Nr. 28/2013 vom 11.07.2013

Vom hellen Traum der Wiederholungen

Die Musik von Simeon ten Holt ist – zumindest in der Schweiz – noch immer ein ungehobener Schatz. Der am 25. November 2012 verstorbene Holländer steht in einer Reihe mit den grossen Minimal-Music-Komponisten.

Von Thomas Meyer

Eine Art Begleitbewegung im Fünfermetrum ist zunächst zu hören, b-Moll und As-Dur im Wechsel, beharrlich wiederholt. Wir befinden uns in einer repetitiven Musik. Allmählich erst schleicht sich leise ein fein dissonierender Ton ein, der sich bald auflöst; die Bewegungen vervielfachen sich, legen sich übereinander, ergeben ein Geflecht von Figuren, die sich rhythmisch sanft verwirren und wieder entflechten. Schon sind wir mittendrin in einem musikalischen Ablauf, einfach und doch vielgestaltig, der über Stunden hinweg weiterführen wird.

So beginnt «Canto Ostinato», komponiert von 1976 bis 1979, ein Stück für Tasteninstrumente, idealerweise zwei bis vier Klaviere, das je nach Aufführung eine bis vier Stunden oder auch länger dauern kann. Es ist das Schlüsselwerk des Holländers Simeon ten Holt (1923–2012), ein Stück, das mittlerweile in den Niederlanden häufig gespielt wird und von dem es auch etliche Aufnahmen gibt, das aber bei uns immer noch als Geheimtipp gelten muss.

Klangerforschungen im Studio

Für den Komponisten selbst muss es eine Erweckung gewesen sein – oder ein Durchbruch. Lange suchte ten Holt seinen eigenen Weg. Zunächst studierte er in seiner Heimat, dem nordholländischen Bergen, bei Jakob van Domselaer, dann 1949 in Paris bei Arthur Honegger und Darius Milhaud. Er experimentierte mit diversen seriellen Verfahren, komponierte elektronische Musik, ohne dass diese weit über die niederländischen Grenzen hinaus bekannt gewesen wäre. Entsprechend wenig davon ist auf Tonträgern erhalten.

Am Studio für Elektronische Musik in Utrecht hat ten Holt am Klang geforscht und dabei eine ziemlich abstrakte Musik komponiert. Und das empfand er bald als Verarmung. Er suchte weiter. Die Tonalität kehrte zurück, eine «Tonalität nach dem Tod der Tonalität», wie ten Holt im Gespräch sagte. Dann – um 1976 – sprang der entscheidende Funke über, von der Minimal Music des US-Amerikaners Steve Reich. Und daran entzündete sich eine Musiksprache, die ten Holt unmittelbar auf persönliche Weise weiterverarbeiten konnte, zunächst in ebendiesem Jahrhundertstück der repetitiven Musik, dem «Canto Ostinato».

Die Anlage dieses Stücks ist verwandt mit den sich überlagernden Patterns von Steve Reich, die sich in weiten Wellenformen entwickeln. Und doch ist ten Holts Musik anders: Sie wirkt weniger abstrakt als die frühen Stücke Reichs, sie orientiert sich eher an Johann Sebastian Bach oder Robert Schumann, arbeitet sich noch intensiver an den Wiederholungen ab, und sie lässt schliesslich Elemente zu, die bei Reich nie vorkamen: Nach etwa einem Drittel Spielzeit, also einer guten Stunde zumeist, scheint dann aus den Repetitionen eine schlichte, eingängige Melodie auf, der Gesang, der Canto, springt gleichsam traumhaft hervor, wird wiederholt und verwebt sich alsbald wieder mit den übrigen Figuren.

Das sind Momente von grosser Emotionalität. Simeon ten Holt wollte sie nicht berechnen, er wollte, dass sie sich aus den Wiederholungen heraus wie von selbst, wie improvisiert entwickeln. Und so mochte er es auch nicht, wenn man das Stück einfach schnurgerade durchspielte, sondern er wollte, dass die MusikerInnen aufeinander hören, den Satz wie in einer Improvisation ausdünnen und verstärken und das Werk jedes Mal auf andere Weise gestalten. Tatsächlich macht diese Offenheit einen Reiz seiner Musik aus.

Aufführungen in Bahnhöfen

Die ersten Aufführungen fanden in Bahnhöfen statt, ten Holt liebte das Experiment dabei, den sozialen Aspekt. Es ist kein Zufall, dass er in einer seiner frühen Klavierbagatellen von 1954 Hanns Eislers «Solidaritätslied» verarbeitete. Dem Sozialismus fühlte er sich verpflichtet. Und diese Gemeinsamkeit sollte sich auch im musikalischen Prozess ausdrücken: im Zusammenspielen und Aufeinanderhören. Eine Aufführung müsse reifen, sie sei Resultat eines Prozesses, der sich spontan äussere, sagte er mir im Gespräch. Jedes Mal sollten andere Aspekte der Musik hervortreten: in der Dynamik, in der Phrasierung und den Akzenten, im Zusammenspiel der Linien. Die Notation sei bei aller Genauigkeit offen. Wichtig waren ten Holt dabei aber auch die Sinnlichkeit und die Körperlichkeit des Spielens. Über die Finger, das Berühren der Tasten, gelangte er auch wieder zu einem anderen Punkt des Musizierens.

In weiteren Werken, häufig wiederum für mehrere Tasteninstrumente, hat er dieses Verfahren weiter austariert: in «Horizon», «Lemniscaat» und «Meandres» etwa. Daneben entstanden Solowerke und Kammermusikstücke. Und allmählich stiess diese Musik auch auf Gehör. Sie ist, wie gesagt, immer noch ein Geheimtipp, aber sie hat in der Welt viele FreundInnen gefunden. Simeon ten Holt reagierte darauf mit aller Bescheidenheit: Es sei ihm schleierhaft, warum die Leute auf seine Musik ansprächen. Er wolle ja nicht den Geheimnisvollen spielen, aber er bekomme Telefonanrufe: Seine Musik mache die Menschen zufrieden. «Ja, das ist schön, aber ich verstehe es nicht ganz.»

Einige CDs mit Musik von Simeon ten Holt: «Highlights» (11 CDs), Composer’s Voice Special. «Canto Ostinato», Etcetera (3 CDs; vier Klaviere), oder «Canto Ostinato», Etcetera (1 CD; 
zwei Klaviere). www.simeontenholt.com

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