Nr. 14/2013 vom 04.04.2013

Die Millionen für Marco Camins Hügel

Von Jan Jirát

In zwei Wochen wählt die Stadt Zürich einen neuen Stadtrat. Im entscheidenden zweiten Wahlgang stehen sich Richard Wolff von der Alternativen Liste und Marco Camin von der FDP gegenüber. Der Ausgang ist völlig offen, Camin lag im ersten Wahlgang nur knapp vor Wolff.

Die Biografie des 1964 geborenen Camin erzählt eigentlich vom Glück: Der Sohn von norditalienischen EinwanderInnen hat zwei Häuser und einen Rebberg im Zürcher Seefeld geerbt. Von der Industriellenfamilie Trümpler, bei der Camins Mutter als Haushälterin arbeitete. Es ist die Erzählung vom Zürcher Freisinn, der einer MigrantInnenfamilie zu ungeahntem materiellem Aufstieg verhilft.

Doch mit dem Glück kann die FDP nicht viel anfangen. Sie erzählt lieber die Mär von der Eigenverantwortung. So kommt es, dass der Glückspilz Camin keinen öffentlichen Fussweg durch seinen geerbten Rebberg will, obschon dieser im Richtplan eingetragen ist, wie der «Tages-Anzeiger» jüngst publik machte.

Als eine Facebook-Userin auf Camins Seite mitteilte, dass sie diese Haltung «äusserst unsympathisch finde», entgegnete jener: «Der Einzige, der den Erhalt des Rebberges gesichert hat, bin nun mal ich, keine Stadt, kein Kanton.» Zuvor hatte er in einem Interview erzählt: «So habe ich mich dafür eingesetzt, dass das Kulturland Burghölzlihügel, der teils mir gehört, gesichert wird.» Gegenüber der WOZ bestätigt Camin, dass er sich schon als Teenager gegen die von der Familie Trümpler geplante Überbauung des Hügels gewehrt habe.

Wie Recherchen der WOZ belegen, ist Camins Erzählung der Eigenverantwortung zumindest fragwürdig: Der Erhalt des Kulturlands Burghölzlihügel geht massgeblich auf eine Volksinitiative des Stadtzürcher Heimatschutzes im Jahr 1980 zurück. Als Folge dieser Initiative musste die Stadt Zürich Grundstücke des Hügels auszonen. Ein langjähriger Rechtsstreit um Entschädigungen an die Grundeigentümer für die Freihaltezone folgte. Er endete 1997: Die Stadt musste gesamthaft 16,4 Millionen Franken an Entschädigungen zahlen, 7,4 Millionen Franken davon entfielen auf Grundstücke, die Camin kurz darauf erben sollte. Gegenüber der WOZ macht er dazu keine Angaben.

Sein Rebberg bleibt somit bis auf Weiteres nur einmal im Jahr öffentlich zugänglich, wenn im Herbst am FDP-Weinfest auf die Eigenverantwortung angestossen wird.

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