Nr. 35/2013 vom 29.08.2013

Das rote Tuch

Ruedi Widmer über den 1:12-Fahnentaumel.

Von Ruedi Widmer

Der serbisch-schweizerische Doppelbürger und Walliser Bildungsdirektor Oskar Freysinger hängt eine Fahne aus dem Fenster. Irgendwas Historisches vielleicht? Die Flagge ist rot/weiss. Es ist die 1:12-Fahne der Jungsozialisten. «Ach, das hätte ich jetzt nicht gewusst. Ich fand sie einfach noch schön.»

So geht es vielen. Landauf, landab öffnen sich die Fenster, und diese roten Fahnen werden herausgehängt. Mein Facebook war letzten Samstag gespickt mit Fotos von linken Telefonzentralen, in denen engagierte andere noch nicht engagierte Leute überredeten, mit einem solchen roten Tuch ihre Nachbarn zu provozieren. Nur sollten die Jusos nicht selber grössenwahnsinnig werden: Aus keinem Fenster dürften mehr als zwölf Fahnen hängen.

Gegenstände, die plötzlich alle haben, gibt es viele. Die Plötzlichkeit ist manchmal so plötzlich, dass man sie gar nicht mitbekommt. Ich hatte kürzlich das Vergnügen, in einem Heissluftballon mitfahren zu dürfen. Das ist nicht nur aviatisch und geografisch interessant, es ist auch soziologisch wertvoll, wenn man auf 150 Metern Höhe gemütlich über Thurgauer Dörfer hinwegfliegt. So haben heute alle jungen Familien mit Kindern ein Trampolin im Garten. Fünf Häuser nebeneinander, fünf Trampoline. Als Vater kenne ich zwar solche Trampoline, nicht aber ihren wichtigen Status für den vom Absturz bedrohten Mittelstand.

Bekannt ist mir allerdings, dass seit geraumer Zeit alle kleinen Buben Piraten sind. Mein Sohn schätzt nur noch Gegenstände, auf denen ein Totenkopf abgebildet ist. Die Economiesuisse könnte die 1:12-Fahne mit einer schwarzen Totenkopffahne kontern. Wahlweise stünde darunter «Die Schweiz geht unter», «Der Tod der Schweiz» oder «Die Schweiz stirbt – Nein zu 1:12». Die des Lesens und der Ökonomie unkundigen Piratenkinder würden ihre Eltern bestürmen, um eine solche Fahne zu bekommen. Diese hätten Gewissensbisse, dem Kind die Freude zu vergönnen. So zöge der Wirtschaftsdachverband die Kinderwelt auf seine Seite. Es geht schliesslich um die Zukunft beider. 

Oder aber: Die Economiesuisse bestellt einfach massenhaft 1:12-Fahnen bei diesen Juso-Telefonzentralen, und ihre 100 000 Mitgliedsfirmen hängen sie bei sich und ihren zwei Millionen Angestellten aus dem Fenster. Das hat genau vier Vorteile. Erstens: Die Linken meinen angesichts der rot zugepflasterten Schweiz, die Initiative sei so gut wie gewonnen, und tanzen sich am Wochenende lieber frei, statt abzustimmen. Zweitens: Die Rechten wähnen die Schweiz in einer bolschewistischen Revolution. Sie schicken alle verfügbaren Kräfte, Männer, Frauen, Alte, Kinder, Haustiere in die Stimmlokale. Die Initiative wird so mit 99:1 Prozent abgelehnt. Drittens: Die Kosten für den Economiesuisse-Sieg übernimmt die Juso. Viertens: Die dadurch eingesparten eigenen Mittel des Verbandes gehen als hübsches Weihnachtsgeld 2013 ans Präsidium. Das wäre ein sauberer Einstand für den kommenden Präsidenten Heinz Karrer. Er kann sich bei mir melden, dann händige ich ihm das Konzept aus. Gratis natürlich, ich bin ja ein Linker.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur und zu erreichen via www.ruediwidmer.ch.

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