Nr. 32/2013 vom 08.08.2013

Einfach das Leben, nicht mehr, nicht weniger

Besessen dokumentiert der französische Filmemacher Michel Auder seit über vierzig Jahren sein Leben und das alltägliche Geschehen in seiner Umgebung.

Von Edith Krebs

Michel Auder? Nie gehört? Das will, wie so oft, gar nichts heissen. 1945 geboren, also inzwischen 68 Jahre alt, erlebt der Filmemacher in den letzten Jahren ein Revival, fast könnte man sagen: Er wird – zumindest im Kunstkontext – gerade erst entdeckt. Ob dies in erster Linie seinem originären Werk zu verdanken ist oder einem allgemeinen Hype für die siebziger Jahre, ist schwer zu entscheiden.

Auder wurde in seiner Frühzeit mitten in die avantgardistischen Strömungen seiner Zeit gespült. Als er siebzehnjährig zum ersten Mal nach New York fuhr (wo er sich einige Jahre später niederliess), landete er mitten in Andy Warhols Factory, wo ein ebenso inzestuöses wie kreatives Klima herrschte. Hier lernte er seine spätere Frau Viva kennen, die als eine von Warhols «Superstars» in etlichen von dessen Filmen eine Hauptrolle spielte. In den Aufbruchsjahren nach 1968 kam er mit dem Collectif Zanzibar in Kontakt, insbesondere mit dem damals radikalen Filmemacher Philippe Garrel. Auch Jean-Luc Godard, einer der Hauptvertreter der Nouvelle Vague, wurde von Auder als Vorbild bezeichnet. Von 1984 bis 1999 war Auder mit der Fotokünstlerin Cindy Sherman verheiratet. Mit Jonas Mekas, Pionier des amerikanischen Avantgardefilms, ist er seit Jahrzehnten freundschaftlich verbunden – und dem Werk des gut zwanzig Jahre älteren Kollegen hat Auder wohl viel zu verdanken.

Ein «ungebildeter Anthropologe»

Trotz dieses illustren Netzes zählt Michel Auder nicht zur intellektuellen Avantgarde. Formale Experimente sind ihm ebenso fremd wie eine theoretische Kontextualisierung seiner Filme. Vielmehr nimmt er mit weit ausgefahrenen Antennen den Zeitgeist auf und setzt diesen sehr direkt um. Auder selbst sieht sich jedenfalls als «ungebildeten Anthropologen», der mit seinen Filmen die schönen und grausamen Seiten des alltäglichen Lebens zeigen wolle.

In «Talking Head» (1981) sehen wir Auders damals etwa siebenjährige Tochter einen Monolog führen: Sehr konzentriert und in ihre eigene Welt versunken erzählt sie wiederholt von einem «Ding», das einmal da war und dann wieder weg. Während der ganzen Szene reibt sie einen Plastikgegenstand in den Händen, der mit der Geschichte aber nichts zu tun haben scheint. Solch alltägliche Ereignisse, die wie in diesem Fall sehr viel Poesie ausstrahlen können, sind für Auders Filme und Videos kennzeichnend, auch wenn er diese immer intensiv nachbearbeitet und mit eigenwilligen Soundtracks versieht.

Das gilt auch für «Chronicles: Morocco» von 1971/72, die früheste der in einer Zusammenstellung in Basel gezeigten Arbeiten. Während eines mehrmonatigen Marokkoaufenthalts hält der Filmemacher anfänglich Landschaften, Stadtaufnahmen und Menschen im Bild fest. Als ihn ein junger Mann fragt, ob er am Film mitwirken dürfe, geht Auder auf das Angebot ein. Offensichtlich findet der Protagonist Gefallen daran, sich vor der Kamera zu produzieren: So sammelt er – als selbst ernannter Sindbad der Seefahrer – auf einem abgelegenen Feld Vogeleier ein, packt sie in seine weisse Unterhose, um sie dann vergnügt eins nach dem anderen hervorzuklauben und zu verschlingen. Später fängt er einen Vogel, dreht ihm den Hals um, röstet ihn auf einem Feuer, um ihn dann ebenfalls zu verspeisen. Es scheint, dass der Filmemacher Auder nie ins Geschehen eingreift, sondern den jungen Mann einfach gewähren lässt. Das Ergebnis ist ein Film, der sowohl dokumentarische als auch fiktionale Züge trägt.

48 Stunden schlafen

Obwohl sich Auder nicht als politischer Künstler versteht, enthalten seine Filme auch Momente, die durchaus als Zeitkommentar verstanden werden können. So sind die epischen «Roman Variations», 1991 während eines längeren Romaufenthalts entstanden, mit Sequenzen aus dem Fernseher durchsetzt, die die Seichtheit der italienischen TV-Programme mit ihren sexualisierten Moderatorinnen dokumentieren.

Die verschiedenen Stränge von Michel Auders filmischer Dokumentation von «real life» kulminieren in seinem neusten Film mit dem leider arg prätentiösen Titel «Untitled (I Was Looking Back to See if You Were Looking Back at Me to See Me Looking Back at You)» von 2012, in dem er nachts von seinem Atelier aus die gegenüberliegenden Wohngebäude beobachtet. Die Kamera ist auf das nächtliche Geschehen in den Wohnungen gerichtet: Wir sehen Menschen bei ihren alltäglichen Verrichtungen. Sie essen, schauen fern, sie haben Sex, sie schlafen. Einfach das Leben, nicht mehr, nicht weniger.

«The world as I see it», das ist Auders simple Erklärung, warum er seit seiner Jugend nie ohne Kamera unterwegs ist. Ob die Bilder, die er aufnimmt, aus der Realität stammen oder aus irgendwelchen Medien, ist ihm einerlei. Vielleicht geht es ihm ganz einfach darum, seinem Leben einen Sinn zu verleihen, indem er es filmisch festhält, etwa in «48 Hours in 8 Minutes» von 1978, in dem er die Hauptrolle spielt – und hauptsächlich schläft. Und ganz nebenbei ist Auder durch seine Bildbesessenheit zu einem Vorläufer der Facebook- und YouTube-Generation geworden.

«Stories, Myths, Ironies, and Other Songs: Conceived, Directed, Edited, and Produced by 
M. Auder». Kunsthalle Basel. Bis 25. August.

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