Nr. 32/2013 vom 08.08.2013

Intellektuelle Bronx-Kids

Von Stefan Howald

«Jeder Mensch ist ein Intellektueller», hat der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn kürzlich dem Schweizer Fernsehen erklärt. Das ist ein schönes Zitat des italienischen Marxisten Antonio Gramsci. Jeder Mensch ist, um das Leben zu bewältigen, auf geistige, intellektuelle Arbeit angewiesen und auf eine Alltagsphilosophie. Dass wir alle Intellektuelle sind, heisst: Man darf allen etwas zutrauen. Man darf allen auch etwas zumuten.

Das tut Hirschhorn mit seiner jüngsten Installation in New York, dem «Gramsci Monument». Es steht in der Bronx, zwischen Sozialwohnungen. Spanplattenhütten mit Plexiglas enthalten einen Internetcorner, eine Leseecke, eine Bar, einen Vortragsraum, dazu kommt ein kleiner Platz mit Basketballkorb.

Gebaut worden ist das Ganze mithilfe der BewohnerInnen, die es auch betreiben und nutzen. Eine Website dokumentiert die Aktivitäten. Deren Zahl ist beeindruckend. Am meisten wird natürlich der Internetzugang genutzt. Auch Musikveranstaltungen ziehen. Die Vorträge zu zeitgenössischer Philosophie und Kapitalismuskritik finden dagegen, zugestanden, etwas weniger Anklang. Auch vor der Leseecke mit ein paar Kunstbänden und Gramsci-Büchern stehen Jugendliche eher unschlüssig herum.

Das Gramsci-Zitat, nach dem wir alle Intellektuelle sind, hat eine Fortsetzung: «aber nicht alle haben die Funktion von Intellektuellen». Nämlich Lebenshaltungen und Weltanschauungen mitzuformen. Im Hirschhorn-Monument wetteifern Gramsci-SpezialistInnen mit einem lokalen DJ darum.

www.gramsci-monument.com

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