Nr. 33/2013 vom 15.08.2013

Nachruf auf einen Fürsten ohne Land

Der Westschweizer Filmemacher Jean-Stéphane Bron erzählt das Leben von Christoph Blocher. Und kommt zum Schluss: Auch wenn Blocher gestorben ist, wird er immer noch leben.

Von Kaspar Surber

Christoph Blocher fläzt sich auf den Rücksitz seiner Limousine und erzählt von einem turbulenten Wochenende: «Eine wunderbare Übung» habe man geplant, «die erneut die ganze Schweiz schockieren wird, aber einem guten Zweck dient». Mehr will er nicht sagen. Mit der «wunderbaren Übung» im Dezember 2011 kann der Weiterverkauf der «Basler Zeitung» an den Financier Tito Tettamanti gemeint sein oder die Absetzung von Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand. Bei der «Basler Zeitung» will Christoph Blocher nicht der Besitzer sein, bei der Nationalbank-Affäre nicht der Absender.

Wer ist Blocher? Diese Frage will Bron klären, und zwar Blocher gegenüber selbst. Der sagt nämlich, als «Mann der Tat» kenne er sich selbst nicht. Und so nimmt die Engführung ihren Lauf: Jean-Stéphane Bron erklärt als Ich-Erzähler Blocher dessen Leben. Und erklärt den Milliardär und Politiker gleich auch zum Unterbewussten des Landes: Seine Geschichte sei unsere – im Titel «L’Expérience Blocher», Blocher als Erfahrung, klingt es an.

Eingebetteter Kriegsreporter

Bron hat sich als Regisseur von Filmen über demokratische Prozesse einen Namen gemacht: In «Mais im Bundeshuus» (2003) dokumentierte er, wie ein Gesetz über die Gentechnik beschlossen wird. In «Cleveland vs. Wall Street» (2010) ermöglichte er Betrogenen in der US-Immobilienkrise einen fiktiven Prozess gegen Banker. Beide Filme öffneten allein durch ihre Anlage den Blick.

Diesmal will Bron auf Nummer sicher gehen: Er distanziert sich von Blochers Rechtspopulismus und fragt sich, ob er nicht ein Komplize sei, wie er da als «eingebetteter Kriegsreporter» in Blochers Limousine durch den Wahlkampf 2011 fährt. Nach der Parlamentsrecherche und dem Gerichtsprozess jetzt also eine Seelenfahrt.

Das Kinderzimmer in Händen

Der Film führte im Vorfeld zu Aufregung. SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer kritisierte, dass er mit öffentlichen Geldern finanziert werde. Das Bundesamt für Kultur rechtfertigte sich, auch ein Film über Jean Ziegler sei schon unterstützt worden. Unerwähnt blieb, dass das Parlament daraufhin 1995 den Filmkredit um eine Million Franken kürzte. Eine vergnügtere Forderung könnte heute also lauten: eine Million mehr für die Filmförderung, trotz Blocher-Film. Am Dienstag feierte er am Filmfestival Locarno Premiere.

Es lohnt sich durchaus, den Film anzusehen: Die weisse Limousine fährt durchs Land, inszeniert als Kommandozentrale. Vom Rücksitz erteilt Blocher auf zwei Telefonen Befehle. Daneben sitzt Gattin Silvia, sie sagt fast nie etwas, nur einmal übt sie mit Christoph französische Vokabeln, und später wird sie sich aufregen über die Wiederwahl von Eveline Widmer-Schlumpf. Das Vokabelnbüffeln ist eine der besten Szenen, weil sie Blochers Methode deutlich macht: Wörter in die Welt zu setzen, mit grösstmöglicher Provokation, sie ständig zu wiederholen, als Propaganda. Draussen vor den getönten Scheiben ziehen die Wahlplakate mit den Stiefeln vorbei, die vor einer Masseneinwanderung warnen; drinnen sagt Blocher, er überlege sich eine Initiative, um das Asylrecht abzuschaffen: «Das wäre Musik.»

Bron gesteht aus dem Off, mit Wörtern keine Chance zu haben. Er stellt deshalb kaum Fragen, sondern will in die Psyche vordringen. Nun kann man sich über Kinderzimmerpsychologie streiten, aber seine These erscheint plausibel: dass Blocher, Sohn eines verhassten Pfarrers, aufgewachsen neben dem tosenden Rheinfall und nach der Lehre ein Bauer ohne Land, ein zutiefst angstbehafteter Mensch ist. Um zur Ruhe zu kommen, hat er schon als Jugendlicher Bilder von Albert Anker aus Illustrierten ausgeschnitten. Heute hält er, folgert Bron, «das eigene Kinderzimmer in den Händen»: Er präge ein Land, besitze ein Schloss und die grösste Anker-Sammlung. Blocher sagt: «Ich bin wie ein Fürst des Mittelalters.»

Dass er vom Grössenwahn geplagt ist, zeigt sich am Ende des Wahlkampfs, als Blocher ein Lied über «Blochers Seppeli» singt, der im Himmel den Platz des Herrgotts einfordert. Es wirkt überhaupt nicht komisch. Im Gegenteil: Der Mann, der Angst hat und Angst verbreitet, wirkt noch einmal zum Fürchten. Und jeder Pflasterstein in seine Richtung, wie damals beim «Marsch auf Bern», als demokratischer Wurf.

Trotzdem liegt hier die Schwäche des Films: dass er eine Zeit über eine Figur anstatt eine Figur in einer Zeit erzählt. Immerhin gibt es kurze Rückblenden: zur Unterstützung des Apartheidregimes, zum Aufstieg als Börsenspekulant mit der Ems-Chemie, zum nationalistischen Abstimmungskampf gegen den EWR. Ein Fundstück ist eine Ansprache von Martin Ebner, nach der nur DilettantInnen im Shareholder-Value-Denken eine kurzfristige Gewinnmaximierung sehen.

Im Anker-Mausoleum

Blocher erscheint nicht als Politiker, der etwa aus der Nationalbank-Affäre Kapital schlagen will, sondern als allmächtiger Strippenzieher, der noch da sein wird, wenn er gestorben ist, «weil seine Ideen die Gesetze kontaminiert haben». Zum Abschied geleitet Bron Blocher in seine Anker-Sammlung, die wie ein Mausoleum wirkt. Im Ton eines Therapeuten sagt er: «Hier lasse ich Sie nun, als Phantom dieser Geschichte, die sich zu Ende neigt.» Bloss, in der Logik des Films, stecken in diesem Mausoleum alle fest: jene, die Blocher zujubelten, ebenso wie jene, die ihn bekämpften. Den Widerstand scheint es im Film nur wegen Blocher zu geben statt wegen politischer Ideen, die nicht auf Angst bauen.

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