«Zürcher Prozesse» : Aufklärung, Provokation, Beschwörung der Geister

Nr.  18 –

Als Steilvorlage für einen gesellschaftspolitischen Diskurs versteht der Autor und Regisseur Milo Rau seine «Zürcher Prozesse» im Theater Neumarkt: ein Diskursformat über medialen Rechtspopulismus mit echten Juristen und real involvierten Akteurinnen. Kann das gut gehen?

Im Zürcher Theater Neumarkt werden die Kulissen für die «Zürcher Prozesse» aufgebaut. Regisseur Milo Rau betreibt letzte Recherchen am Laptop.

Erstmals grösseres internationales Aufsehen erregte Milo Rau, Autor und Regisseur, vor vier Jahren mit dem Reenactment «Die letzten Tage der Ceausescus», in dem er die letzten Stunden des rumänischen Diktators und seiner Frau bis und mit ihrer Hinrichtung nachstellte. In «Hate Radio» (2011) verdichtete er hetzerische Aufrufe zum Mord, poppige Musikansagen und Gespräche im staatlichen ruandischen Radiostudio während des Genozids in Ruanda im Jahr 1994 zu einer szenischen Installation. In «Breiviks Erklärung» lässt er die Rede über den Untergang Europas durch Einwanderung und Multikulturalismus, die der rechtsextremistische Massenmörder Anders Behring Breivik vor dem Amtsgericht Oslo gehalten hatte, von der Kaugummi kauenden deutsch-türkischen Schauspielerin Sascha Ö. Soydan lesen. In den «Moskauer Prozessen» legte er in diesem Frühjahr Prozesse unter dem Putin-Regime gegen KünstlerInnen (wie die Mitglieder der Frauenpunkband Pussy Riot) neu auf. Und nun, in einer Art Gerichtssaal im Zürcher Theater Neumarkt, realisiert der 36-Jährige einen Prozess gegen die «Weltwoche».

Längst ist Rau in der internationalen Theaterlandschaft ein Begriff. Seine Medienpräsenz ist spätestens seit den «Moskauer Prozessen» überwältigend. An Raus Arbeiten scheiden sich die Geister. Zu tun hat das damit, dass er sich immer weniger damit begnügt, politisch aufgeladene Stoffe zu dokumentieren. Rau macht längst kein Dokumentartheater mehr. In den letzten Jahren greift er noch direkter in die politische Realität ein.

Wie schon in Moskau casteten Milo Rau und seine MitarbeiterInnen auch für «Die Zürcher Prozesse» reale Anwälte und Expertinnen und baten sie, anhand von Materialien, die sie ihnen zur Verfügung stellten, eine Anklage respektive eine Verteidigungsstrategie zu entwickeln. Bei den «Zürcher Prozessen» handelt es sich um ein aus verschiedenen Prozessordnungen zusammengesetztes Diskursformat, aus Schweizer Prozessordnungen und Prozessen mit LaienrichterInnen, wie man sie aus den USA kennt. Das Ganze dauert vierzehn Stunden während dreier aufeinanderfolgender Tage – und endet mit der Verkündung des Urteils, das sieben Geschworene fällen werden.

Was treibt diesen Mann? Woher nimmt Rau diese obsessive Energie? Ist es Wut? Das Bedürfnis nach Gerechtigkeit? Der unbedingte Drang zur Aufklärung? Provokationslust? Und: Wie hält er all das aus?

«Milo Rau befolgt nur das elfte Gebot: Du sollst dir vom Bösen ein Bild machen», schrieb die NZZ zu seiner Arbeit. Natürlich ist diese Diagnose zu simpel. So einfach herauszufinden ist das nicht. Auch nicht in mehreren Gesprächen. Sobald es zur Sache geht, scheint auch in Milo Rau ein Programm zu wechseln. Dieser Vorgang geschieht fliessend, fast unmerklich – gerade darum ist er so bemerkenswert.

WOZ: Milo Rau, letzthin sagten Sie, dass Sie die «Weltwoche» selbst, um die sich in den «Zürcher Prozessen» ja alles dreht, nur als Vorwand interessiert, als Anlass. Wofür?
Milo Rau: Um die Akteure in diesen Diskursen, die sich in dieser Zeitschrift Woche für Woche kristallisieren, genauer zu verstehen: Was ist Phantasma, was ist real? In Moskau zum Beispiel ist durch einen solchen Prozess transparent geworden, was hinter dem Vorwurf der «Verletzung der Gefühle von Gläubigen» steht, den man den Künstlerinnen gemacht hat: ein abgrundtiefer Kulturkampf. Nun ist in Moskau alles viel politisierter und angespannter als in der Schweiz, wo weitgehend Konsensualismus herrscht. Doch auch hier geht es um die Herstellung von Transparenz: Gibt es wirklich massenhaft ausländische Sozialhilfebetrüger? Wird die Schweiz tatsächlich schwulisiert und von einer korrupten Classe politique an Europa verkauft? Die führenden Köpfe der «Weltwoche» agieren ja aus einem Ideal der Stärke heraus, aus diesem Herosbild des Freischärlers. Die Motivation dahinter ist immer die gleiche: diesen Staat, der «die Schweiz» okkupiert hat, anzugreifen, konkret zum Beispiel das Sozialamt. Effektiv aber bleibt bei diesen Angriffen nicht primär der Staat auf der Strecke – sondern die sozial Schwachen, die Roma, die muslimische Minderheit und so weiter.

Könnte man Ihnen nicht den Vorwurf machen, dass Sie mit einem solchen nicht realjuristischen Prozess einen realjuristischen vorwegnehmen – und also schon von vornherein verunmöglichen?
Es gab ja schon einige Versuche, der Zeitschrift einen Prozess zu machen. Doch weiter als bis zum Presserat hat man es nicht geschafft. Wohl deshalb, weil in der Schweiz die Meinungsfreiheit sehr hoch eingestuft wird – im Guten wie im Schlechten. In den meisten europäischen Ländern wäre eine solche Zeitschrift gesetzlich nur schwer denkbar.

Es geht Ihnen also nicht um ein rechtsgültiges Urteil, sondern darum zu beweisen, was für eine Wirklichkeit sich hinter dem rechtspopulistischen Geraune versteckt? Oder präziser: mit welcher Methode von dieser Wirklichkeit abgelenkt wird?
Nein, ich will nichts beweisen, das ich schon von vornherein wissen würde. Das ist der Unterschied zwischen einem Schauprozess und den «Zürcher Prozessen». Zu diesem Format gehört, dass ich wohl mindestens zur Hälfte das Gegenteil beweise von dem, was ich selber denke. Ich arbeite also gegen meine eigene politische Meinung, wenn ich Leute einlade, von denen ich weiss, dass sie ihre Meinung sehr geschickt vertreten werden.

Rau und sein Team konnten für die «Zürcher Prozesse» ein grosses Ensemble verpflichten: Da ist etwa Valentin Landmann, der bekannte Milieuanwalt, der die «Weltwoche» verteidigen wird; ihm gegenüber auf der Anklageseite Anwalt Marc Spescha, Präsident des Arbeiterhilfswerks SAH Zürich und Experte für Migrationsrecht in der Schweiz; als Richterin fungiert die Sachbuchverlegerin Anne Rüffer, Jurymitglied des Alternativen Nobelpreises; als Experten der Anklage und der Verteidigung stehen sich der Wiener Schriftsteller Robert Misik und der Zürcher SVP-Kantonsrat Claudio Zanetti gegenüber. Auch die Liste der Zeuginnen respektive Experten ist fulminant: Es werden sich Persönlichkeiten wie Nicolas Blancho (Präsident Islamischer Zentralrat Schweiz), Yvette Estermann (SVP-Nationalrätin), Michel Friedman (Fernsehmoderator und ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland), Kurt Imhof (Soziologe), Amira Hafner-al-Jabaji (Islamwissenschaftlerin), Filippo Leutenegger (Medienunternehmer und FDP-Nationalrat), Regula Stämpfli (Politologin), Ulrich Schlüer (Verleger und Chefredaktor der «Schweizerzeit»), Cédric Wermuth (SP-Nationalrat) oder Constantin Seibt (Reporter «Tages-Anzeiger») die Klinke in die Hand geben. Von der «Weltwoche» selbst ist, nach diversen Absagen, nur Redaktor Alex Baur offiziell anwesend.

Diese fast schon einmalige personelle Konstellation lässt Erwartungen aufkommen: einerseits, dass dabei tatsächlich Einblicke in den real existierenden Rechtspopulismus möglich werden; vielleicht auch, dass anhand der fachkundigen Überprüfung konkreter Texte aus der «Weltwoche» Licht in das Verhältnis von Fakten und Behauptungen gebracht werden könnte, wozu ein realjuristisches Gericht bislang nicht die Gelegenheit hatte, da alle bisher gegen die «Weltwoche» eingereichten Klagen von der Staatsanwaltschaft abgewiesen wurden.

Zugleich ist es aber gerade diese hochprominente Konstellation in diesem hypermedialisierten Kontext, die eine Tiefenschärfe doch eher verunmöglicht. Oder ist es gerade diese Irritation, die Unklarheit der jeweiligen Realitätsebene, die die Qualität eines solchen Prozesses ausmachen könnte: diese in bestimmten Momenten der Verhandlung womöglich kurz aufflammende Rechtsunsicherheit?

WOZ: In den «Zürcher Prozessen» werden Sätze fallen, die, wenngleich im Theatersaal gesprochen, justiziabel sein könnten …
Rau: Alles, was an den «Zürcher Prozessen» gesagt wird, ist öffentlich – und damit rechtlich relevant. Doch selbst wenn jemand eine faschistische Äusserung machen sollte, würde ich mich gegen realrechtliche Konsequenzen wehren. Ich würde vielmehr auf Konsequenzen innerhalb des Prozesses bestehen. Es besteht ja die Möglichkeit des Einspruchs, dem dann hoffentlich auch stattgegeben würde.

Und Sie haben keine Angst, unwillkommene Geister zu beschwören?
Ich mag es, wenn eine unheimliche Atmosphäre entsteht: diese Irritation, wenn es real ist und gleichzeitig in einem völlig artifiziellen Kontext. Wovor ich mich aber fürchte, ist die typisch schweizerische Verleugnungsstrategie. Von rechts wird ja alles Mögliche verleugnet, was längst Fakt ist: Die Schweiz ist nun mal ein Erfolgsmodell – weil sie eben ein Migrationsland ist. Das sagt inzwischen jeder Wirtschaftswissenschaftler. Von links hingegen sieht man die Dinge wohl manchmal etwas zu positiv, man lehnt es ab, auf Probleme der Einwanderung zu fokussieren – meist aus berechtigter Angst vor Sideeffects, vor Anschuldigungen an Leute, die ohnehin ganz unten stehen.

Drei Anklagepunkte werden an den drei Tagen im Neumarkt verhandelt: «Schreckung der Bevölkerung» (Art. 258 StGB) in der ersten Sitzung; «Rassendiskriminierung» (Art. 261bis StGB) in der zweiten und «Gefährdung der verfassungsmässigen Ordnung» (Art. 275 StGB) in der dritten Sitzung. Es werden dabei auch konkrete Texte und Bilder besprochen werden, die zu den bisherigen erfolglosen realjuristischen Klagen geführt haben. So etwa das Cover von Anfang April vergangenen Jahres, auf dem unter dem Foto des vierjährigen, mit einer Spielzeugpistole «bewaffneten» Romajungen Mentor die Schlagzeile stand: «Die Roma kommen. Raubzüge in der Schweiz.» Wie viele Klagen gegen die «Weltwoche» kam auch diese aus dem Ausland. Der Wiener Schriftsteller Robert Misik, der in den «Zürcher Prozessen» als Experte der Anklage fungiert, hat diese Klage mit unterstützt. Wie genau anhand solch konkreter Text- und Bildvorlagen in den «Zürcher Prozessen» argumentiert wird, darauf darf man gespannt sein.

WOZ: Herr Rau, und wenn der Prozess mit einem «Freispruch» endet?
Rau: In Moskau hätte ich es schrecklich gefunden, wenn die Künstlerinnen den Prozess verloren hätten – es kam ja auch nur sehr knapp zu einem Freispruch. In der Schweiz ist es anders: Kommt es zu einem Freispruch, würde sich eben zeigen, dass die Geschworenen die Inhalte der Zeitschrift nicht schlimm genug finden – oder dass sie zwar schlimm sind, aber eben auch stimmen. Denn bei jedem Prozess, und vielleicht bei diesem ganz besonders, gilt die Unschuldsvermutung. Die dritte Begründung für einen Freispruch wäre psychologisch: dass die Anklage zwar Faktenverdrehungen und tendenziöse Berichterstattung nachweisen kann, die Geschworenen aber den imaginären Gehalt dieser Fakten, also die damit symbolisierten Ängste, teilen.

Unzählige Vorgespräche hat Milo Rau geführt: auf der «Weltwoche», mit GegnerInnen der «Weltwoche», mit Anwälten, Politikerinnen und Fundamentalisten verschiedenster Couleur. Und nun richtet er im Neumarkt den Gerichtssaal ein. Längst schon ist er vom Regisseur zum Diskursmoderator mutiert. Fragt sich, in welche Projekte das weiterführen könnte. Und wie ein solcher Versuch, in die politische Debatte einzugreifen, noch zu steigern wäre.