Nr. 42/2020 vom 15.10.2020

Klingeln bei der Kovi

Warum Familie Etter, Herr Stocker, Familie Schilter, Frau Schläpfer und Frau Hosp eine Fahne für die Konzernverantwortung gehisst haben. Fünf Hausbesuche in der Schweiz.

Von Raphael AlbisserMail an AutorIn, Kaspar SurberMail an AutorIn (Text) und Milad Ahmadvand (Fotos)

Es regnet in Strömen an diesem Samstagvormittag. Während der Fahrt mit der Zentralbahn hinauf auf den Brünig sind schon erste Wiesen überflutet, und langsam kommen uns doch ein paar Zweifel: Ob bei diesem Wetter überhaupt jemand die Tür öffnet?

Dabei war der Plan doch so überzeugend! Einfach losfahren hinaus in dieses Land und nach dem Zufallsprinzip bei Häusern klingeln, an denen die Fahnen wehen. Die orangen Fahnen, die zunächst eher spärlich hingen, jetzt aber in der ganzen Schweiz für die Konzernverantwortungsinitiative werben. Die Leute würden uns bestimmt hereinbitten, einen Kaffee auftischen und erzählen, warum sie für diese Initiative sind, die von den Firmen den Schutz der Menschenrechte und die Einhaltung von Umweltstandards verlangt. Und überhaupt: Was sie denken über die Rolle der Schweiz in der Welt.

Ins Berner Oberland wollen wir, in die Luzerner und Zuger Vororte, schliesslich nach Winterthur, einmal quer durch die Stadtlandagglo der Schweiz. Was das wohl für Leute sind, die in den Häusern mit den Fahnen wohnen: Linke, Junge, Ärmere, Bürgerliche, Alte, Vermögende? Was hat sie persönlich, beruflich, politisch für die Initiative begeistert? Was eint, was trennt sie?

Lenggasse, Meiringen BE

Beim Ausstieg in Meiringen regnet es noch immer. Hier, wo bekanntlich das Wasser ins Tal stürzt, und mit ihm die Aufklärung des Verbrechens: Im Rücken des Dorfes liegt der Reichenbachfall, an dem sich Sherlock Holmes und James Moriarty duellierten. Das örtliche Holmes-Museum erinnert an die Geschichten des legendären Detektivs, selbst Fahnen in der Hauptstrasse tragen sein Konterfei. Bloss eine Kovi-Flagge ist noch nicht in Sicht. Dann aber, bei einer Rechtskurve, findet sich doch eine, an einem Erker über dem «Märithüsli».

Die BewohnerInnen wollen gerade ins Auto steigen. Mättu, wie er sich vorstellt, und Barbara bieten gleich das Du an. Klar doch, über die Initiative gebe man gerne Auskunft. Fast scheint es, als hätte Familie Etter, auch der jüngere Sohn Tommaso gesellt sich dazu, den Besuch erwartet: Es gibt nicht nur Kaffee und Schokolade, auf dem Wohnzimmertisch liegen auch Statistiken des Staatssekretariats für Wirtschaft griffbereit.

Die Etters, das zeigt sich im Gespräch rasch, sind originelle UnternehmerInnen: Matthias Etter hat als junger Mechaniker und Sonderpädagoge ein Kugelbahnsystem entwickelt, das heute in der Schweiz fast jedes Kind kennt. Die Cuboro-Holzwürfel mit Rinnen und Tunnels lassen sich zu unendlich vielen Bahnsystemen kombinieren. Hergestellt wird das Spiel von einer Schreinerei im Berner Oberaargau, verkauft wird es weltweit. Das ist denn auch der Grund, warum sich Etter, der kürzlich die Verantwortung für die Firma dem älteren Sohn übergeben hat, für die Initiative einsetzt: «Ich musste mich auf Geschäftsreisen oft für unseren Bankenplatz und die Briefkastenfirmen rechtfertigen.» Barbara, die den Betrieb mitgeleitet hat, sagt: «Es war uns immer wichtig, die Verantwortung für das Tun unserer Firma zu übernehmen.»

Als Etter wegen der US-Exporte eine Aktiengesellschaft gründen musste, legten die GründungsaktionärInnen entsprechend Grundsätze zur Geschäftsethik fest: Die Firma soll nachhaltig und zu fairen Bedingungen produzieren lassen und wohltätige Organisationen unterstützen, die den Kapitalismus kritisch hinterfragen. Die Firma hat sich denn auch immer wieder politisch exponiert. So gründete Etter einmal ein örtliches UnternehmerInnenkomitee, das sich gegen das Bankgeheimnis einsetzte. Wenig später schaltete die UBS eine Werbung mit der Kugelbahn im Bild und dem Slogan «Familie Etter träumt». Etter klagte wegen Rufschädigung. Die Grossbank behauptete, die Verwendung des Namens sei versehentlich geschehen. In einem Vergleich musste sich die UBS bei Etter entschuldigen und 5000 Franken an den WWF zahlen.

Als Geschäftsgründer gehört Etter auch zu den UnternehmerInnen, die sich für die Kovi einsetzen. «Die Initiative fordert lediglich, dass sich die grossen Konzerne an das halten, was viele kleinere längst tun. Denn als Kleiner musst du sowieso alles offenlegen.» Mättu zieht die Seco-Statistiken hervor. «Bis zu sechzig Prozent der Rohstoffe weltweit wie Kaffee, Getreide oder Erdöl werden über die Schweiz gehandelt. Die Rohstoffhändler hocken nicht in Deutschland oder sonst wo in der EU, die hocken bei uns. Darum sind wir auch verpflichtet, bei uns Regeln zu erlassen.» Das hätte positive Auswirkungen auf die Länder des Südens, meint Barbara. «Ständig beklagt sich die SVP, dass Geflüchtete hierherkommen. Jetzt können wir einmal etwas gegen die Ursachen tun, die die Menschen in die Flucht treiben: gegen die Ausbeutung, den Waffenhandel, die Korruption.»

Sohn Tommaso, der in Bern wohnt, wirft ein: «Letztlich geht es um unseren Wohlstand. Wir alle wissen, dass ihn die Schweiz zum Teil heimlifeiss auf Kosten der anderen erwirtschaftet. Schau den eigenen Lebensstil an, dann wird dir schnell klar, warum die Initiative einen Schritt hin zu mehr Gerechtigkeit bedeutet. Dieses Argument sollte eigentlich alle überzeugen.»

Die Etters wollen auch im konservativen Meiringen noch ein paar Stimmen gewinnen. Ihre Fahne mitten im Dorf werde durchaus beachtet, im November hätten sie zudem mit dem Lokalkomitee eine Standaktion vor der Migros und einen Infoabend im Kino Meiringen geplant. Bloss die Plakate der Initiative mit den traurigen Kindern, die gefallen ihnen gar nicht. «Diese Tränendrüsenkampagne, die an das schlechte Gewissen appelliert, ist eine etwas problematische Strategie», findet Mättu. «Wir müssen das Positive betonen. Die Schweizer Stimmberechtigten haben die einmalige Chance, in der Welt etwas zum Besseren zu verändern.» Sagts und packt das selbstverfasste Flugblatt ein, das er am Nachmittag im Ladenlokal an der Hauptstrasse aufhängen wird.

Titlisstrasse, Emmen LU

So etwas wie eine Ortsplanung hat es in Emmen offensichtlich nie gegeben. Zwischen Autobahn, Emme und Reuss stehen Wohnhäuser und Gewerbegebäude, ein Schwimmbad und ein Einkaufszentrum unsortiert nebeneinander, in einer Seitenstrasse scheppert an diesem Dienstagnachmittag eine Radiosendung auf Albanisch aus einem Fenster. Plötzlich wird es ohrenbetäubend laut, als eine F/A-18 zur Landung auf dem Militärflugplatz nebenan ansetzt. Emmen, der Luzerner Vorort, zählt zwar seit fünf Jahren mehr als 30 000 EinwohnerInnen, weigert sich aber standhaft, Stadt genannt zu werden.

Emmen ist klassische Agglomeration, die Sonnenstoren von so mancher Blocksiedlung leuchten in der Farbe Orange. Kovi-Fahnen hingegen lassen sich auch nach längerer Suche bloss drei ausfindig machen, zwei davon am selben Haus, doch niemand öffnet die Tür. Hinter dem verwaschenen Hochhaus, in dem die Gemeindeverwaltung untergebracht ist, führt die Strasse auf eine Anhöhe. Oben findet sich ein schmuckes Quartier, in dem die verschlungenen Strassen die Namen von Schweizer Bergen tragen. Weit hinten an der Titlisstrasse, wo man schon gar nicht mehr damit gerechnet hätte, findet sich dann doch noch eine weitere Fahne. Fein säuberlich aufs Balkongeländer über der Tür gespannt, gleich unter den zwei Geranientöpfen. Diesmal wird das Klingeln erhört. «Kein Problem, kommen Sie nach hinten auf den Gartensitzplatz», sagt Robert Stocker.

Nicht ohne Stolz zeigt er auf eine zweite orange Fahne, die hinter dem Haus prangt. Eigentlich sei es seine Frau, die sich im Emmer Lokalkomitee für die Initiative einsetze, doch die Katechetin der reformierten Kirche sei heute gerade unterwegs. «Die Initiative und die Kirche haben ja ein ähnliches Grundanliegen, sie setzen sich für ein Zusammenleben ohne Ausbeutung ein.»

Robert Stocker ist in Emmen aufgewachsen, sein ganzes Leben verbrachte er hier. Er hat als Bauingenieur gearbeitet, vor vier Jahren ging er in die Frühpension, die Tochter und der Sohn sind längst ausgezogen. Früher war Stocker Mitglied bei der FDP. Heute sind ihm einige PolitikerInnen der Partei zuwider, die in Bundesbern bloss für ihre Wirtschaftskollegen schauten und alles andere blockierten. «Ich bin immer noch liberal. Mir ist Eigenverantwortung wichtig, und ich will möglichst wenige Gesetze, der Unternehmer soll entscheiden dürfen», sagt Stocker. Seine Frau und er seien aber auch sehr grün, betont Stocker, «eigentlich sind wir grünliberal».

Stocker ist Präsident eines örtlichen Alpen-Clubs. Vor allem die Bergwelt und die Gletscher liegen ihm am Herzen. Die Gefahren für den Bergsport würden immer grösser wegen des Klimawandels, sagt er. Im Gespräch ist ein durchaus sportlicher Ehrgeiz spürbar, den eigenen ökologischen Fussabdruck zu minimieren. Er deutet auf die Wärmepumpe im Keller und die Fotovoltaikanlage auf dem Dach. Seit sieben Jahren fährt das Ehepaar zudem ein Elektroauto, und da landet man schon wieder bei der Kovi: «Wir wollen Verantwortung als Konsumenten übernehmen», sagt Stocker, doch gerade beim Elektroauto seien die Möglichkeiten begrenzt. «Ich möchte eine Batterie, die regulär hergestellt wurde.» Das bedeute, dass es in den Minen, in denen die Rohstoffe gefördert würden, keine Kinderarbeit gebe und Umweltauflagen erfüllt würden. «Ich will das mit gutem Gewissen kaufen können.»

Im Nachbarhaus gehen derweil Handwerker ein und aus. «Wissen Sie, wer da wohnt?», fragt Robert Stocker verschmitzt. «Felix Müri, der ehemalige SVP-Nationalrat.» Die beiden haben ein nachbarschaftliches Verhältnis, jassen und essen einmal pro Monat zusammen. Stocker zeigt auf weitere Häuser in der Umgebung, in denen Emmer FDP- und CVP-Persönlichkeiten wohnen. «Auch wenn im Quartier keine Fahnen hängen, so bin ich mir doch sicher, dass einige von ihnen Ja stimmen werden im November.»

Mühlestrasse, Baar ZG

Das weisse Gebäude, das sich mehr schlecht als recht hinter ein paar Hecken versteckt, ist enttäuschend unscheinbar. Hier in Baar, gleich hinter der Ortsgrenze von Zug, hat Glencore seinen Hauptsitz. Der grösste Rohstoffkonzern der Welt ist eines der liebstes Feindbilder der Kovi-BefürworterInnen. Weltweit haben 160 000 Beschäftigte für den Konzern im letzten Jahr etwa 200 Milliarden Franken umgesetzt. Doch höchstens an den schweren schwarzen Karossen, die mit getönten Scheiben auf den Quartierstrassen umherkurven, lässt sich erkennen, dass hier eine wichtige Firma sitzt. Ob es auch in der Glencore-Gemeinde Fahnen gibt?

In sicherer Entfernung zum Hauptsitz findet sich die erste, hinter einem hübsch renaturierten Bach, an einem weiss gestrichenen Einfamilienhaus. Doch niemand öffnet. Drei weitere Versuche in der Umgebung bleiben ebenso erfolglos. Am anderen Ende von Baar, direkt am Bahngleis und gut erkennbar aus dem Zug zwischen Luzern und Zürich, leuchtet die Flagge der Familie Schilter. Der achtzehnjährige Sohn Marco kommt gerade mit dem Fahrrad von der Arbeit. Er zögert zuerst, die Wohnung sei schliesslich nicht gerade auf Besuch vorbereitet. Wir sollten zuerst seinen Bruder Alejandro fragen, der mit dem Auto einbiegt. «Klar, gehen wir nach oben», sagt dieser.

Schilters wohnen zu dritt hier, Mutter Margarita gesellt sich ebenfalls zum Gespräch am Gartentisch. Alejandro hat die Fahne vor einiger Zeit aufgehängt, nachdem er auf Facebook von der Initiative erfahren hatte. «Ich unterstütze die Idee, dass man nicht auf Kosten anderer Menschen leben sollte», sagt der Dreissigjährige, der in Zug bei mehreren Firmen als Technischer Hauswart arbeitet. Bruder Marco, der eine Lehre als Elektroinstallateur macht und in diesem Jahr erstmals abstimmen darf, wurde auf Instagram auf die Initiative aufmerksam. Ihm ist die Umwelt wichtig. «Mein Hobby ist Snowboarden» sagt er, «und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dieses Hobby eines Tages nicht mehr ausüben zu können.»

Margarita ist in Madrid aufgewachsen. Mit 26 erhielt sie einen Arbeitsvertrag in einem Hotel am Zürichsee, absolvierte eine Hotellerieschule. Drei Jahre später wurde sie schwanger und ging ohne den Schweizer Vater nach Madrid zurück. Mit acht habe Alejandro seinen Vater kennenlernen wollen, weshalb sie wieder in die Schweiz kamen. Diesmal blieben sie. «In der Schweiz gefällt es mir einfach viel besser als in Spanien», sagt sie. «Die Arbeit, die Leute, die Natur, alles ist anders.» Heute arbeitet Margarita in der Reinigungsbranche. «Hier sind wir Mittelstand», sagt Alejandro. «Für unsere Verwandten in Madrid sind wir aber die Reichen, die das ganze Geld der wohlhabenden Spanier bunkern.» Und zwar nicht nur das von Exkönig Juan Carlos, betont Margarita. «Reiche Spanier schicken ihre Kinder hierher, um ihnen eine gute Ausbildung zu ermöglichen.»

Könnte der Reichtum der Schweiz mit dieser Initiative nicht in Gefahr geraten? «Davor habe ich keine Angst», sagt Alejandro bestimmt. «Vielleicht würden wir etwas Wohlstand einbüssen, aber zugunsten der Gerechtigkeit.» Genau darum gehe es ihm, der sich «partei- und religionslos» nennt: dass kein Reichtum auf Kosten anderer angehäuft werde. Er weiss von Landsenkungen, Wasserschäden und Lungenkrankheiten zu berichten, die Schweizer Konzerne in den Ländern des Globalen Südens zu verantworten hätten. «Wenn ich Fehler mache, muss ich ja auch für die Folgeschäden aufkommen», sagt er. «Warum sollen die Grossfirmen nicht ebenfalls haftbar sein?»

Salstrasse, Winterthur ZH

Fahnen in Meiringen, in Emmen und sogar in Glencore-Baar: Wie viele hängen eigentlich im ganzen Land? 60 000 seien es derzeit, teilt das Initiativkomitee auf Anfrage mit. Zwei Drittel flattern in der Deutschschweiz, ein Drittel in der Westschweiz und einige Hundert im Tessin. Der Kanton mit der höchsten Fahnendichte pro EinwohnerInnen sei Baselland. Bald wollen Lokalkomitees zusätzlich noch tausend drei Meter lange Banner aufhängen, noch mehr Orange. Das längste ist schon am Bahnhof Zürich Altstetten zu sehen, es ist 26 Meter lang. Produziert werden die Fahnen übrigens im Auftrag einer Schweizer Firma in Griechenland, aus recyceltem PET.

Auch die Fahnendichte im Neuwiesenquartier hinter dem Bahnhof Winterthur ist ziemlich hoch. Sie hängen an Fenstern und an Apfelbäumen, eine schon etwas verblichene Flagge ist am Balkon der Parterrewohnung von Gabriela Schläpfer befestigt. «Ich unterstützte die Initiative von Beginn weg. Weil ich sie gut finde und weil ich einen persönlichen Grund habe», sagt sie. Beim Gespräch in der Stube verrät sie, dass sie ihre Banklehre im Firmenimperium von Marc Rich gemacht habe, aus dem später Glencore entstanden ist. «Ich komme aus einfachen Verhältnissen, war froh um die Lehre, aber danach habe ich mir geschworen: Nie mehr arbeite ich auf einer Bank.» Die Millionen, die auf Nummernkonten verschwunden seien, die Direktoren, die plötzlich ihren Platz hätten räumen müssen: «Alles wirkte undurchschaubar. Je mehr ich wissen wollte, desto weniger Antworten habe ich erhalten.» Und so füllte sie weiter die Kreditpapiere für die Verschiffung von Waren aus, bis die Lehre zu Ende war.

In den Folgejahren arbeitete Schläpfer bei Versicherungen und in Industriebetrieben. «Ich habe viel gesehen und eines gelernt: Fast überall geht es nur um die Optimierung des Gewinns.» Irgendwann beschloss sie, die ihre Lehre zwischen Nummernkonten gemacht hatte, «nicht länger ein Nümmerchen» in einem Betrieb zu sein. Heute arbeitet Schläpfer bei der Integrierten Suchthilfe Winterthur – und unterstützt Ideen von der Alternativen Bank bis zur Konzernverantwortungsinitiative. Politisch aktiv wurde sie aber nie. Dafür ging Schläpfer immer gerne auf Reisen, nach Indien oder Südostasien – und lebte länger in Chile, wo ihre Tochter zur Welt kam. Das habe ihren Blick auf die Schweiz geschärft, auch bezüglich der Arroganz, mit der gewisse Firmenchefs im Ausland aufträten. Einmal habe sie im Schweizerclub in Chile einen Nestlé-Boss getroffen. «Der sagte tatsächlich: ‹Chile wäre gut, wenn bloss die Chilenen nicht wären.›» Auch deshalb hofft sie auf eine Annahme der Initiative: damit die Arroganz gegenüber dem Süden endlich überwunden wird.

Ein eigenwilliger Unternehmer und eine kritische Angestellte, ein ehemaliger FDPler und ein junger Parteiloser: Die Leute, die eine Kovi-Fahne vor das Haus hängen, kommen aus ganz unterschiedlichen sozialen Milieus. Aber vielleicht verbindet sie doch einiges: die Sorge um die Umwelt, ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und auch der Anspruch, dass das eigene Handeln mit dem Denken übereinstimmt. Vermutlich macht das die Initiative auch so populär: Sie bedeutet längst keine Revolution, erinnert die Schweiz aber doch an einige Werte, die sie gerne in Sonntagsreden vor sich herträgt, aber im Geschäft unter der Woche selten einlöst.

St. Georgenstrasse, Winterthur ZH

Diesen Eindruck bestätigt auch Ursula Hosp, die als Letzte an diesem Freitagnachmittag in Winterthur die Tür öffnet. «Eigentlich müsste es diese Initiative doch gar nicht geben», sagt sie als Erstes auf die Frage, warum sie die Kovi unterstütze. «Es müsste selbstverständlich sein, dass Schweizer Unternehmen nicht nur hier ihre Verantwortung wahrnehmen, sondern überall in der Welt.» Wenn man das den Firmenchefs schon nicht persönlich sagen könne, dann wenigstens über diese Initiative.

Hosp arbeitet als Lehrerin, ihr Mann ist als Architekt tätig. Sie haben drei erwachsene Kinder, eines davon hat Trisomie 21, was sie auch für die Bedürfnisse von Schwächeren sensibilisiert habe. «Politisch ziehen wir alle am gleichen Strick, wir wählen schon immer klar Rot-Grün.» Sie informiere sich über Public Eye und Amnesty, direkt politisch engagiert hat aber auch sie sich bisher nicht. «Ich versuche, meinen Schülerinnen und Schülern eine Haltung vorzuleben. Das zu tun, was man sagt, darum geht es ja auch bei dieser Initiative.»

Ihre Kovi-Fahne sei eine der ersten im Quartier gewesen, erzählt Hosp. Erfreulicherweise seien ihr weitere gefolgt. Tatsächlich leuchtet es draussen auf der Strasse an einigen Orten orange. Andere NachbarInnen haben, vor der Abstimmung über die SVP-Begrenzungsinitiative, allerdings auch auf Rot geschaltet. An zwei Hauseingängen prangt eine Schweizer Fahne. Der Slogan darauf: «Frei. Unabhängig. Schweiz.»

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