Nr. 16/2013 vom 18.04.2013

Zurückhaltung nach den Bomben

Von Lotta Suter

Die zwei Bomben, die am Montag an der Zielgeraden des Bostoner Marathons drei Menschen töteten und Dutzende zum Teil schwer verletzten, waren mit billigem Sprengstoff, Metallkugeln und Nägeln gefüllte Dampfkochtöpfe. Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen, auf Englisch IED (Improvised Explosive Device), wie sie unter anderem im Irak und in Afghanistan gegen die US-Streitkräfte eingesetzt wurden. Auch die Art der Zerstörung, etwa die weggerissenen Beine, war den KriegsveteranInnen, die am Marathon teilnahmen und nach den Explosionen Erste Hilfe leisteten, durchaus bekannt. Durch den Terroranschlag ist Bagdad Boston ein Stück näher gerückt.

Das sagt aber noch nichts über die Täterschaft aus. Natürlich warnten islamfeindliche Kreise sofort vor einem «Dschihad in Boston». Und die VerschwörungstheoretikerInnen nahmen ebenso reflexartig an, es handle sich bei den Bombenanschlägen um ein raffiniertes Verbrechen der US-Regierung. Andere vermuten im Gegenteil einen Racheakt von RegierungsgegnerInnen: Schliesslich ist der 15. April «Tax Day», der letzte Abgabetermin für Steuererklärungen.

Die Mainstreammedien der USA sind hingegen erstaunlich zurückhaltend mit Schuldzuweisungen. Vielleicht erinnern sie sich daran, wie sehr sie sich vor achtzehn Jahren, am 19. April 1995, beim Bombenanschlag von Oklahoma City verspekuliert hatten. Entgegen ersten Vermutungen waren damals bekanntlich nicht TerroristInnen aus dem Nahen Osten, sondern der US-Amerikaner Timothy McVeigh für den Tod von 168 Menschen verantwortlich.

Allen voran warnte Präsident Obama vor voreiligen Schlüssen und erinnerte die US-BürgerInnen daran, dass es bei der Tragödie in Boston nicht nur Angst und Schrecken gegeben hatte, sondern auch Solidarität und spontane Hilfeleistungen. Er versprach nicht wie sein Vorgänger George W. Bush nach den Anschlägen vom 11. September 2001 Rache und Vergeltung, sondern zuerst eine gründliche Untersuchung der Tat und Gerechtigkeit.

Die Aufklärung des Verbrechens brauche Zeit, sagen das FBI und die Bostoner Polizeibehörden. Denn die primitive Bauart der Bomben erschwere die Identifikation der Täterschaft. Das verwendete Material sei billig und überall erhältlich. Eine Einzelperson könne ohne weiteres eine solche Waffe basteln. Doch ebenso gut könnte eine Terroristenorganisation so ihre Spuren verwischen.

Tatsache ist, dass die Verwendung unkonventioneller Strassenbomben global zugenommen hat. Gemäss Aussagen des Pentagon sind seit 2007 über 10000 solcher Sprengsätze gezündet worden. Die meisten davon in Kolumbien, Pakistan, Indien, Syrien – und in den USA.

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