Nr. 36/2013 vom 05.09.2013

Traumwandlerischer Niedergang

Mit Chico Buarques Roman «Vergossene Milch» und «Flut» von Daniel Galera erscheinen dieser Tage zwei Titel aus Brasilien, die verschiedenen Formen des Zerfalls in Gesellschaft, Familie und Individuum nachspüren. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein.

Von Lennart Laberenz

Das Schicksal, die Umstände, der Determinismus, die die zarte Flamme des menschlichen Willens bedrohen – sie bilden in zwei brasilianischen Familienromanen eine Grundströmung, die unterschiedlich an der Oberfläche auftaucht. «Vergossene Milch» von Chico Buarque ist die Saga einer jener Familien, deren Stammbaum sich wie die Strassenpläne von Rio de Janeiro oder São Paulo liest und zugleich einen steten Weg in Verfall und Armut zeichnet.

Weniger ausgreifend ist Daniel Galeras Roman «Flut», in dem sich der namenlose Protagonist auf die Suche nach Sinn und Vorfahren im südlichen Bundesstaat Santa Catarina macht. Beide Romane erzählen Geschichten aus einer Gesellschaft, in der Korruption und Gewalt an der Tagesordnung sind und der Staat oft abwesend scheint.

Elegant und eigenwillig

Chico Buarque, 1944 geboren, mit vollem Namen Francisco Buarque de Hollanda und Angehöriger des Bildungsbürgertums von Rio de Janeiro, ist Musiker, Poet und Schriftsteller, ein wichtiger Vertreter der brasilianischen Populärmusik. Politisch engagiert, ging er einst wegen der brasilianischen Militärjunta ins Exil und setzt sich immer wieder für die Landlosenbewegung MST ein. In seinem jüngsten Roman entwirft Buarque das Panorama Brasiliens aus den Wurzeln der portugiesischen Kolonialisierung und dem Königreich bis zur Gegenwart und hält sich dabei an das brasilianische Sprichwort: «Vater reich, Sohn adelig, Enkel arm.»

«Wenn ich hier rauskomme, heiraten wir auf der Fazenda, dem Ort meiner glücklichen Kindheit, da draussen am Fuss der Berge.» So beginnt der Monolog des Eulálio Montenegro d’Assmupção, «dann bekommen Sie die Spitzenwäsche, die Kristallgläser, das Geschirr, den Schmuck und den Namen meiner Familie.» Allerdings sind Landsitz, Familienschmuck und der einst strahlende Name des mittlerweile Bettlägrigen nur noch Schäume und Erzählungen eines Nachtwandlers.

Eulálio d’Assmupção, geboren 1907, verwitwet, Vater, Grossvater und Urgrossvater einer Serie von Eulálios, richtet sich an jene Krankenschwestern, die ihn pflegen, an die Tochter, die selten zu Besuch kommt, und oft an sich selbst. Eine traurige Rede ist es, in der sich ein Leben zusammenfasst, das allen Anlass hat, sentimental zu sein, das am Ende angekommen ist und sich trotzdem gegen das Fortschreiten der Zeit wehren will. Denn die Zeiten haben es nicht gut gemeint mit den d’Assmupçãos; das Talent, die eigene Situation immer weiter zu verschlimmern, hat das Seinige dazu beigetragen.

Buarques Roman ist eine pessimistische Revision der Geschichte Brasiliens, ein steter Niedergang und der Spiegel einer Gesellschaft, in der Kolonisierung, Militärherrschaft und Gewalt einen am Leben zweifeln lassen. Eine elegante und eigenwillige Konstruktion, bei der oft nicht klar wird, was Traum, was Wirklichkeit ist. Ein kleiner, leiser Roman, in dem der starrsinnige Glaube an frühere Privilegien den Niedergang kontrastiert: Käme d’Assmupção noch einmal aus dem Krankenhaus, müsste er zurück in die Favela, in der er längst lebt.

Alles zerfliesst

Daniel Galeras «Flut» dagegen ist nicht klein, nicht unbedingt leise und selten elegant. Vielmehr zerfliesst der Roman in alle Richtungen: Der namenlose Protagonist macht sich nach dem Freitod seines Vaters mit dessen Hund auf, der Geschichte des Grossvaters in Garopaba, einer Küstenstadt Santa Catarinas, nachzuforschen. Dabei trifft er auf einen Mythos: Der hitzköpfige Grossvater, angeblich ermordet während eines Volksfests, ist der Schrecken in der Geschichte der Stadt, über den geschwiegen wird. Der Protagonist, dem Grossvater aus dem Gesicht geschnitten, weckt diesen Schrecken wieder auf.

Stückweise verstehen wir, dass Daniel Galeras Figur, ein gewesener Triathlet und gegenwärtiger Schwimmtrainer, für sich zum Schluss gekommen ist, das eigene Tun sei vor dem Schicksal nichtig. Deshalb hat er sich dem Sport zugewendet, da sich «das dauernde Gefühl, ein Mensch zu sein, durch die extreme körperliche Anstrengung und die Verwandlung seiner Gedanken in Schritte und Schwimmzüge, in Lunge und Herz, ganz von allein auflöst». So wird der Protagonist fremd, in Garopaba und in der Welt. Zugleich ist jeder, der ihm begegnet, auch ein Fremder: Der Namenlose kann sich keine Gesichter merken, muss sich ständig der Identität der Gesprächspartner versichern.

Einer seltsamen Figur, deren Horizont sich rasch erschöpft, folgen wir durch viele Umstände, Begegnungen und Situationen. Dialoge sind entweder situativ gebunden oder nur ein dünner Schleier über den Gedanken des Autors. Und davon hat Galera, ein jüngerer Schriftsteller und Übersetzer, eine ganze Menge. So handelt der Roman Fragen nach Religion, Sinn und Esoterik, der Lebenssituation der Fischer, der allgegenwärtigen Korruption und Gewalt ab. Dem Protagonisten begegnet dies in episodenhafter Form und zugleich oft derart unvermittelt und langatmig, dass weniger literarische Figuren entstehen, als vielmehr das Bemühen des Autors sichtbar wird.

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