Nr. 16/2013 vom 18.04.2013

Heil wer noch mal?

Etrit Hasler über Hitlergrüsse von Fussballern und gefallene Imperien.

Von Erit Hasler

Wer mitbekommen hat, wie regelmässig der ausgestreckte Oberarm europäischer Fussballer in letzter Zeit in die Höhe schnellt, dem bleiben genau zwei Interpretationen: Entweder sind die Neonazis tatsächlich wieder auf dem Vormarsch. Oder Fussballer sind noch viel bescheuerter, als wir das schon immer alle vermutet haben.

Zum Beispiel der zwanzigjährige griechische Nationalspieler Giorgios Katidis: Dieser riss sich nach dem vorläufig letzten Tor seiner Karriere das Trikot vom Leib und feierte – enthusiastisch, als wäre der Führer persönlich im Fanblock – mit dem historisch bekannten Gruss seinen Sieg. Die Feier war von kurzer Dauer: Der griechische Fussballverband sperrte Katidis lebenslang für alle Nationalmannschaften, und seinen Vertrag bei AEK Athen war er auch los. Vielleicht kann man Katidis die Ausrede, er habe keine Ahnung gehabt, was die Geste bedeutet, sogar abnehmen: Das griechische Geschichtsbewusstsein hört häufig irgendwann in der Antike auf – was dann zum Beispiel dazu führen kann, dass eine politische Partei wie die Chrysi Avgi, «Goldene Morgendämmerung», die eine stilisierte Version des Hakenkreuzes als Logo führt, ins nationale Parlament einziehen kann.

Da überrascht es vielleicht wenig, dass auch im anderen gescheiterten Imperium der Antike, beziehungsweise dessen Nachfolgerstaat Italien, der Arm ab und zu nach oben schnellt – im Fussball oder anderswo. Zum Beispiel beim Nationaltorhüter Gianluigi Buffon, der sich darum bemühte, mit der Rückennummer 88 – unter Neonazis ein Code für Heil Hitler – aufzulaufen. Oder in Rom, wo die Anhänger der Lazio für ihren «römischen Gruss» bekannt sind.

Und bei ebendieser Lazio Rom streckte auch der ehemalige Spieler Paolo di Canio ab und zu den Arm aus – eine Geste, die ihm allerdings nicht das Ende seiner Karriere einbrachte. Di Canio kam mit einer Spielsperre und 7000 Euro Busse davon. Sehr zur Freude seiner Fans, die danach T-Shirts mit dem Bild vor den Stadien verkauften. Immerhin tat er nicht so, als wüsste er von nichts. Vielmehr sei es eine Geste an «seine Leute» gewesen, die die «wahren Werte» noch hochhielten. Er sei ein «Faschist, kein Rassist», meinte er stolz. Was auch immer das heissen mag.

Vor knapp einem Monat wurde di Canio, der inzwischen in England als Trainer arbeitet, von dieser Vergangenheit eingeholt. Als er neu beim AFC Sunderland eingestellt wurde, verliess der Vizepräsident des Vereins angewidert sein Amt – David Miliband, immerhin ehemaliger britischer Aussenminister. Di Canio weigerte sich in diesem Zusammenhang, über seine politischen Ansichten zu sprechen – er sei ja nicht im Parlament, sondern Fussballtrainer.

Eine typische Ausrede. Und so bescheuert, wie sie nur von einem Fussballer kommen kann. Mag sein, dass er in der Öffentlichkeit nicht mehr über seine politischen Ansichten spricht. Allerdings tauchte er vor drei Jahren an der Beerdigung des Faschisten Paolo Signorelli auf. Dort wurde er fotografiert, wie er dem Sarg des Mitglieds der ehemaligen neofaschistischen Partei Italiens (MSI) mit ausgestrecktem Arm die letzte Ehre erwies. Signorelli sass acht Jahre in Haft für seine Verwicklung in den Bombenanschlag in Bologna 1980, bei dem 85 Menschen getötet worden waren.

Und die Fans von Sunderland? Einige protestierten und drohten mit Boykotten. Doch so wie es aussieht, interessiert sich der Grossteil der Fans ebenso wenig für Geschichte wie di Canio oder Katidis. «Bitte bringen wir Religion und Politik nicht in den Fussball», schrieb der 84-jährige George Forster, langjähriger Fan des Vereins und Vorsitzender des Sunderland Supporters Club. Eine erstaunliche Aussage für einen Mann, der den Krieg gegen den Faschismus noch am eigenen Leib erlebt hat. Aber vielleicht sind manche BewohnerInnen eines gefallenen Imperiums einfach besser darin, die Geschichte auszublenden.

Etrit Hasler fragt sich, ob er eines Tages erleben muss, wie ein Fussballer an der Beerdigung von Anders Behring Breivik 
den Arm hochstreckt.

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