Nr. 23/2013 vom 06.06.2013

Angemessene Taktlosigkeit

Von Adrian Riklin

Seit längerem flattert der Begriff «Freiraum» durch die Diskussionen. «Tanz dich frei!», hiess es an der Demonstration in Bern. Doch tönt selbst dieser Slogan nicht, als stünde er für ein neoliberales Selbstverwirklichungsstudio?

Bevor wir über Freiräume reden: Wie überhaupt soll unser Verhältnis zu realen Räumen mit den Entwicklungen in der Mobilität und Telekommunikation Schritt halten? Wie können wir, die wir uns längst auch in virtuellen Räumen bewegen, bei diesem «Verlust an Tuchfühlung», wie es der Schriftsteller Hans Boesch in seinem Essayband «Die sinnliche Stadt» (2001) nannte, einen unmittelbaren, sinnlichen und sozialen Umgang mit und in der realen Umgebung finden?

Nun ist es hierzulande beileibe nicht so, dass es an Angeboten mangeln würde. Was fehlt, sind Räume ohne Kaufzwang, die der breiten Bevölkerung die Möglichkeit geben, Öffentlichkeit physisch zu leben. Das gilt vor allem für Stadtquartiere, grössere Dörfer und kleinere Städte, insbesondere Vorstädte. Es geht also nicht darum, dass eine Kommune soziokulturelle Einrichtungen aus dem Boden stampft oder uns ein Investor fertige Anlagen vor die Füsse knallt, auf denen wir uns gefälligst dem Diktat des Geldgebers zu unterwerfen haben. Es geht darum, dass genug Raum da ist, in und aus dem Leute aus der ganzen Bevölkerung ohne markwirtschaftlichen Zwang Öffentlichkeit gestalten, betreiben und nutzen können.

Dazu gibt es historische Vorlagen: die Allmend etwa, eine Wiese gemeinschaftlichen Eigentums, wie sie vereinzelt noch in ländlichen Gebieten anzutreffen ist. In der Hitze des Standortwettbewerbs haben nun aber viele Gemeinden den öffentlichen Raum zunehmend privatisiert, verteuert und grosse Teile der Bevölkerung an die Ränder gedrängt. Im handelsüblichen Jargon nennt sich das Aufwertung: Die Gestaltung ganzer Stadtteile, wie des Novartis-Campus in Basel, wird von Privatunternehmen diktiert. Die Folgen sind grotesk: Altstädte, in denen sich an einem kühlen Werktagsabend kaum ein Mensch auf die Strasse verirrt – derweil sie sich an Grossevents in pseudoöffentliche «Erlebniskulissen» verwandeln, in denen man Schritt für Schritt einem sogenannten Sponsor zudient. Die ideale Bewohnerin einer solchen Stadt sieht aus wie eine Touristin: ohne persönlichen Bezug zum Quartier, ohne Gedanken, sich an der Gestaltung dieser Stadt zu beteiligen. Die Stadt als Benutzeroberfläche.

Wie lässt sich «Freiraum» als gemeingesellschaftlicher Begriff zurückerobern? Zunächst: indem genügend Räume von privatem Eigentum erlöst und der Allgemeinheit zurückgegeben werden – zeitgenössische Allmenden, auf denen sich Jung und Alt austauscht, zusammen etwas auf die Beine stellt, Sorge trägt und das eine oder andere Pferd stehlen kann; Gebäude, in denen Menschen ohne viel Geld neue Sachen ausprobieren und spektakulär scheitern dürfen. In solchen Brachen erst keimt kreative Stadt- und Dorfentwicklung. So manches Tourismusbüro wird Jahre später potenziellen BesucherInnen mit den Errungenschaften, die daraus entstanden sind, das Blaue vom Himmel verheissen.

Solcher Gestaltungs- und Spielraum lässt sich weder reglementarisch festschreiben noch pädagogisch verordnen. So müssten zum Beispiel auch bei Interessenkonflikten in einem Quartier nicht sogleich die Behörden eingeschaltet werden. Auch hierfür gäbe es Modelle, in denen zunächst zivile Personen vermitteln, die von den involvierten Gruppen gleichermassen gewählt und akzeptiert sind.

Die Frage, wo der Freiraum der Nachbarin beginnen könnte, ist genauso wichtig wie die, wie weit der eigene reichen darf. Wenn nun aber in einer Stadt wie gerade Bern der Raum, in dem man sich noch annähernd undiktiert benehmen kann, auf ein Minimum schrumpft, dann ist es an der Zeit, diesen Raum kollektiv zu ertanzen – wenn nötig mit angemessener Taktlosigkeit. Dieser Raum aber, wenn man ihn denn ertanzt hat, soll offen bleiben – ohne Schloss und Riegel. So, wie es die BesetzerInnen der Binz in Zürich bis zu ihrem erzwungenen Abzug vor wenigen Tagen vorgemacht haben. Selbstverwirklichung kann auch gemeinnützig sein.

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