Nr. 44/2014 vom 30.10.2014

Die Albaner sind schuld

Etrit Hasler über die Sündenböcke der Nation

Von Etrit Hasler

Verzeihen Sie mir den reisserischen Titel, aber so was wird immer gelesen, sei es, weil man auf der Suche nach Argumenten ist, um seine Vorurteile über das «niedere Volk» (PR-Spinner Fidel Stöhlker) zu zementieren, oder auch einfach, weil man sich wundert, an welcher Bagatelle der ganz gewöhnliche Fremdenhass sich nun wieder zu entzünden vermag. Wobei es vor allem die erste Kategorie wäre, welche eine regelmässige WOZ-Lektüre ungeheuer nötig hätte, denn Rassismus ist heilbar.

Aber gerade wir FreundInnen des ungepflegten Albanerbashings sind in den letzten Wochen durchaus mit einigen Perlen verwöhnt worden. Zugegeben: Dass das Qualifikationsspiel zur Fussballeuropameisterschaft zwischen Serbien und Albanien abgebrochen werden musste, war eine unschöne Geschichte. Nachdem zuerst eine Drohne (als ich Kind war, hiess das noch ferngesteuerter Helikopter) mit einer grossalbanischen Fahne über das Spielfeld schwebte, stürmten serbische Fans (albanische Fans waren aus Sicherheitsgründen gar nicht zugelassen) das Spielfeld und attackierten die albanischen Spieler.

Der Chor der Empörung war gross: In den Kommentarspalten und Zeitungen forderte der mediale Stammtisch drakonische Strafen gegen beide Verbände und Mannschaften oder gar den Ausschluss von internationalen Wettbewerben. Nun, genau damit hatte Uefa-Chef Michel Platini gedroht, nachdem serbische Hooligans den Abbruch einer Partie zwischen Serbien und Italien verursacht hatten – gegen die Albaner stand eine solche Strafe bisher noch nie im Raum. Trotzdem bestrafte die Uefa jetzt beide Verbände – den albanischen Verband sogar härter, da die Partie als 3:0-Forfaitsieg für Serbien gewertet wurde. Und obwohl die Serben drei Strafpunkte erhielten, bleiben die drei fiktiven Gegentore in der Wertung, was die albanische Mannschaft in der Qualifikation herb zurückwirft. Interessanterweise waren die Albaner aber nicht wegen der Drohne bestraft worden, sondern weil sie sich geweigert hatten, nach den tätlichen Angriffen das Feld wieder zu betreten – eine durchaus verständliche Reaktion für Menschen, die auf körperliche Unversehrtheit angewiesen sind, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Zusätzliches Öl ins Feuer goss in der Woche nach dem Spiel noch die Sonderzeitschrift für populär gestreute Empörung, der «Blick», indem er eine Geste des albanischen Nationalspielers Taulant Xhaka zum rechtsextremen Gruss hochstilisierte. Sportchef Felix Bingesser konstruierte einen Vergleich mit Paolo Di Canios «Römergruss» der italienischen FaschistInnen und einen frei erfundenen Zusammenhang mit dem Nationalspiel. Weil aber das ohnehin schon tendenziös aus dem Kontext gerissene Bildmaterial einfach nicht nach Faschistengruss aussah, suchte das Blatt verzweifelt andere Anknüpfungspunkte – wobei es irgendwann beim Zogistengruss der albanischen Monarchie landete. Was bei den meisten AlbanerInnen für herzhafte Lachanfälle gesorgt haben dürfte.

So auch bei mir. Als ich von «Blick Online» angefragt wurde, den Gruss einzuordnen, verortete ich die «Hand aufs Herz und danach wegstrecken»-Geste irgendwo zwischen Hip-Hop und den zwei Oppossums aus «Ice Age». Das war dem «Blick» anscheinend zu relativierend – das Zitat wurde nach ein paar Stunden wieder entfernt. Übrigens: Die Disziplinarkommission der Fussballliga leitete gegen Xhaka ein Verfahren ein – das nach ein paar Tagen schon wieder eingestellt wurde. Was der «Blick» dann nicht mehr vermeldete.

Aber natürlich: Die Albaner sind trotzdem irgendwie schuld. Wenn die Schweizer Nationalmannschaft schlecht spielt, ist es Shaqiri, der vom Fernsehen angeschnödet wird, weil er zu häufig die Hände verwirft. Und spätestens, wenn nächstes Jahr der Wahlkampf läuft, werden wir sowieso wieder an allem schuld sein, vom Dichtestress bis zum schlechten Sommer.

Etrit Hasler ist bekennender Halbaner und nicht unglücklich darüber, dass seine Rolle als Experte für AlbanerInnenfragen beim «Blick» nur ein paar Stunden anhielt.

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