Nr. 33/2013 vom 15.08.2013

In den Abgrund und wieder daraus empor

Ein Konkurs als «Befreiungsschlag»: Was man aus US-amerikanischen Wirtschaftsdramen kennt, soll nun den deutschen Suhrkamp-Verlag retten. Oder geht der legendäre Verlag dabei unter?

Von Stefan Howald

Ein erbarmungsloser Finanzhai, eine böse, unfähige Witwe, düstere BeraterInnen und ein Heer von geldgierigen Anwälten: Der Kampf um das Haus Suhrkamp hätte das Zeug zur Seifenoper. Doch leider steht dabei eines der wichtigsten deutschen Verlagshäuser auf dem Spiel.

Eigentlich dauert die Unruhe bei Suhrkamp schon elf Jahre. Im Oktober 2002 starb Verleger Siegfried Unseld. Er hatte den Verlag 1959 übernommen, nachdem Gründer Peter Suhrkamp verstorben war, und ihn jahrzehntelang als Übervater der deutschsprachigen Literaturszene geprägt. Der Verlag publizierte die Werke von Bertolt Brecht, Hermann Hesse, Max Frisch, Ingeborg Bachmann. Unseld förderte zahlreiche AutorInnen der Gruppe 47. Die regenbogenfarbige «Edition Suhrkamp» nahm der Gesellschaft den Puls. Die «Bibliothek Suhrkamp» veröffentlichte Klassiker der Moderne aus aller Welt, und der Verlag begründete später auch den Boom der lateinamerikanischen Literatur im deutschsprachigen Raum. Die Suhrkamp-Kultur war sprichwörtlich, obwohl sie gegen Ende des letzten Jahrhunderts ihre Monopolstellung verlor.

Die Witwe

Dann, nach Unselds Tod, erklärte sich seine Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz zu dessen Nachfolgerin. Sie hatte ursprünglich als Schauspielerin gewirkt, 1982 als Autorin bei Suhrkamp debütiert und 1990 Unseld geheiratet. Die Übergabe verlief nicht ohne Nebengeräusche. Etliche langjährige MitarbeiterInnen sprangen ab. Auch wichtige Autoren haben den Verlag aus Unzufriedenheit mit der neuen Leitung verlassen: 2004 Martin Walser, 2008 Marcel Reich-Ranicki, 2009 Adolf Muschg, der lange dem Verlagsbeirat angehört hatte. Suhrkamp geriet programmmässig ins Schlingern, hat aber in den letzten Jahren zumindest bei gesellschaftstheoretischen Themen wieder an Profil gewonnen.

Ein existenzgefährdender Konflikt aber begann 2006, als der Financier Hans Barlach vom Schweizer Mäzen Andreas Reinhart 29 Prozent der Suhrkamp GmbH übernahm. Die Reinhart-Dynastie aus Winterthur hatte 1950 die Gründung des Verlags mitfinanziert und 50 Prozent der Genossenschaftsanteile gehalten. 1998 verkaufte Andreas Reinhart 21 Prozent an Unseld, womit dessen Suhrkamp-Familienstiftung die Mehrheit erhielt. 2006 zog sich Reinhart ganz zurück, verkaufte aber nicht an die Familienstiftung und Berkéwicz, sondern an Barlach. Dieser plante, Ulla Berkéwicz zu entmachten, mithilfe eines Konsortiums, zu dem auch Joachim Unseld, Siegfried Unselds Sohn aus erster Ehe, gehörte. Doch dann erwies sich einer seiner Mitstreiter als nicht liquid, Ende 2008 schied auch Unseld junior aus. Mittlerweile geht es um einen Showdown Mann gegen Frau. Die Familienstiftung hält 61 Prozent, Barlachs Medienholding AG Winterthur 39 Prozent. Als Gesellschafter hat Barlach grundsätzlich ein Mitspracherecht, und 2009 handelte er bei einem Waffenstillstand Zusatzrechte aus.

Der Financier

Barlach erklärte von Beginn an, es gehe darum, dass der Verlag mehr Dividenden generiere. Aber er möchte sich wohl auch ein kulturelles Bouquet ans Revers stecken. Bereits kurz nach dem Waffenstillstand brachen erneut juristische Auseinandersetzungen sowie publizistische Schlammschlachten aus, die bis heute andauern.

Im Mai dieses Jahres beantragte der Suhrkamp-Verlag, ein «Insolvenzverfahren in Eigenverantwortung» zu eröffnen. Die Idee dahinter: Der Verlag sollte neu als Aktiengesellschaft gegründet werden. So würde Barlach seine Rechte als Gesellschafter verlieren und zum normalen Minderheitsaktionär zurückgestuft werden. Barlach erklärte daraufhin seine Forderungen an den Verlag freiwillig für «nachrangig»; die Familienstiftung beharrte auf ihrer Forderung, um das Insolvenzverfahren zu erzwingen, worauf Barlach die Stiftung vor Gericht zwingen wollte, ihre Forderungen ebenfalls für «nachrangig» zu erklären … Doch am 6. August hat eine Richterin in Berlin dem Konkursverfahren zugestimmt. Laut der «Welt» hat Geschäftsführer Jonathan Landgrebe eine eidesstattliche Versicherung abgegeben, dass die Banken Suhrkamp keine kurzfristigen Kredite mehr gewähren würden; der Verlag sei ohne Insolvenzverfahren «mit einem Betrag zwischen 4,3 Millionen und 7,8 Millionen Euro überschuldet».

Ein neuer Raider?

Hans Barlach nimmt den jüngsten Entscheid nach aussen gelassen hin. Es sei ihm immer um die Ablösung der Geschäftsführung gegangen, was auch in einer AG möglich sei. Kann sich Berkéwicz als Siegerin fühlen? Nicht ganz. Denn mittlerweile gehen andere Übernahmewillige in Stellung, vor allem Ulrich und Sylvia Ströher, ErbInnen der Haarpflegefirma Wella. Sie haben angeboten, die ausstehenden AutorInnenhonorare zu bezahlen. Berkéwicz scheint deren Avancen eher abgeneigt. Jetzt hat offiziell der Deutsche Taschenbuch-Verlag (DTV) Interesse an einer Übernahme bekundet. Der DTV war 1960 von elf Verlagen zur Verwertung ihrer Bücher im Taschenbuchformat gegründet worden. Mittlerweile gehört er vier Verlagsgruppen und ist in den letzten Jahren profitabel gemacht worden. So setzt er mit 100 MitarbeiterInnen rund 75 Millionen Franken um. Suhrkamp dagegen macht mit 130 Mitarbeitenden bloss einen Jahresumsatz von rund 50 Millionen Franken.

Der DTV ist ein qualitativ hochstehender Verlag. Dass Suhrkamp mit seinem unverwechselbaren Programm darin aufgehen könnte, ist dennoch eine unerträgliche Vorstellung.

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