Nr. 17/2013 vom 25.04.2013

AnwältInnen und Geissen als Vorbilder

Sie tritt gegen den umstrittenen Berner Regierungsstatthalter an: Simone Rebmann, direkt, aber nicht autoritär, ehemals Landwirtin aus einer Arbeiterfamilie, jetzt Anwältin und Grundrechtsaktivistin.

Von Jan JirátMail an AutorIn (Text) und Tanja Buchser (Foto)

Simone Rebmann, die als Berner Regierungsstatthalterin kandidiert: «Ich stelle mir das Amt ein bisschen wie einen Gemischtwarenladen vor.

Christoph Lerch hatte unpopuläre Entscheidungen gefällt: Nachtclubs mussten schliessen, das Kulturzentrum Reitschule strenge Auflagen erfüllen. «Figg di Herr Lerch», schrieben wütende Jugendliche letzten Frühling an Berns Wände.

Dennoch blickte der bisherige kantonale Regierungsstatthalter für die Stadt Bern und Umgebung einer stillen Wiederwahl entgegen. Dann tauchte in allerletzter Minute Simone Rebmann auf und reichte ihre Gegenkandidatur ein. Der Sozialdemokrat Lerch sieht sich nun einer Konkurrentin aus dem linksalternativen Lager gegenüber: Rebmann ist Mitglied der Grünen Partei Bern – Demokratische Alternative (GPB-DA), portiert wird sie auch von der Alternativen Linken und der Jungen 
Alternative.

«Ich will bei dir anfangen!»

Der Weg auf die politische Bühne verlief für die 44-jährige Juristin, die zurzeit für die Anwaltsprüfung büffelt, keineswegs geradlinig. «Ich habe erst mit sechzehn Jahren realisiert, dass es mehr Zeitungen gibt als den ‹Blick›», sagt sie lachend. Sie sei in einfachen, nicht akademischen Verhältnissen aufgewachsen. Politik war nie ein Thema zu Hause am Esstisch. Rebmann zog es in jungen Jahren in die Natur. Sie brach das Gymnasium ab, um in der Landwirtschaft «mit den Händen» zu arbeiten. Zuerst half sie auf Bauernhöfen aus, danach bewirtschaftete sie zwölf Sommer lang Alpen im Lauterbrunnental im Berner Oberland. Am meisten Freude hatte sie an den Geissen. «Es war zwar anstrengend, weil die überall hinaufklettern, aber mir gefiel es, dass sie einen eigenen Grind haben.» Den Winter über hat sie auf Bauernhöfen im Tal Stellvertretungen übernommen, geputzt oder im Service gearbeitet.

Mit Anfang dreissig sei dann auf einmal die Frage aufgetaucht, wo sie in zehn Jahren stehen werde. Rebmann holte die Matura nach und studierte anschliessend Jura in Fribourg und Bern. Nach dem Studium sass sie im Vorstand der Demokratischen JuristInnen Bern. Zu einer prägenden Begegnung war es 2002 gekommen. Sie verteidigte damals einen wegen Landfriedensbruchs angeklagten Mandanten aus der globalisierungskritischen Szene. Im Zug nach Landquart lernte sie Daniele Jenni kennen. Der Berner Anwalt, Politiker und unermüdliche Verteidiger der Grundrechte sollte bis zu seinem plötzlichen Tod 2007 zu Rebmanns wichtigstem beruflichen Förderer werden. «Ich fand das Gespräch mit ihm so anregend, dass ich gleich am nächsten Tag in seine Kanzlei gegangen bin und ihm gesagt habe: ‹Ich will bei dir anfangen!›» Zwei Wochen später nahm sie ihre Arbeit in der Kanzlei auf. Das zeichnet Rebmann aus: eine Direktheit ohne autoritären Gestus, die in der Schweizer Beamten- und Politikerinnenwelt selten ist.

Ein Regierungsstatthalteramt kennen längst nicht alle Kantone. In Bern vertreten die insgesamt zehn StatthalterInnen die Kantonsregierung in den jeweiligen Verwaltungskreisen. Falls Simone Rebmann am 9. Juni gewählt wird, würde die Überwachung der Arbeit der Gemeindeverwaltungen zu ihren Hauptaufgaben gehören. «Ich stelle es mir ein bisschen vor wie in einem Gemischtwarenladen», sagt Rebmann.

Vor rund einem Jahr ist das wenig schlagzeilenträchtige Amt weit über Bern hinaus ins Rampenlicht gerückt. Es ist nämlich auch die Bewilligungsbehörde im Gastgewerbe. In dieser Funktion verfügte der bisherige Berner Statthalter Christoph Lerch Anfang Mai 2012 aufgrund von Lärmklagen unter anderem, dass auf dem Vorplatz der Reitschule ab halb ein Uhr nachts Schluss sein muss mit Feiern. Die Massnahme stiess auf heftige Kritik. Mehr noch: Anfang Juni versammelten sich in der Berner Innenstadt gegen 20 000 Menschen unter dem Motto «Tanz dich frei». Es war eine schallende Ohrfeige für Lerch, der wenig Fingerspitzengefühl bewiesen hatte.

Zumutbare Nachtruhestörung

«Ich bin der Meinung, dass man den Anwohnern eine gewisse Nachtruhestörung zumuten darf», sagt Rebmann. Sie störe sich daran, dass sich die Innenstadt zu einer sanierten, aufgewerteten Schlafstadt entwickle. «Das Amt erlaubt einen gewissen Ermessensspielraum, den will ich zugunsten der Freiheit der Leute und zugunsten der Kultur- und Gastroszene auslegen – nicht willkürlich, sondern im Dialog mit allen Beteiligten.»

Zurzeit arbeitet Simone Rebmann für eine Zürcher Anwaltskanzlei. Diese Arbeit müsste sie aufgeben, denn das Regierungsstatthalteramt ist ein Vollzeitjob. Eine andere Tätigkeit möchte sie hingegen unbedingt weiterführen: Als Mitglied der Europäischen Vereinigung von JuristInnen für Demokratie und Menschenrechte war sie mehrmals in der Türkei, um dort Prozesse gegen kurdische AnwältInnen zu beobachten. Dabei hat sie auch ihr Vorbild kennengelernt: Margaret Owen, eine bald neunzigjährige britische Menschenrechtsaktivistin und Anwältin. «Sie stellt sich im türkischen Fernsehen vor die Kamera und sagt: ‹Ministerpräsident Erdogan braucht einen Psychiater. Er leidet unter Paranoia, wenn er sich vor ein paar kurdischen Anwälten fürchtet.› Das gefällt mir. Sich hinstellen und sagen, was Sache ist.»

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