Nr. 38/2013 vom 19.09.2013

Wer wird ins Meer geworfen?

Die einen leben schamlos im Überfluss, die anderen werden für überflüssig erklärt. Gewöhnt uns die Kulturindustrie mit ihren Katastrophenszenarien an die Unmenschlichkeit?

Von Ulrike Baureithel

Spätestens seit es Peter Weiss in seinem grossen Roman «Die Ästhetik des Widerstands» (entstanden zwischen 1975 und 1981) behandelt hat, gehört Théodore Géricaults Gemälde «Das Floss der Medusa» zum ikonografischen Bestand. Vom Kampf der 150 Menschen, die sich 1816 vor der afrikanischen Küste auf ein Floss gerettet hatten, überlieferte der junge Maler drei Jahre später die aufwühlende Vorstellung eines einzigen Augenblicks. Das monumentale Gemälde hält den zwölften Tag fest, mit den noch fünfzehn Überlebenden, die mit «aufgerissenen Mündern und heraushängenden Zungen zum letzten Schrei ansetzen». Weiss hat diesem Bild in seinem Roman einen zentralen Platz eingeräumt, es ist für ihn die «Vision eines gehetzten, zerstörten Lebens» und eine ästhetische Signatur für die Niederlage im Spanischen Bürgerkrieg. Der Komponist Hans Werner Henze hatte der Katastrophe der Fregatte La Méduse bereits 1968 ein eindrucksvolles Oratorium gewidmet.

Mit den Ereignissen auf der «Medusa» setzt auch Ilija Trojanows Traktat «Der überflüssige Mensch» ein, ohne Verweis auf seine vorangegangenen Interpretationen, aber mit deutlich kritischer Absicht. Auf dem Floss hat sich eine Schicksalsgemeinschaft zusammengefunden, die zu «unangenehmen Entscheidungen» gezwungen ist: Wer wird ins Meer geworfen, damit die Übrigen überleben? Und wer ist es überhaupt wert, gerettet zu werden? Das Bild vom überfüllten Boot, das nicht alle aufnehmen kann, ist nicht nur eine gängige Metapher in der populistischen Debatte, auch PhilosophInnen greifen darauf zurück, wenn es um die Verteilung knapper Güter geht, die «tödliche Entscheidungen» (Weyma Lübbe) fordern.

Dampf aus dem Kessel

Der aus Bulgarien stammende Schriftsteller, der sich mit seiner kleinen Schrift in die seit Stéphane Hessel wiederauferstandene Tradition der Anklageliteratur stellt, wendet die Aussage «Das Boot ist voll» gegen die, die sich im Boot einen Platz gesichert zu haben meinen und davon ausgehen, sie seien unersetzlich: Wer so rede, impliziere, dass es wertvolles und unwertes Leben gebe. Die Überflüssigen sind aus dieser Perspektive natürlich immer nur die anderen. Das sah Thomas Malthus um 1800, als er Sozialgesetze ablehnte, weil sie den Armen die Fortpflanzung sicherten, nicht anders als sein Nachfolger im Geiste, der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin. Den Eliten geht es darum, Dampf aus dem Kessel der Überbevölkerung zu nehmen.

Im Schatten des Überflusses, so die zentrale These Trojanows, stehe deshalb der für überflüssig erklärte Mensch. Von den OligarchInnen und den ReservistInnen unterscheide er sich dadurch, dass Erstere, die euphemistisch nur «die Superreichen» genannt werden, ihren Reichtum nutzten, um ihren Einfluss zu mehren, und die ReservistInnen – die Ein-Euro-Jobber oder die sich in prekären Gefilden selbst optimierenden Dienstleisterinnen – von der Hoffnung getragen werden, «wieder einberufen zu werden in die Armee der Werktätigen». Wie die Überflüssigen geniessen sie paradoxerweise zwar nach wie vor universelle Rechte, nutzen sie jedoch nur, um wieder in die Sphäre des Konsums aufzusteigen. Denn das schlimmste Verbrechen in unserer Gesellschaft ist der Konsumverzicht: «Wer nicht konsumiert, ist nicht vollwertig.»

In der Produktionssphäre hingegen sorgt die exponenzielle Beschleunigung der Produktivkräfte für einen fundamentalen Paradigmenwechsel in der Arbeitsgesellschaft, der, so Trojanows Analogie, nur vergleichbar sei mit der Ersetzung des Pferds im 20. Jahrhundert. Bei der «robotronischen Revolution» sei nun allerdings der Mensch an der Reihe. Da dieser sich nicht ganz so problemlos schlachten lässt wie einst das Pferd, muss man sich die Überflüssigen auf andere Art vom Leib halten. Dafür sorgt die Kulturindustrie. Damit die Zuschauenden auf der sicheren Seite nicht humanistische Zweifel anfallen, besorgt sie mit ihren Katastrophenszenarien Abstumpfung und Gewöhnung an die Unmenschlichkeit: «Nicht die Moral des Helden ändert sich, wie im klassischen Drama, sondern die Moral des Zuschauers, der Einsicht in die Notwendigkeit erlangt, dass die ekligen, alles bedrohenden Opfer des Untergangs massakriert werden müssen.»

Nicht verzagen

Trojanows Erweckungsschrift ist holzschnittartig, keine Frage. Die beliebig herausgegriffenen Balken sind so grob bearbeitet und zusammengefügt, dass der Autor Widerspruch geradezu herausfordert. Wo verlaufen die Grenzen zwischen Inklusion und Exklusion, wer zieht sie, wer gilt als noch produktiv und wer nicht? Und die Überflüssigen, darauf macht Trojanow durchaus aufmerksam, sind gar nicht so überflüssig, denn sie leisten beispielsweise unsichtbare Sorgearbeit. Und es könnte ja sein, dass sich die Notwendigkeiten ändern. Weiter gehende Überlegungen lässt Trojanow allerdings aussen vor, ihm geht es lediglich um die Benennung einer Tatsache, die seiner Auffassung nach weggeheuchelt wird: Es gibt die Überflüssigen, und statt kathartische Empathie zu entwickeln, sollen wir uns daran gewöhnen, sie irgendwie zu entsorgen.

Wirklich dünn – aber das gilt für alle Empörungspamphlete – wird es, wo Trojanow nach Auswegen sucht. Man solle nicht verzagen, fordert er uns mit Wolf Biermann auf, denn eine bessere Gesellschaft und gerechtes und nachhaltiges Wirtschaften seien möglich. Also sollten wir uns gefälligst Gedanken darüber machen, was wir mit unserem Geld anstellen. Das ist in Ordnung, aber erzwingt das den Systemwechsel? Verteidigung der noch verbliebenen «Allmenden», heisst es da weiter, und ein bisschen TV-Entzug täte auch nicht schlecht, denn unsere Zeit ist wertvoll und endlich.

Das alles ist schon wieder so naiv, dass es sympathisch wirkt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch