Nr. 38/2013 vom 19.09.2013

Der stressige Traumjob mit der unguten Kultur

Viel zu wenige junge Leute studieren Informatik, beklagen Branchenverband und Hochschulen. Dabei würden doch zahlreiche lukrative Jobangebote winken. Alles nur ein Imageproblem?

Von Daniel Stern

In diesen Tagen werden die ersten Plakate aufgehängt. Die Informatikbranche will mit der Kampagne «Traumberufe-ICT» gegen den Mangel an Fachkräften im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) ankämpfen. Mehr MaturandInnen sollen sich für ein Informatikstudium entscheiden. Entgegen weitverbreiteten Vorurteilen seien die entsprechenden Berufe vielseitig und kreativ.

Die Informatikbranche hat ein Problem. Bis ins Jahr 2020 bestehe ein «Rekrutierungsbedarf» von 72 500 InformatikerInnen, wie sich der Dachverband der Informatikunternehmen ICT Switzerland vernehmen lässt. Die Branchenorganisation befürchtet, dass diese Zahl um ungefähr 25 000 Leute verfehlt wird. Damit entgingen der Schweiz Milliarden an zusätzlicher Wertschöpfung. Besonders Frauen würden sich wenig für den Berufszweig interessieren. Gerade mal dreizehn Prozent beträgt ihr Anteil unter den Berufsleuten. Und in den Ausbildungsgängen sind es ebenfalls kaum mehr.

«Real existierende Zerrbilder»

Für die ICT-Branche ist alles eine Frage des schlechten Images. Die Medien seien schuld, schreibt etwa ETH-Zürich-Rektor Lino Guzzella zusammen mit Max Gsell von der Hasler-Stiftung in einem offenen Brief. Bilder von «Routine-Bildschirmarbeitsplätzen auf der einen und von Hackern und Freaks auf der anderen Seite» würden das «medienzentrierte Informatikbild» in der Schule dominieren. Diese «real existierenden Zerrbilder» und «irrigen Vorstellungen» würden zur frühen «Abwahl von ICT-Berufen» führen.

Die «Traumberuf»-Kampagne soll drei Jahre laufen und nach einer Testphase in Zürich auf die ganze Schweiz ausgeweitet werden. Die Branche investiert mehrere Millionen Franken. Mit dabei ist auch die Stadt Zürich, die sich als «Top-ICT-Standort Europas» positionieren will. Angeführt wird die Kampagne von Andreas Kaelin, der auch als Geschäftsleiter des Unternehmerverbands ICT Switzerland tätig ist. Ziel soll sein, angeblich falsche Bilder in den Köpfen durch richtige zu ersetzen: «Informatiker sitzen nicht den ganzen Tag zwischen Computern und Kabeln. Der Beruf ist sehr interaktiv und verlangt kommunikative und kreative Fähigkeiten», so Kaelin. Gleichzeitig beklagt er die derzeitigen Vorlieben der Jugend: «Technische Berufe sind einfach nicht sexy. Man studiert lieber Psychologie.»

Die Informatikbranche in der Schweiz generiert nach eigenen Angaben inzwischen 27,3 Milliarden Franken pro Jahr und damit mehr als etwa die Chemieindustrie. Damit diese Zahl weiter steigt – und mit ihr die Profite der Unternehmen –, soll sich gemäss ICT Switzerland schon die Volksschule anpassen. Der Verband fordert, dass der Informatik im Lehrplan 21 ein grösseres Gewicht eingeräumt wird. Begeisterung lässt sich offenbar besser in jungen Jahren wecken.

Die Informatikbranche ist allerdings zum grossen Teil selbst schuld an ihrem schlechten Image. Jahrelang haben zum Beispiel Banken und Versicherungen junge Leute von der Strasse weg angestellt und sie mit einer Schnellbleiche auf ein bestimmtes Computersystem und auf eine spezifische Computersprache angelernt. Eine umfassende Ausbildung wurde «sträflich vernachlässigt», sagt Christoph Hugenschmidt, der auf dem Internetportal it-inside.ch die Branche seit Jahren kritisch begleitet. Dem pflichtet auch Jörg Aebischer bei, Geschäftsführer bei ICT-Berufsbildung, dem Verband der Lehrbetriebe in der Schweiz. Sechzig Prozent der heutigen InformatikerInnen in der Schweiz hätten keine umfassende Informatikausbildung erhalten: «Viele beherrschen nur eine Programmiersprache. Wechseln grosse Banken ihr Computersystem, werden solche Informatiker zusammen mit dem System ausrangiert.» Tatsächlich: Trotz des grossen InformatikerInnenbedarfs sind allein im Kanton Zürich fast 900 ICT-Berufsleute arbeitslos gemeldet.

«Ungute Kultur enger Termine»

Branchensprecher Kaelin spricht von einer «natürlichen Sockelarbeitslosigkeit». Entscheidend sei der Bildungsstand: «Wer als Metzger in die Informatik reingerutscht ist, kann kaum zum Softwareingenieur weitergebildet werden.» Hugenschmidt rechnet damit, dass das Schrumpfen der Finanzindustrie und die Automatisierung der Rechenzentren dazu führen werden, dass Tausende InformatikerInnen – viele von ihnen Quereinsteigerinnen – ihre Stelle verlieren werden.

Arbeitslose InformatikerInnen tragen nicht zu einem besseren Image des Berufs bei. Kommt hinzu, dass die real existierenden Beschäftigungsverhältnisse tatsächlich nicht so traumhaft sind, wie das die aktuelle Kampagne suggeriert. Die Informatikbranche kenne viele «stressige und unsichere Jobs und eine ungute Kultur von engen Terminen und Projektstress», so Hugenschmidt. Frauen würden zudem den Beruf auch deshalb nicht wählen, weil ihnen die oft fehlende vorschulische Kinderbetreuung in der Schweiz eine Babypause aufzwinge. Wer in der Informatik jedoch erfolgreich sein will, muss permanent dranbleiben und sich weiterbilden.

«Die Zitrone ist ausgepresst»

Auch gibt es in der Informatik viel zu wenige Teilzeitstellen. Der durchschnittliche Beschäftigungsgrad liege bei 93 Prozent, sagt Aebischer von ICT-Berufsbildung. «Die Zitrone ist ausgepresst.» Projektarbeit und 24-Stunden-Betrieb von Rechenzentren seien zudem schwer familienverträglich. Und während das durchschnittliche Arbeitspensum der Frauen sechzig Prozent beträgt, liegt es im Bereich der Informatik bei achtzig Prozent. «Aber um mehr Teilzeitstellen anbieten zu können, braucht es ja gerade auch mehr Fachkräfte», so Aebischer. Die Katze beisst sich in den Schwanz.

Giorgio Pardini von der Gewerkschaft Syndicom sieht als zentrales Problem für die Beschäftigten in der Informatikbranche die «Entgrenzung von Arbeit und Freizeit». Eine gewerkschaftliche Arbeitsgruppe sei derzeit damit beschäftigt, konkrete Forderungen zu formulieren. So müsse es auch für InformatikerInnen möglich werden, dass sie zu Hause keine geschäftlichen E-Mails mehr lesen müssten.

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