebrauch der Schweizer Jugend», den die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) publiziert hat, besitzen 98 Prozent der Jugendlichen in der Schweiz ein Handy. Wobei der Anteil an Smartphones, also an Mobiltelefonen mit Computerfunktionen und Internetzugang, bei 47 Prozent liegt. Im Mittel erhalten die Jugendlichen ihr erstes Handy mit elfeinhalb Jahren.

Das iPhone ist kein Selbstläufer

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie die Volksschulen mit dem Thema Handynutzung umgehen. Vorweg: Bis anhin stellt jede Lehrperson ihre eigenen «Handyregeln» auf. Eine gewisse Orientierung bieten allenfalls Schulhausordnungen oder Merkblätter der kantonalen Bildungsdepartemente; eine einheitliche pädagogische Strategie aber existiert nicht. Auf nationaler Ebene – bei der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren – sind das Handy im Speziellen und mobiles Lernen im Allgemeinen momentan und in absehbarer Zukunft kein Thema, wie eine Nachfrage der WOZ ergab. So sind zwischen den Polen «völliges Handyverbot» und «Integration von Handys in den Unterricht» in der Schweizer Volksschule alle möglichen Varianten anzutreffen.

Bisher hat keine andere Schule die Handynutzung so ausgeprägt in den Schulunterricht integriert wie die Projektschule Goldau im Kanton Schwyz. Siebzehn SchülerInnen einer fünften Primarklasse hatten dort iPhones als Unterrichtswerkzeug erhalten. Jedes Kind hatte fortan einen Fotoapparat, ein Diktiergerät, einen Kompass, ein Lexikon, ein Wörterbuch und einen Taschenrechner in einem Gerät vereint zur Hand. Was bedeutet das für den Unterricht?

«Die Haupterkenntnis ist simpel: Es ist machbar», bilanziert Beat Döbeli Honegger, der das Projekt ins Leben gerufen hat. Der Dozent vom Institut für Medien und Schule der Pädagogischen Hochschule Schwyz (PHZ) hält fest: «Die von Kritikern im Vorfeld geäusserten Befürchtungen wie Verschuldung, Porno- und Gewaltkonsum oder Suchtpotenzial sind nicht eingetreten. Weder ist ein Chaos ausgebrochen, noch sind die Kinder einsam, gewalttätig oder dick geworden.»

Zugleich sei klar: «Nur aufgrund des Geräts lernt niemand besser.» Computer und Internet seien genauso wie Wandtafel oder Hellraumprojektor keine Selbstläufer, so Döbeli Honegger. Es gehe bei alten wie bei neuen Medien darum, dass sie von den Lehrpersonen kompetent eingesetzt werden. Was ihn freut: «Alle Beteiligten – der Klassenlehrer, die Schulleitung, die Eltern und die Kinder – waren mit dem Projektverlauf zufrieden und würden wieder mitmachen.»

Nicht immer muss das Handy an sein

«So wie früher jedes Kind eine Schiefertafel und später ein Schulheft in der Tasche mittrug, wird es in Zukunft ein internetfähiges Arbeitsinstrument sein», sagt Daniel Süss, Medienpsychologe an der ZHAW. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten. «Wurde früher stundenlang telefoniert, um sich Hausaufgaben von Schulkollegen erklären zu lassen, so werden heute die Fragen und Ergebnisse via Smartphone fotografiert und im Chat besprochen», so Süss. «Solche Teamarbeit kann man auch im Unterricht selbst bewusst einsetzen für die Vernetzung beim gemeinsamen Lernen und Problemlösen, auch über die Schulklassengrenzen hinaus.»

Für den Medienpsychologen gibt es aber klare Grenzen der Handynutzung im Unterricht. Für Kinder sei es wichtig zu lernen, sich ganz auf eine Aufgabe einzulassen und nicht permanent mit Multitasking die Aufmerksamkeit zu streuen. Süss hält es deshalb für berechtigt, Schulzeiten festzulegen, «in denen die Handys ausgeschaltet sein müssen». Der sinnvolle Umgang mit Handys sollte in der Medienbildung auf jeden Fall zum Schulstoff gehören.

Auch ich muss mich daran gewöhnen, dass das Handy wohl schon im nächsten Skilager dazugehört. «Wieso soll ich mir das Skibillett in die Tasche stecken und es womöglich verlieren, wenn ich es auf meinem Handy speichern kann?», fragte mich im letzten Winter eine Schülerin. Ich blieb ihr eine Antwort schuldig.

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