Nr. 20/2013 vom 16.05.2013

Waffen statt Medikamente

In den kurdischen Gebieten im Norden Syriens investiert die syrische Opposition lieber in Waffen als in die Rettung von Menschenleben. Die geplante Aufhebung des EU-Ölembargos wird daran nichts ändern.

Von Andrea Glioti, Ras al-Ayn

Die arabisch-kurdische Stadt Ras al-Ayn (kurdisch: Sere Kaniye) im Nordosten Syriens ist auch ein wichtiger Grenzübergang in die Türkei. Sie wurde im Oktober 2012 von der syrischen Opposition erobert. Im Februar 2013 gerieten in der Stadt mit rund 25 000 EinwohnerInnen die syrische Opposition und die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) aneinander. Letztere sind bewaffnete Einheiten der Partei der Demokratischen Union (PYD), die wiederum der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) nahesteht.

Nach zweiwöchigen Kämpfen wurde ein Waffenstillstand vereinbart, der noch immer anhält. Doch die Lage bleibt explosiv: «Wir halten uns an die Vereinbarung», sagt Major Abul-Butul*, der Kommandant des regionalen Militärrats der Freien Syrischen Arme (FSA) und damit Vertreter der syrischen Opposition. «Aber wir betrachten die Gebiete, die unter der Kontrolle der PYD sind, nicht als befreit.»

Wie die meisten kurdischen Oppositionsparteien verhinderte die PYD den Beschuss durch die Regierungstruppen, indem sie sich von den RebellInnen distanzierte und als Hüterin einer kurdischen Pufferzone dazu beitrug, dass die Türkei die FSA nicht unterstützen konnte. Deshalb geniessen die meisten kurdischen Gebiete Syriens eine De-facto-Autonomie, und die PYD weigert sich kategorisch, die Kontrolle über die Region an die FSA zu übergeben.

Pistole und Erste-Hilfe-Kasten

In diesem unsteten Gebiet ist Wael Abu Ahmad einer der wenigen aktiven Ärzte. Er gehört zur arabisch-islamistischen Gruppe Ghorba al-Scham. Zu Beginn der syrischen Rebellion 2011 hatte er eine sichere Anstellung in Russland. Doch er entschied, in Syrien mitzukämpfen und sich in Aleppo um die Verwundeten zu kümmern. «Mit der Pistole in der einen Hand und dem Erste-Hilfe-Kasten in der anderen», sagt Abu Ahmad.

Vor sechs Monaten, als Ras al-Ayn in die Hände der RebellInnen fiel, eröffnete Abu Ahmad in der Stadt seine Klinik: zwei winzige Räume, überall stehen Kartons mit Medikamenten und Kartoffelsäcke. «Vom türkischen Grenzposten erhalten wir angebrochene Medizinpackungen, doch bei etwa einem Viertel davon ist das Verfallsdatum bereits abgelaufen», klagt Abu Ahmad.

Laut dem Arzt gibt es in der Stadt zunehmend Fälle von Hepatitis, weil der Abfall nicht weggeräumt werde – und anderen Krankheiten, da wegen des andauernden Konflikts viele Leichen auf den Strassen liegen blieben. Ein weiteres Problem sei, dass die Menschen in ihren Häusern selbst Heizöl herstellten, was bei vielen zu Lungenschäden führe. Und: «Vor drei Monaten starben vierzehn Personen aufgrund ihrer Nierenerkrankung, weil das staatliche Krankenhaus geschlossen und die gesamte Ausrüstung gestohlen wurde.»

Ein Patient schrieb eine Nachricht an die Fassade der Klinik: «Wenn doch jeder Mudschahed für die freie Behandlung ein Kilogramm Weizen geben würde.» Auch Abu Ahmad wirft der FSA vor, dass sie zwar stets verspreche, die Klinik zu unterstützen, die Gewinne, die sie aus dem Verkauf konfiszierter Waren erziele, aber ganz anders einsetze: «Die syrische Opposition beschlagnahmte Ölquellen genauso wie Geflügel und Kühe», sagt der Arzt, «doch wir können uns in der Klinik nicht einmal einen Stromgenerator für 8000 Pfund leisten.» 8000 Syrische Pfund entsprechen rund 105 Franken. «Mit nur tausend Pfund von jedem Kämpfer könnten wir die Klinik gut betreiben, aber die FSA gibt ihr Geld lieber für Zigaretten, Bankette, Autos und Waffen aus.»

«Waffen und Autos sind entscheidend»

Tatsächlich bestätigt FSA-Kommandant Abul-Butul gegenüber der WOZ, dass der FSA-Militärrat nach den Zusammenstössen mit der PYD Weizen im Wert von drei bis vier Millionen Dollar aus den lokalen Silos beschlagnahmte und ins Ausland verkaufte, um an der irakischen und türkischen Grenze Waffen zu erwerben. Für die FSA liegt die Priorität klar beim Nachschub von Kriegsmaterial. «Für die Gesundheitsversorgung braucht es staatliche Strukturen und Unterstützung, wohingegen unsere Möglichkeiten beschränkt sind», sagt Major Abul-Butul verärgert. «Für unsere Aufgaben wiederum sind Waffen und Autos entscheidend. Wir bezahlen dafür aus der eigenen Tasche, und deshalb sind sie für uns derzeit entschieden wichtiger als medizinische Unterstützung.»

Doch die Kritik von Abu Ahmad beinhaltet noch andere Punkte: «Sowohl die Al-Nusra-Front als auch der FSA-Militärrat besitzen Krankenwagen, aber ich darf sie nicht benutzen», sagt der Arzt. «Um in abgelegene Dörfer zu kommen, muss ich ein Motorrad mieten und ohne Schutz hinfahren.»

Die Partner der EU

An den Klinikwänden sind neben Botschaften für die FSA auch YPG-Abzeichen und christliche Symbole zu finden. Abu Ahmad zeigt sie als Beweis dafür, dass er für alle da sei, trotz der islamistischen Ausrichtung seiner Gruppierung Ghorba al-Scham. Auf dem Schlachtfeld gilt dieses Prinzip aber wenig. «Wir haben mehrere Hilfsangebote von den YPG erhalten, aber ich kann sie nicht akzeptieren, weil mich sonst die syrische Opposition beschuldigen würde, ein kurdischer Agent zu sein», sagt Abu Ahmad.

Trotz dieser Situation hat die EU am 22. April beschlossen, das seit September 2011 geltende Ölembargo gegen Syrien aufzuheben – mit dem erklärten Ziel, damit den Aufstand im Land zu unterstützen.

Derzeit sind die Ölfelder zwischen verschiedenen Milizen aufgeteilt, wovon einige nicht zur Nationalen Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte gehören. Deshalb sind die Koalition und ihr militärischer Arm FSA bis auf weiteres gegen die Wiederaufnahme des Ölhandels. «Solange es zwischen den verschiedenen Kräften keine Dialoge um die Kontrolle der Ölquellen gibt, sind wir gegen den Ölverkauf», bestätigt FSA-Kommandant Abul-Butul: «Für den Ölhandel wäre in den befreiten Gebieten eine Übergangsregierung notwendig.»

Ob Übergangsregierung oder nicht: Abu Ahmad übt auch scharfe Kritik an den zukünftigen syrischen Partnern der EU-Ölimporte. «Ich nenne sie die Nationale Koalition von Dieben: Sie haben Millionen aus den Unterstützungsbeiträgen aus Katar, der Türkei und Saudi-Arabien angehäuft, aber wir sehen davon gar nichts», sagt der Arzt. «Ich will nur, dass diejenigen, die die Mudschaheddin ausnutzen, zur Rechenschaft gezogen werden.»

*«Abul-Butul» ist ein Kampfname, der richtige Name ist der Redaktion bekannt.

Aus dem Englischen von Markus Spörndli.

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