Nr. 37/2013 vom 12.09.2013

Schutzlos in der Damaszener Nacht

Von den Millionen vom Bürgerkrieg vertriebenen SyrerInnen landen viele in der Hauptstadt des Landes. Sowohl die Behörden als auch die BewohnerInnen von Damaskus sind überfordert.

Von Martin Lejeune, Damaskus

Noch weit nach Mitternacht staut sich die Hitze in den Strassen in al-Mardscheh im Zentrum von Damaskus. Das Quartier als «versifft» zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Es riecht nach Bratfett, dem Rauch von Wasserpfeifen und nach Fäulnis aus all den Müllsäcken, die seit einigen Tagen nicht abgeholt worden sind. Strassenimbisse stehen vor dreckigen Hoteleingängen.

Diese heruntergekommenen Hotels werden heute vor allem von Vertriebenen bewohnt. Internationale Organisationen sprechen von sechs Millionen SyrerInnen, die geflohen sind – viele davon in die Hauptstadt. Die Hotelzimmer, eines dicht an das andere gereiht, sehen aus wie Gefängniszellen und kosten doch ein kleines Vermögen. Trotzdem sind die Hotels ausgebucht. Viele Vertriebene haben kein Zimmer mehr bekommen, manche können es sich schlicht nicht leisten. Sie schlafen auf den staubigen Strassen, meist nur in Pappkartons eingehüllt, während daneben die Ratten auf der Suche nach heruntergefallenen Speiseresten herumstreichen.

Der Doppelflüchtling

Eine Nacht in Zimmer 10 des Hotels Ar-rabie im Sarudscha-Quartier: Die vier Männer, die sich den kleinen Raum teilen, kommen alle aus Damaskus. Das Zimmer hat kahle Wände, einen kleinen Tisch, einen schmalen Schrank, keine Klimaanlage. Hier ist es noch heisser als auf der Strasse. Die Betten stehen eng beieinander. Auf zwei Stühlen stapeln sich Kleidungsstücke, unter den Betten sind Reisetaschen und Plastiksäcke verstaut. Fliessendes Wasser gibt es schon seit über 24 Stunden nicht mehr, zum Waschen gibt es nur das Wasser aus den Plastikflaschen, die man im Laden neben dem Hotel kaufen kann.

Die vier Damaszener Binnenflüchtlinge in Zimmer 10 erzählen ihre jüngste Geschichte. «Terroristen», wie die Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA) und anderer Verbände der Aufständischen hier genannt werden, hätten sie aus ihren Wohnungen vertrieben, oder die Wohnungen seien durch Gefechte zwischen der FSA und der regimetreuen Syrischen Arabischen Armee zerstört worden. Der Älteste der vier ist ein Doppelflüchtling. Er war erst aus dem palästinensischen Nablus vertrieben worden und kam nach Damaskus in das riesige Flüchtlingslager Jarmuk, wo über Jahrzehnte weit mehr als 100 000  PalästinenserInnen lebten. Nachdem dort Kämpfe zwischen der FSA und der Syrischen Arabischen Armee ausgebrochen waren, zog er in dieses spartanisch ausgestattete Hotel.

Kaugummi gegen Hunger

Zwischen den unzähligen Hoteleingängen von al-Mardscheh, in denen die traurigen Schicksale Hunderttausender in Damaskus gestrandeter Flüchtlinge aufeinandertreffen, gibt es eine spärlich beleuchtete Strassenecke. Sie ist selbst mitten in der Nacht noch viel befahren. Auf dem Steinboden vor den heruntergelassenen Metalllamellen eines dunklen Ladenlokals liegen zwei Kleinkinder, der Knabe höchstens ein Jahr alt, das Mädchen vielleicht zwei Jahre.

Sie schlafen beide tief, während die Autos vorbeirauschen und die Imbissköche gegenüber Falafel frittieren. Doch da ist keine Mutter, kein Vater, der über ihren Schlaf wacht. Schutzlos und allein sind sie dieser Nacht ausgeliefert. Auch hier im Zentrum ist alle fünf Minuten der Einschlag einer Granate oder einer Rakete zu hören. Nach einer Stunde liegen die Kleinkinder noch immer unbeaufsichtigt dort. Der Koch des nahen Essensstands vermutet, dass die Eltern vielleicht in einem anderen Quartier gerade betteln gehen, aber genau weiss er es auch nicht. Ihn wundert nichts mehr.

An praktisch jeder Strassenecke zeigt sich ein ähnliches Bild: Bettelnde fragen nach Münzen, verwaiste Kinder flehen mit grossen Augen um Brot oder wenigstens um einen Kaugummi, der vom Hunger ablenken würde. Die Kinder kommen aus Städten wie Aleppo, Dar’a, Homs, Deir Essor oder al-Rakka und erzählen, dass ihre Eltern bei Angriffen umgekommen seien.

Das Ausmass an Armut, die hohe Zahl an Bettelnden und Obdachlosen sind ein Novum in Damaskus, wenn nicht gar in ganz Syrien. Es hat zwar immer eine – im Vergleich zur Mittelschicht in den Städten – ärmere Landbevölkerung gegeben, doch diese hatte Häuser, in denen sie schlafen, und Felder, dank derer sie sich versorgen konnte.

Nun sind viele LandbewohnerInnen in Damaskus gelandet. Die Infrastruktur der Millionenstadt ist keineswegs für Hunderttausende Neuankömmlinge ausgelegt. Die Behörden tun zwar einiges, allerdings sind sie überfordert. Lokale Hilfskomitees springen ein, aber sie können nur punktuell helfen. Diese Komitees verfügen nicht über ausreichende Hilfsgüter und Spenden, um alle Flüchtlinge in ihren Vierteln unterstützen zu können.

Diplomatische Wendung

Entspannung in der Hauptstadt

Bereits ist in westlichen Medien von einem «diplomatischen Geniestreich» die Rede oder gar von einer «ernsthaften Möglichkeit, einen Krieg zu verhindern». Seit Dienstag sind zwar Möglichkeiten eröffnet worden, die internationale Krise zu lösen, die durch mutmassliche Giftgaseinsätze der syrischen Armee ausgelöst wurde. Ob die jüngste diplomatische Wendung jedoch mittelfristig auch den syrischen Bürgerkrieg beendet, ist stark zu bezweifeln. Der russische Aussenminister hatte am Dienstag Syriens Regierung aufgefordert, ihre Chemiewaffen unter internationale Kontrolle zu stellen und vernichten zu lassen. Der syrische Aussenminister versprach, dies zu tun. Auch die verbündete iranische Regierung begrüsste eine solche Lösung. Russland und China stellen sich derzeit im UN-Sicherheitsrat gegen die Verabschiedung einer Resolution, die einen militärischen Eingriff ermöglichen würde, falls die syrische Regierung ihrem Versprechen nicht nachkommt (vgl. «Ein Präsident will autoritär sein»).

In Damaskus war die Stimmung bis Dienstag noch angespannter als sonst. Die BewohnerInnen erwarteten besorgt die Angriffsentscheidung der USA. Während alle paar Minuten schwere Explosionen an den Stadträndern zu vernehmen waren, kam es zu Hamsterkäufen. Nun, da die Abstimmung im US-Kongress ausgesetzt wurde, ist unter den DamaszenerInnen eine Entspannung zu spüren. Viele haben die «Rede an die Nation» von US-Präsident Barack Obama zwar aufmerksam verfolgt, messen ihr aber kein grosses Gewicht mehr bei.

Viele DamaszenerInnen begrüssen die Abwendung des angedrohten Militärschlags und schreiben dies einer geschickten syrisch-russischen Diplomatie zu. «Präsident Barack Obama ist der grosse Verlierer, Präsident Baschar al-Assad der grosse Gewinner in dieser Runde der Partie», sagte ein Bäcker am Afifplatz im Zentrum von Damaskus am Mittwochmorgen.

Andere sehen die jüngsten Entwicklungen weniger positiv. Chaled al-Maschriki, ein dreissigjähriger Ingenieur, fragt: «Wer sagt denn, dass mit dem jüngsten diplomatischen Winkelzug ein Angriff durch die USA und Frankreich wirklich abgewendet ist?» Auch gibt Maschriki zu bedenken, dass sich Assads Vorstoss auf dem Gebiet der Proliferation noch als schwerer Fehler herausstellen könnte: «Immerhin ist der Besitz chemischer Waffen ein strategischer Vorteil, den Syrien nun verliert», sagt der Ingenieur. Ausserdem seien diese chemischen Waffen für Syrien immer nur ein Mittel gewesen, um Israel vor einem Angriff auf Syrien abzuschrecken, so Maschriki: «Die jüngste Entwicklung bedeutet also auch eine Schwächung Syriens gegenüber Israel.»

Martin Lejeune, Markus Spörndli

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