Nr. 33/2013 vom 15.08.2013

Mit Spiegeln heilen

Nach der Amputation seines rechten Beins litt Roger Peter an Phantomschmerzen. Als er dem gesunden Bein einen Spiegel vorhielt, verschwand der Schmerz. Wie behandelt man nicht existierende schmerzende Extremitäten?Von Adrian Soller

Von Adrian Soller

Als er erwachte, weil das Narkosemittel langsam seine Wirkung verlor, zuckte sein rechtes Bein. Es war ein Tag im August 2009, als Roger Peter* auf der Intensivstation des Berner Inselspitals seine Bettdecke hob, nach seinem rechten Bein langte – und ins Leere griff. Das Bein, das zuckte, gab es nicht mehr. Die Ärzte hatten es ihm soeben während einer zehnstündigen Operation abgenommen.

Rund 1500 Glieder müssen ÄrztInnen in der Schweiz jährlich amputieren, meist Bein oder Fuss. In siebzig Prozent aller Fälle ist Diabetes die Ursache, immer häufiger aber auch Sportverletzungen. Bei Peter war es eine chronische Erkrankung, die periphere arterielle Verschlusskrankheit. Wegen einer Verkalkung der Arterien kam es bei ihm zu Durchblutungsstörungen. Erst verstopften seine Blutbahnen nur ein wenig, dann immer mehr, schliesslich kam es zum Arterienverschluss. Sein Bein musste weg.

Tausend Nadelstiche

Kaum war Peters Bein nicht mehr, zuckte, juckte und schmerzte es. «Fünfzig bis neunzig Prozent aller Patienten leiden nach einer Amputation an Missempfindungen oder Phantomschmerzen», erklärt Thomas Koller, Physiotherapeut und Fachverantwortlicher Therapie der Rehaklinik Bellikon.

Nach Amputationen nehmen manche PatientInnen ihre fehlenden Körperteile schemenhaft wahr, andere ganz real. Manche spürten ein zu kurzes Bein, andere ein zu langes. «Mein Bein», sagt Peter, «fühlte sich nach der Operation genauso an wie vorher.»

Das Schlimmste für ihn, sagt Peter, sei der Phantomschmerz gewesen. Der ehemalige Lastwagenfahrer ist Schmerzen gewohnt, litt jahrelang an Rückenschmerzen. Doch den Phantomschmerz empfand der 64-Jährige als besonders heftig. «Als ob tausend Nadeln im Bein steckten», erzählt Peter.

Die meisten PatientInnen beschreiben den Schmerz so oder ähnlich: messerstichartig, elektrisierend, brennend – oder eben wie Nadelstiche. Wann der Schmerz zum ersten Mal auftritt, sei unterschiedlich, sagt Thomas Koller. Die einen spüren ihn kurz nach der Operation, die anderen erst Wochen bis Monate danach. Mehr als die Hälfte leidet bis zu fünf Stunden täglich daran, 28 Prozent sogar Tag und Nacht.

Hielten die ÄrztInnen das rätselhafte Schmerzempfinden in den achtziger Jahren noch für psychosomatisch bedingt, vermuten sie heute vor allem physische Ursachen. Als erwiesen gilt, dass die gestutzten Nervenenden an den Amputationsstümpfen vernarben und zu Neuromen auswuchern können. «Diese Knoten aus Nervenenden können Störreize abgeben», erklärt Koller. Doch als Hauptursache für den Schmerz gelte heute eine andere: die Reorganisation des Kortex.

Der Kortex, die Gehirnrinde, funktioniere wie eine Art Landkarte. «Ob Hand, Arm, Bein, Rücken – jeder Körperteil hat auf dieser Karte sein eigenes Areal», sagt Koller. Je gefühlssensibler der Körperteil, desto grösser sein Kortexareal. Die Region für den Mund ist grösser als jene für den Rücken, und die für die Finger ist grösser als jene für den Unterschenkel.

Verliert der Mensch ein Körperteil, passt sich diese Landkarte an. Die Hirnregion, die das amputierte Glied repräsentiert, schrumpft – benachbarte Areale können wachsen. Im Prozess der kortikalen Reorganisation des Gehirns vermutet die Medizin die Hauptursache der Schmerzen. Wieso diese Veränderung der Gehirnareale mit Schmerzen einhergeht, ist noch nicht restlos geklärt. Das Wissen, dass sie Schmerzen verursacht, aber könne die Physiotherapie nutzen, erklärt Koller.

Verschiedene Imaginationstherapien

Die spinnen, dachte sich Roger Peter erst, als ihm die PhysiotherapeutInnen in Bellikon einen Spiegel zwischen Stumpf und gesundes Bein hielten. Er sollte sein intaktes Bein bewegen – und sich auf dessen Spiegelbild konzentrieren. Der Spiegel, hiess es, gaukle dem Hirn vor, dass er noch beide Beine habe.

Nach sechs Wochen Bewegungstraining vor dem Spiegel verschwand Peters Schmerz. Vollständig. Und das, weil die Spiegeltherapie das Kortexareal, das das amputierte Bein repräsentiert, wachsen und die benachbarten Areale wieder schrumpfen liess. «Es kam wieder zu einer kortikalen Reorganisation – und der Schmerz nahm ab», so Koller. «Wir haben», resümiert er zufrieden, «Peters Hirn ausgetrickst.»

Entwickelt hat diese Therapie der amerikanische Neurologe Vilayanur Ramachandran schon 1996. Anerkannt ist die Therapieform in der Schweiz noch nicht so lange. Doch mittlerweile hat sie sich, parallel zu anderen sogenannten Imaginationstherapien, durchgesetzt.

Hierzulande arbeiten ForscherInnen vermehrt auch an computergenerierten Simulationen. Die PatientInnen setzen sich eine 3-D-Brille auf – und bewegen virtuelle Körperteile, die sie in der Realität nicht mehr besitzen. Diese komplexen Techniken, die sonst in Animationsfilmen und Videogames verwendet werden, ergänzen die TherapeutInnen oft mit einfachen mentalen Therapieformen.

Im Bett sollte Peter mit seinen blossen Gedanken ebenjenes Bein bewegen, das es nicht mehr gibt. Rauf, runter, rauf, runter, immer wieder. Allein die Vorstellungskraft helfe oft schon, sagt Koller. Und es diene auch zur Vorbereitung auf klassische Therapien wie Massagen, Bäder, Krankengymnastik oder elektronische Stimulationen.

Imaginationstherapien, klassische oder auch komplementäre Verfahren wie Akupunktur, Hypnose oder Biofeedback: Alle Therapieformen brauchen Zeit. Das Gehirn, sagt Koller, dürfe man nicht überfordern. Beginne man zu früh mit Imaginationstherapien, können Schwindelanfälle oder gar eine Verstärkung der Schmerzen auftreten. Mit der richtigen Vorbereitung und etwas Geduld aber ist die Erfolgsquote hoch. Vor allem bei der Spiegeltherapie: «Jeder Patient, der konzentriert an sich arbeitet, spürt einen Effekt», sagt Koller.

Neben den verschiedenen Therapieformen sei es aber vor allem wichtig, dass die PatientInnen mit amputierten Gliedern ihre Stümpfe möglichst rasch benutzen können. Auch das hilft, die Landkarte im Gehirn neu zu ordnen. Darum gilt: Wer seinen Stumpf einsetzt, leidet weniger oft an Phantomschmerzen. «Je mehr sich der Patient mit seiner Prothese verschmolzen fühlt, desto weniger leidet er an Phantomschmerzen», heisst es in der grössten europäischen Studie zum Thema.

«Ich will, dass die Prothese zu meinem Bein wird», sagt Roger Peter, der auf eine neue Prothese wartet, die besser passen soll. Endlich wolle er wieder trainieren. Sobald er sein Kunstbein hat, will er durch die Strasse vor seinem Haus gehen. Rauf, runter, rauf, runter, immer wieder, rauf, runter, rauf, runter.

*Name geändert.

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