Nr. 37/2013 vom 12.09.2013

Alte Linke (sind IdiotInnen)

Linke Politik wird oft als jugendlicher Idealismus gewertet. Dabei sind die AnhängerInnen weltfremder Ansichten anderswo zu finden.

Von Nahyan Niazi

«Wer jung und nicht links ist, hat kein Herz. Wer alt und links ist, hat keinen Verstand.» Manche LeserInnen werden diesem Bonmot zur vermeintlich gesunden Wanderung auf der politischen Links-rechts-Skala schon begegnet sein. Eine weitere Version geht um: «Wer jung und nicht links ist, ist ein Idiot. Wer alt und links ist, ist ein Vollidiot.» Nun gut. Aber was bedeutet es eigentlich, ein linker Idiot zu sein? Höchste Zeit, Idiotieforschung zu betreiben.

Bemüht man die Etymologie, so stösst man auf das griechische Wort «idion», das die Geschichte des «Idiotentums» einläutete. Die Bürger der antiken athenischen Demokratie bewegten sich in zwei Sphären: in der privaten des Hauses («oikos») und in der öffentlichen des Staats («polis»). Eine Trennung, die heute im Zeitalter der Computertechnologie mehr denn je infrage gestellt ist. Das Gesetz des Haushalts («oikonomia», daher der Begriff Ökonomie) war gekennzeichnet durch das, was der Bürger sein eigen nannte («idion»). Im Gegensatz dazu war die öffentliche Sphäre durch das bestimmt, was allen gemeinsam war. Ein Idiot («idiotes») ist in diesem griechischen Verständnis ein Bürger, der sich fast exklusiv nur um Ökonomisches, um Privatangelegenheiten kümmert, beraubt von einer Teilnahme am Öffentlichen («privat» stammt von «privare», dem lateinischen Wort für «berauben»), und so schlechte Urteile in politischen Dingen fällt. Ob jung oder älter, Linke kann man wohl kaum als apolitisch und somit als «idiotisch» bezeichnen.

Die Bedeutung von «IdiotIn» hat sich gewandelt. Heute ist eine Idiotin eine, die nicht mehr nur in politischen Angelegenheiten, sondern allgemein schlechte Urteile fällt. Dass es in unserer halbdirekten Demokratie von links bis rechts manche halbschlaue PolitikerInnen gebe, glauben viele. Aber vermutlich gibt es weniger dumme PolitikerInnen, als man denkt. Vielleicht verbirgt sich hinter einem vermeintlich schlechten Urteil die «idiotische» Absicht, Privatinteressen statt das Gemeinwohl zu vertreten. So geschehen etwa bei der Unternehmenssteuerreform II. Da verschätzte sich Bundesrat Hans-Rudolf Merz im Alter von 65 Jahren bei der Berechnung der Steuerausfälle, die die Reform verursachen würde, um Milliarden von Franken. Es gäbe noch einige Beispiele, die die Frage aufwerfen, wo sich die meisten «IdiotInnen» höheren Alters tummeln: links oder rechts?

Die Frage scheint nicht klärbar, denn private Interessen sind längst öffentliche geworden. Auch im antiken Griechenland waren die von SklavInnen erbrachten ökonomischen Dienste eine Voraussetzung für die politischen Betätigungen der freien Bürger. Die Ökonomie ist immer politisch, aber ist Politik auch immer ökonomisch? Das Bestreben, die ökonomische Logik auf alles anwenden zu wollen, ist eine «Idiotie». So gesehen sind diejenigen die grössten «IdiotInnen», die den Markt alles regeln lassen wollen. MarktpuristInnen wollen möglichst viele Entscheidungsbereiche der Zuständigkeit des Demos entziehen. Beherrscht jedoch der Markt die Politik, dann wird die Demokratie schnell zur «Idiotie».

In der Staatsform der «Idiotie» besitzen die BürgerInnen zwar das Wahlrecht, aber es ist eine Wahl zwischen gleichen Produkten mit verschiedenen Etiketten. Jeder Staatsform ihre eigene Religion: Die Marktreligion der «Idiotie» will aus BürgerInnen «IdiotInnen» züchten. Die BürgerInnen sollen glauben, dass sie nichts weiter verdienen, als was sie sich auf dem «freien» Markt erarbeiten können. Mindestlohnforderungen zum Beispiel sind eine Sünde.

Marktreligiöse berufen sich gerne auf den Ökonomen Friedrich August von Hayek. Soziale Gerechtigkeit in einem Marktsystem einzufordern, wo niemand die Ergebnisse plane und somit auch niemand an diesen Schuld trage, sei so dumm wie ungerecht. Verteilungsfragen sollen demnach nicht Gegenstand der Politik sein, denn der Markt alleine führe zu einer gerechten Ordnung, wie sie die Menschen selbst nie schaffen könnten. Alles, was die meisten zu dieser gerechten Ordnung beitragen können, ist, als «IdiotInnen» den Privatinteressen nachzugehen.

«Linke» behalten ihren Verstand im Alter bei, gerade weil sie sich von der Marktreligion weder das Denken noch das Fühlen abnehmen lassen wollen.

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