Nr. 33/2013 vom 15.08.2013

PassivjournalistInnen

Tirza Gautschi über einen geldgierigen Hund.

Von Tirza Gautschi

Junior van de Engelse hat tatsächlich niedliche Schlappohren, ein weiches Näschen und einen treuherzig unterwürfigen Blick, wie ihn vielleicht nur Hunde beherrschen. Und Junior, ein Springerspaniel aus Holland, ist zugleich der neuste PR-Streich der Winterthurer Stadtpolizei. Mitten im empfindlichen Sommerloch wurde die Medienkonferenz angesetzt. Es ist ein historischer Moment: Der erste Geldschnüffler der Schweiz wird dem willigen Publikum präsentiert. Und da es sich bei diesem Schnüffler nicht um einen Roboter, sondern um einen knuffigen Spaniel mit wohlklingendem Namen handelt, ist auch die Pressemeute nicht weit. Nur ein geldschnüffelndes Baby hätte diese Dichte an Kameras und Mikrofonen noch zu übertreffen vermocht.

Allerdings ist Junior mit seinen sieben Lenzen für den altbekannten Jö-Effekt schon fast zu alt. Deshalb haben ihm die gewieften KommunikationsberaterInnen noch drei flauschige Welpen zur Seite gestellt – geführt von jung-dynamischen PolizistInnen. Die Winterthurer Stadträtin Barbara Günthard-Maier (FDP) sorgt für einen Hauch von Lokalprominenz und versucht sich gleich zu Beginn der Veranstaltung in sogenanntem Storytelling. «Stellen Sie sich vor, wenn die Bösen versuchen, den Geldsack unter einer Brücke zu platzieren. Wer wartet da bereits? Unser Junior!»

Heutzutage gehört es scheinbar zum guten Ton, den JournalistInnen bei jeder noch so banalen Veranstaltung eine druckreife Geschichte mit obligatorischem Spannungsbogen zu servieren, wäre es doch zu viel verlangt, müssten sich die Medienschaffenden selbst etwas überlegen. Bevor sich die mit Gipfeli und Kaffee versorgten Geister regen, um eine kritische Frage auszuformulieren, meldet sich am anderen Ende des Raums schon der Schäferhundwelpe Rocky zu Wort. Herzig. Die Kameras schwenken, der Gedanke verpufft.

«Eines Tages hat sich Junior entschieden, ein Passivsuchhund zu sein», erklärte uns sein Herrchen Marco Guanziroli. Das Tier legt sich also vor die Beute, ohne zu bellen, mucksmäuschenstill. So machen es auch die PassivjournalistInnen. Sie setzen sich in die Medienkonferenz, ohne zu fragen, mucksmäuschenstill. Kurz darauf werden wir an die frische Luft gelockt. Und während Junior schnurstracks die versteckten Zwanzigernötli und Euroscheine aufstöbert, führen die BerichterstatterInnen am Rand des Geschehens ebenfalls gehorsam ihre Kunststücke vor. Hastig kritzeln die Kugelschreiber über das Blöckchen, jeder Informationshappen wird gierig verschlungen. Ein Ergebnis jahrelanger PR-Dressur. Dem Dompteur und Kommandanten der Stadtpolizei, Fritz Lehmann, schwillt die uniformierte Brust vor Stolz.

In den nächsten Tagen wird das Publikum von Bildern, Videoaufnahmen und Artikeln über den neuen Winterthurer Geldsuchhund schweizweit überflutet. Kaum ein Medium lässt es sich nehmen, den «nicht zu übertreffenden Superlativ» (Stadträtin Günthard-Maier) zumindest auf der hauseigenen Onlineplattform zu inszenieren. Wer das Grossereignis verpasste, wendet sich dankend an die Schweizerische Depeschenagentur. Deren Meldung unterscheidet sich nur marginal von den anderen Artikeln.

Während die Kommunikationsfachleute der Stadtpolizei den Triumph der PR über den Journalismus feiern, könnten die Medienschaffenden wenigstens reumütig die Köpfe einziehen – mit treuherzigem Blick, wie ihn vielleicht doch nicht nur Hunde beherrschen.

Tirza Gautschi studiert Journalismus und Organisationskommunikation an der 
ZHAW in Winterthur und absolviert zurzeit 
ein Praktikum im Inlandressort der WOZ.

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