Nr. 34/2013 vom 22.08.2013

Der nette Mörder wohnt vielleicht gleich nebenan

Das Geschäft mit der Wirklichkeit: Seit ein paar Jahren boomt die True-Crime-Literatur in Deutschland, nachdem sie sich in den USA und Britannien seit längerem etabliert hat. Brauchen wir in unsicheren Zeiten mehr Grusel und zugleich mehr Sicherheit?

Von Knud Kohr

Der Täter und sein Anwalt: In einer True-Crime-Verfilmung nach Ferdinand von Schirach scheut der Beschuldigte das Licht der Öffentlichkeit. Still: ZDF

Als Richard Kuklinski im Dezember 1986 festgenommen wird, hat er mutmasslich über hundert Menschen ermordet. Erschossen, erstochen, vergiftet, erschlagen, in die Luft gesprengt. Manchmal beging er seine Taten als Auftragsmörder, manchmal wollte er vorangegangene Morde verbergen, und manchmal handelte er im Jähzorn. Sein erstes Opfer war ein Junge aus seiner Nachbarschaft in New Jersey, wo der dreizehnjährige Richard seinem Opfer auflauerte, um es mit einer Holzstange zu verprügeln. Richard schlug so lange zu, bis der andere sich nicht mehr rührte. Am nächsten Morgen wurde er tot aufgefunden. Zum Zeitpunkt seiner Festnahme war Richard Kuklinski 51 Jahre alt, verheiratet und dreifacher Vater.

Seine freiberufliche Tätigkeit als Finanzberater und Devisenhändler war manchmal etwas halbseiden. Festgenommen oder verurteilt wurde er deswegen allerdings nie. Trotz der Unzahl seiner grausigen Taten konnte kein einziger Augenzeuge eines Mordes gefunden werden. Weil er seine Opfer so lange in Kühltruhen einfror, bis die Ermittlungen eingestellt wurden oder zumindest ein genauer Tatzeitpunkt forensisch nicht mehr ermittelt werden konnte, ging er als «iceman» in die Kriminalgeschichte ein. Ohne Zeugen aber konnte gegen den Massenmörder Kuklinski keine Todesstrafe verhängt werden. Er bekam sechzig Jahre Haft ohne Möglichkeit auf Bewährungsanträge.

Erschienen ist die Geschichte vom Iceman nun in deutscher Übersetzung im Buch «Der Iceman. Die Jagd auf Amerikas brutalsten Killer» im österreichischen Hannibal-Verlag, der neben True Crime auch andere Popkultur wie Biografien von Popstars herausbringt. Geschrieben wurde das Buch vom US-Amerikaner Anthony Bruno. Der seit den Achtzigern erfolgreiche Autor war schon lange fasziniert von True Crime, also der Bearbeitung oder Dokumentation wirklich geschehener Verbrechen. Der Fall Kuklinski bot unvorstellbar grausame und teilweise absurde Verbrechen. Einen Täter mit bürgerlicher Fassade, der viele Jahre lang nicht gestellt werden konnte. Ausserdem war der Fall abgeschlossen. Der für True-Crime-Erfolge notwendige Grusel konnte wirken, ohne dass man sich nachts im eigenen Bett sorgen musste, dass Richard Kuklinski persönlich vorbeischauen würde. Der Iceman war also ein perfekter Fall und wurde 2012 mit Michael Shannon und Winona Ryder in den Hauptrollen bereits verfilmt.

Wie es «wirklich» war

Die True-Crime-Literatur boomt: Nicht nur in den USA, sondern auch im deutschsprachigen Raum ist sie ein grosses Geschäft geworden. Von jeher ist True Crime ein literarisches Genre, das bei Frauen und Männern, unabhängig von deren Bildungsstand, erfolgreich ist. Dabei ist es egal, ob sich die AutorInnen aktuellen oder historischen Fällen widmen.

Der erste deutsche Star des Genres ist der Rechtsanwalt Ferdinand von Schirach, Enkel von NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach. Seine Fallsammlungen «Verbrechen» (2009) und «Schuld» (2010) sowie sein Roman «Der Fall Collini» (2011) wurden über eine Million Mal verkauft und in mehr als dreissig Sprachen übersetzt. Rechtsanwalt Schirach macht sich sein Fachwissen zunutze. Zu jedem Prozess gibt es nämlich eine weitere Geschichte, die der Öffentlichkeit normalerweise verborgen bleibt. Die taktischen Absprachen zwischen Anwältin und Mandant etwa, die zur Prozessstrategie gehören, oder auch die Absprachen und nicht öffentlichen Besprechungen zwischen Richterinnen und Anwälten. Die können Hintergründe eines Verbrechens zutage bringen, die vor Gericht niemals besprochen werden. Die LeserInnen der Bücher beziehen ihre Spannung also auch aus dem Gefühl, dass sie mit dem Kauf des Buchs geheimes Wissen darüber erwerben, wie es «wirklich» war.

Wie gross die Delle ist, die nebenbei der Glaube an Justiz und Rechtsstaatlichkeit durch Schirachs Erzählweise bekommt, müssen Autor und Leserschaft letztlich mit sich selbst ausmachen. Die Schirach-Methode hat eine nicht zu bestreitende Schwachstelle: Natürlich ist der Autor an die Schweigepflicht seines Berufs gebunden. Die sicherste Aussage, die man also über seine Erzählungen machen kann, ist die, dass sie genau so garantiert nicht stattgefunden haben.

«Ich arbeite direkt an der Front»

Und doch ist es gerade das, was die Faszination des Genres ausmacht: dass dieses Verbrechen tatsächlich geschehen ist und dass uns ein Insider davon erzählt. Damit werben auch die Verlage. Beinahe wöchentlich erscheinen in deutschsprachigen Verlagen mittlerweile True-Crime-Bücher, die oftmals Schirachs Titel bis hin zum Coverdesign kopieren. Dass die Ware unter diesem Druck nicht immer gleich gut sein kann, liegt auf der Hand.

«Ich arbeite direkt an der Front und habe viele Facetten und Abgründe menschlicher Verhaltensweisen kennengelernt», prahlt Polizist Toni Feller («Das Gesicht des Todes») mit seinem Insiderwissen. Seine «authentischen Mordfälle» wurden letztes Jahr vom Heyne-Verlag in der vierten Auflage ausgeliefert. «Die Wirklichkeit ist packender als jeder Krimi.» So warb derselbe Verlag bereits 2011 für den Titel «Abgründe. Wenn aus Menschen Mörder werden» des «legendären Mordermittlers» Josef Wilfling. Den wahrscheinlich kurz zuvor auch bei Heyne niemand gekannt haben dürfte. Aber weil jedem klar ist, dass der Erfolg in kurzer Zeit in sich zusammenbrechen kann, wird bis dahin alles an Fällen nachgeschoben, was in Hörweite eines Autors passiert ist.

Wurde in Deutschland die True-Crime-Literatur erst vor ein paar Jahren für eine breite Masse interessant, so hat das deutsche Fernsehen das Geschäft mit dem echten Verbrechen schon vor Jahrzehnten entdeckt: Eduard Zimmermanns «Aktenzeichen XY» startete 1967 und wurde binnen kurzer Zeit auch viele Jahre lang vom Schweizer und vom österreichischen Fernsehen übernommen. «Aktenzeichen XY» liefert bis heute Quoten, die seine Nachahmer auf der ganzen Welt (etwa «America’s Most Wanted») deutlich auf die Plätze verweisen.

Diese deutschen True Crimes präsentierten Fälle, die noch nicht gelöst waren. Da der Umgang mit den historischen Verbrechen des NS-Regimes noch nicht einmal angegangen worden war, konzentrierte man sich auf «alltägliche» Verbrechen. Der Mörder konnte also plötzlich vor der Tür stehen. Oder wohnte sowieso nebenan. Hinzu kam, dass bei «Aktenzeichen XY» den Zuschauenden eine aktive Mitarbeit angeboten wurde – ein denunziatorisches Element schwang wohl auch mit. In dieser Atmosphäre wurde selbst der brave Schweizer Komoderator Konrad Tönz zu einer Kultfigur, nach der in Berlin-Kreuzberg ein Nachtclub benannt wurde.

Geburtsland des True Crime ist England. Dies zeigte die US-amerikanische Autorin und Essayistin Joyce Carol Oates vor einiger Zeit in einem Essay. Nach einigen Vorläufern in Frankreich, aber auch in Deutschland mit den sogenannten Pitavals, Sammlungen von wirklichen Verbrechen, wurde das eigentliche Genre im späten 19. Jahrhundert in England geschaffen.

Warum gerade jetzt?

1889 begann ein späterer schottischer Rechtsanwalt und Amateurkriminologe namens William Roughead im Alter von neunzehn Jahren, Berichte über die das grösste Aufsehen erregenden Mordfälle am High Court of Justiciary in Edinburg zu schreiben. Über sechs Jahrzehnte lang verfasste er zunächst Artikel, später auch etliche Bücher über die zahllosen Fälle, bei denen er anwesend gewesen war. Neben seiner eigenen Tätigkeit beriet Roughead zwanzig Jahre lang Arthur Conan Doyle und andere Krimiautoren in juristischen Fachfragen.

Laut Joyce Carol Oates würde es das True-Crime-Genre ohne die jahrzehntelange Pionierarbeit des Schotten in seiner heutigen Form nicht geben: «Rougheads Einfluss war enorm, und seit seinem Wirken wurde True Crime ein bevölkertes, erfolgreiches literarisches Feld. Roughead, der von Henry James bewundert wurde, kombinierte in seinem Schreiben Intelligenz mit geistreicher Skepsis, und er hatte ein Flair für altertümliches Geschichtenerzählen und Moralisieren; seine Berichte über Mordfälle und Gerichtsverhandlungen haben die Stärke, prägnant und zugespitzt zu sein wie Volksmärchen.»

Warum der Boom der True-Crime-Literatur im deutschsprachigen Raum jetzt eingesetzt hat – während True Crime in England und in den USA schon seit Jahrzehnten ein eigenständiges und erfolgreiches Segment des Buchhandels darstellt –, ist nicht vollständig zu klären. Vielleicht sind die deutschen NS-Mörder lange genug tot. Vielleicht suchen die Menschen angesichts der anhaltenden Finanzkrise und der zunehmenden Unsicherheiten in der Arbeitswelt sowie im Privatleben nach Sicherheit. Diese kann True Crime bieten, da die Bücher stets gelöste Fälle behandeln. Für einmal hat auch in der Wirklichkeit das Gute gesiegt. Vielleicht will man einfach, dass es ein paar fähige Gendarmen gibt, die böse Räuber fangen.

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